2009

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30. Dezember 2009

Es hat geklappt an meinem letzten Tag in Schweden 2009, wir konnten nach Jonköping fahren, um meine Verwandten zu besuchen. Es schneite nicht mehr in der Nacht. Wir fuhren an den weiten Golfplätzen, dem kleinen Omberg und Skihügeln vorbei von Östergötland nach Småland, an Gränna vorbei, wo es die leckeren, zähnezerbrechenden rot-weißen, süßen Lutschstangen namens Polkagris (eigentlich ‚Polkaschweinchen') gibt. Als der Vätternsee nach der winzigen Insel Visingsö schmaler wurde Richtung Jonköping/ Huskvarna, konnte ich auf die andere Seite sehen, nach Västergötland. Wir fuhren an den Ruinen vorbei, am Brahehus. Nun bin ich wieder zuhause nach einem langen Reisetag. Es regnet hier in Strömen, ich vermisse die weiße Schneewelt, es war so schön, weiße Weihnachten. In Umeå soll es nun bei Hanna minus 28 Grad sein. Dagegen ist es warm in Deutschland. Wir fuhren also am Montag gegen 8 Uhr nach Linköping, an Gamla Linköping vorbei, tranken Kaffee in dieser schönen kleinen Großstadt, die trotz der identischen Einwohnerzahl mit Würzburg tatsächlich eine Großstadt ist, nicht nur in schwedischer Hinsicht (die fünfgrößte Stadt Schwedens), denn es kommt auf Stil und nicht nur auf Größe an. Schweden ist ja nun größer als Deutschland und hat tatsächlich nur knapp 9 Millionen Einwohner, während Deutschland über 80 Millionen Menschen beherbergt. Daher sind das Zugnetz und die Verbindungen zwischen den schwedischen Orten nicht so gut und schnell. Filme werden nicht synchronisiert, aber dadurch sprechen viele Schweden sehr gut Englisch und Deutsch. Schweden erinnert mich sehr an Amerika. Es sind ja auch viele Schweden Anfang des Jahrhunderts nach USA ausgewandert, als Schweden arm war, haben diesen Stil geprägt, der jetzt nun überall in den USA zu finden ist — und dies finde ich auch in Schweden: diese Weite und den Stil der Villen und die Freiheit der Kleiderwahl und den lockeren, künstlerischen Kleiderstil und die Shopping Malls und die Inneneinrichtungen, all das ist wie in Amerika. Sehr gefällt mir das Geschäft Åhléns, und es ist lustig, Lidl und Media Markt in Schweden zu finden. H&M wird HoM gesprochen, da das schwedische H Ho im Alphabet heisst, und das ‚und‘ wird nicht gesprochen, also Ho-Em. Der weiße, schwedische Regionalzug fuhr Richtung Uppsala und Gävle an Norrköping und Nyköping und Södertälje vorbei nach Stockholm Arlanda, und mein Gepäck mit den Weihnachtsgeschenken und meinen Einkäufen beim schwedischen REA (= Sale) türmte sich im übervollen Zug bis zur Decke.

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In Jonköping besuchte ich einen Teil meiner schwedischen Verwandschaft, meinen Onkel, meine Tante, meine Cousinen. Man spürt sofort in der Luft, wenn man verwandt ist, und mein Onkel ist ein so attraktiver Mann. Am schönsten aber war es, meine Cousinen wiederzusehen. Sie und Tante Mia wohnen schön, oben am Berg, und haben eine tolle Aussicht über Jonköping und Huskvarna und den Vättern, den großen See. Auch das Haus meiner verstorbenen Oma in der Lundgatan sah ich, es steht zum Verkauf. Als ich klein war, kam mir das alles so riesig vor. Es war sehr emotional alles für mich, ich musste das erst verarbeiten. Alle waren zuhause, alles war wie geplant, und wir fanden die Adressen leicht. Aber meinen Cousin Konrad habe ich nicht gesehen, auch Tante Elisabeth nicht, da haben wir noch nicht geforscht. Im Sommer muss alles ganz anders aussehen, ich freue mich darauf. Ich habe einen katholischen Gottesdienst in Schweden besucht, da die Freikirchen am Sonntag nach Weihnachten nicht auf hatten. Allmählich höre ich die unterschiedlichen schwedische Dialekte heraus. Hätte ich kein Schwedisch gelernt, hätte ich mit meinen Verwandten gar nicht sprechen können. Sie waren ganz erstaunt, wie gut ich spreche. In Motala habe ich Avatar gesehen, mein erstes Kino in Schweden, ein wirklich schöner Film, ich musste weinen. Ich sehe immer das Evangelium, egal, was ich sehe. Der Busfahrer war aus Bulgarien und erzählte mir von seiner Zeit, 13 Jahre nun, als Ausländer im Schweden. Er mochte mich und schenkte mir tur och retur die Busfahrkarte. Würde so etwas in Deutschland passieren? Als Hanna und ich mit dem Bus das erste Mal durch Östergotland fuhren mit den Östgotatrafiken, schneite es so sehr, dass der Busfahrer immer wieder anhielt und das Eis von den Scheibenwischern wegschlagen musste. Ich bewunderte seine Geduld. Insgesamt lag an vielen Stellen über einen Meter Schnee. Ich hätte drin baden können. Kulturchock
När jag studerade på Arizona State University i Phoenix mellan 2002 och 2004, var min första tid mer romantisk, äventyrlig och likt ett paradis som europeisk pianist. Först efter ett halvt år förändrades mina tankar så, att jag lät landet USA och den annorlunda, främmande kontinenten med kraft störta in på mig. Jag skulle vilja säga att först efter ett halvår har ett land riktigt kommit dig in på livet. För första gången retade jag mig på människornas uppförande, jag var nästan allergisk mot språket och ville hem. Det är inte bara det främmande språket som utlöser kulturchocken, utan också tankarna bakom kulturen och bakom varje språk som förvirrar när man är utomlands.
Att tänka kan vara mycket annorlunda och mäktigt eftersom det präglar humor, emotioner och därmed ett lands mentalitet. Kommunikation, känslor och en nations värden och inställningar, allt detta utgör tankarna bakom ett språk. Att lära sig ett språk betyder för mig också att känna ett språk. Det tyska språket är mycket säreget och speciellt. Det är inte lätt att ta avsked från det lite grand och dyka in i en ny kultur. Det var en speciell chock för mig också eftersom jag lämnade min kontinent Europa och flyttade till kontinenten Amerika. När jag flyttade tillbaka igen till Tyskland efter två år, hade jag en kris med mitt eget land och var chockad för första gången av Tyskland, eftersom den tyska mentaliteten som tycks vara rå och kall ibland hade hunnit ikapp mig. Du får ett nytt intryck av ditt eget land och egen kontinent efter att du har bott några år någon annanstans. Att bo någon annanstans öppnar din horisont. Det är viktig för din egen språkkänsla, för ditt modersmål, att lära dig nya främmande språk och lära känna nya kulturer.

26. Dezember 2009

Mein zweites, schwedisches Gedicht. Leider hat es heute so sehr geschneit, dass wir nicht nach Jonköping fahren konnten. Auch gestern fuhren wir nicht nach Mantorp, da es einfach zu gefährlich war wegen den Schneemassen. Am Montag geht mein Flug zurueck, Göran und Christina fahren mich nach Linköping, und von dort geht der Zug nach Stockholm Arlanda Flughafen. Ich komme etwas zu frueh an. Ich hoffe, dass wir morgen nach Jonköping fahren können, da es mein letzter Tag ist, ich hoffe, dass es nicht mehr schneien wird und die Strassen bis nach Mjölby befahrbar sind. Göran fuhr hinter dem Schneepflug her, und doch war es kaum möglich, zu fahren, nach den Feiertagen kommt die Stadt kaum dazu, den Schnee zu räumen, es werden sogar die Bauern gefragt, zu helfen. Ich habe zuerst den Nachnamen meiner Vorfahren mit Elmgren verwechselt, weil so mein Ururgrossvater hiess, der die Buecher geschrieben hat, aber meine Oma hiess dann Lindblad; die Frau am Telefon half uns sehr, eine Dame der Skattverket oder der Folkbokförring, es hat aber 20 Minuten gedauert.
Ein freundlicher Mann in dem Antiquariat hier in Vadstena versprach, nach weiteren Buechern meines Urgrossvaters Clas Elmgren zu suchen, der ein Missionar in Schweden und ein Prediger war in der evangelischen Freikirche in Jonköping. Ich finde es spannend, danach zu suchen und dabei ein schwedisches Gespräch zu fuehren. Heute spielte ich wieder in einer Familie Klavier, es war ein seltsames, verstimmtes Klavier, eines, das fast nur aus Tastatur bestand; es lag ein schlafendes Baby daneben, das während der ganzen Goldberg Variationen nicht aufwachte, aber aufwachte, als ich aufhörte zu spielen. Die Eltern konnten nicht fassen, dass das Baby nicht aufwachte, da es sonst bei jeder Radiomusik sofort aufwacht, und es hatte schon eine Stunde geschlafen. Aber gerade die Goldberg Variationen sind zur Gemuetsergötzung geschrieben worden, auch fuer Laien, und es ist fuer mich eine Ehre, wenn Menschen dabei einschlafen zum Beispiel, also in einen friedlichen, angenehmen Schlaf fallen, dazu ist das Stueck auch gedacht.
Christina zeigte mir ganz Vadstena, sie kennt fast jeden Menschen dort. Sie zeigte mir das Kloster, die Einkaufsstraße, das Schloss von Gustav Vasa, das Archiv, das Antiquariat, ihr Kontur (Büro) in der Stadt, wir besuchten einen schwedischen Männerchor, den Cantuskören — und ein schwedisches Weihnachtsmusical. Trotz allem kam ich ein bisschen zur Ruhe. Die beiden gruseligen Filme Flickan som lekte med elden und Män som hatar kvinnor habe ich auf schwedisch gesehen.

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Das Julklappspel war sehr lustig, auch die schwedischen und englischen Original-Krimis im Fernsehen, wir tranken Wein und Julmust und Skogs Glögg und Milch mit O`Boy und assen Köttbullar mit Kryddpeppar und Gräddsås, Janssons Frestelse und Sockerkakan med Safran und dem typischen schwedischen Vaniljsocker. Auch Niklas, der Freund von Hannas Schwester Maria, fragte mich, ob ich an Gott glaube, einfach so. Wir aßen Havregrynsgröt, also heiße Haferflocken, gekocht mit Wasser, mit schwedischer Milch, und Filmjölk (Buttermilch mit etwas saurer Milch). Filmjölk ist in jedem Haushalt. Niklas legte sich snus unter die Oberlippe, das ist typisch schwedisch, aber verboten in Deutschland. Die snusdosen liegen im Kühlschrank und sind pro Portion 6x so stark wie eine Zigarette. Viele sind davon abhängig. Ich wollte es unbedingt probieren, aber das Zeug, wohl zurecht gedreht von Niklas, war so unglaublich scharf in meinem Mund, das ich dachte, ich muss mich übergeben, ich spuckte es sofort wieder aus, während Niklas lachte. Ihm tat es sicher leid um das schöne snus. Ich hatte noch Stunden später diesen bitteren Geschmack im Mund, der einem alles wegätzen wollte. Niklas hat jede Stunde neuen snus in seinem Mund.

25. Dezember 2009

Ich bin nun in Vadstena, in Östergötland, am gefrorenen Vätternsee. Es schneit noch immer dicke Flocken, aber die Schweden fahren sehr sicher, kein Problem, auf Eis und Schnee zu fahren. Der Kaffee ist so stark hier, dass ich ihn nicht trinken kann, er ist wie Gift, selbst mit Milch und Zucker. Die Julklappar heissen deswegen so, weil Tomte vor langer Zeit geklopft und die Geschenke dann hineingeschmissen haben soll, deswegen heissen die Geschenke nicht Presenter. Jultomte, der schwedische Weihnachtsmann, kam wahrscheinlich von dem schwedischen Troll, oder von dem lieben schwedischen Vätte, den Jenny Nyström eines Tages mit roten Kleidern gemalt haben soll. Santa Claus oder Nikolaus oder Weihnachtsmann — ich weiss nicht recht, was das soll. Aber Geschenke sind etwas Schönes. Morgen werden wir nach Jonköping fahren. Dorther kommen meine schwedischen Wurzeln. Ich bin gespannt, ob wir das ehemalige Haus meiner verstorbenen Oma finden werden. Vielleicht treffen wir meinen Onkel Otto und meine beiden jungen Cousinen, die ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen habe. Mein anderer schwedischer Onkel wohnt in Litauen mit meinem Cousin. Jonköping ist ungefähr 2 Stunden von hier entfernt und liegt schon in Småland, dem vielleicht beruehmtesten Teil Schwedens. Vor ungefähr 2 Monaten war ich in Skåne gewesen mit der Uni Würzburg.

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In den beiden unteren Teilen Schwedens, Götaland und Svealand, war ich , aber niemals in Lappland oder in Norrland allgemein, also dem wunderschönen Norden Schwedens. Umeå ist die Partnerstadt Wuerzburgs, aber Christina, Hannas Mama, erzählte mir, dies sei eine sehr moderne, radikale Stadt im Vergleich zum kleinen konservativen Wuerzburg, obwohl Umeå nur 80 000 Einwohner hat. Kein Wunder, dass es fuer Hanna und die anderen schwedischen Erasmus-Studenten und schwedischen Germanisten ein Schock war im engen, steifen, katholischen Wuerzburg. In Umeå sind Vegan und Homosexualität und viele andere Dinge, Poltik, Kultur und Werte, eine andere Sache. Ich habe einige gute Gespräche gefuehrt mit meinen neuen Freunden hier, an zwei erinnere ich mich besonders, einmal in einem kleinen Coffeehaus in Stockholm, kurz bevor wir nach Norrköping fuhren mit dem Zug, und eines nachts am Fluss von Norrköping, dem Mutala Ström, der von Mutala nach Norrköping fliesst. Ich erzählte ihnen, dass der Grund, warum ich an Gott glaube, nicht von Kirche, Systemen oder Erziehung kommt, sondern dass ich Gott kennengelernt habe als Kind. Wenn ich mein Erlebnis mit Gott erzähle, hören mir Menschen, die Kirche hassen, ruhig und gerne zu, obwohl sie sich ueber mich wundern. Sie wollen aber genau wissen, wie mein Erlebnis war und denken darueber nach. Ich spuere dann, dass sich die Atmosphäre ändert. Manchmal aber werden Gespräche auch schwer und nehmen eine wilde Wendung. Dann weinen manche Menschen und sagen, ich könne doch nicht so reden. Sie wuerden mir das vergeben, weil sie spueren, dass ich ein so grosses Herz habe. Das passiert dann, wenn ich etwas Konkretes, was ich fuehle oder innerlich erkannt habe ueber einen anderen Menschen, zu diesem sage. Obwohl ich meist nur einen Bruchteil sage und so vorsichtig ich kann, passiert es doch, dass Menschen im Innersten getroffen sind, vor allem dann, wenn ich ueber mich berichte und dem, was ich gelernt habe. Sie weinen und schreien dann manchmal, und ich muss sie umarmen und beruhigen und kann vielleicht fast jedes Gefuehl nachvollziehen. Ich habe dabei vor allem ein Herz fuer Kuenstlerinnen und Kämpferinnen, aber auch fuer Kuenstler und Kämpfer.
Der Mutala Ström in Norrköping ist wunderschön gelegen und war von schneebedeckten Bäumen und schweren, vereisten Ästen umgeben; er floss halb erfroren langsam dahin, in den Weihnachtslichtern der Stadt, etwas kleiner als Wuerzburg, badend, mit schwarzen Enten hier und da, und der Weg in tiefem Schnee fuehrte an Lauben und Ausruheplätzen vorbei. Der grosse Göta Kanal fliesst ausserhalb nach Göteborg. Man kann segeln von Stockholm nach Göteborg wegen dem von Baltzar von Platen gegrabenen Kanal und kreuzt den zweitgrössten See, den Vättern, eventuell auch den grössten, den Vänern. In Göteborg war ich noch nie. In Norrköping liegen Teile der Universität von Linköping. Wir besuchten das Arbeitsmuseum von Norrköping; es war sehr interessant zu sehen, wie sich Schweden aus Zeiten der Armut der 30er Jahre zu solch einem schönen Land entwickelt hat. Vor allem die Entwicklung der Frau, ihre Leistungen und Erfindungen wurden gewuerdigt und gelobt. Das tut mir gut. Ich leide noch immer mit der Geschichte der Frau auf dieser Welt. Ein Teil des Museums zeigte auch Fotographie in Suedafrika. Der Kuenstler sagte, die Fotographie sei nur Mittel zum Zweck, um die Wahrheit zu suchen und zu finden, sei Schluessel, zu schauen und suchen zu können, zu duerfen. So sehe ich die Kunst im allgemeinen. Er meinte es in Bezug auf Politik, luegenden Medien, ueberhaupt dahinter steigen zu duerfen, zu koennen. Ich meine es weiter. Kunst macht Augen. In der Bibliothek des Arbeitsmuseums gab es ein braunes Klavier ohne Namen, auf dem ich spielte. Leute kamen aus ihren Zimmern, setzten sich, sassen am Boden und lasen und hörten zu. Ich habe fuer Schweden gespielt. Hanna sagte, sie findet es schön, wo immer wir hinkommen, wir finden ein Klavier. Sie ist eine Kuenstlerin aus der Kunstschule, sie schneidet Bilder und schreibt und illustriert Kinderbuecher. Dann kam mein erstes schwedisches Gedicht: Så vackert är Sverige.
Nun bin ich schon ueber eine Woche im tiefverschneiten Schweden. Das Wetter ist mild und trocken. Sogar die Sonne scheint manchmal. Ich verstehe immer besser. Schwedisch kommt mir als Sprache und auch in meinem Gehirn vor, als wuerde Deutsch und Englisch miteinander gemischt worden sein in einem Mixer — und heraus kommt Schwedisch. Ich weiss noch, dass sich manche Deutsche frueher ueber mein Sing Sang Deutsch lustig gemacht haben, aber das Sing Sang kommt von meinem Gehör, in dem das Schwedisch meiner Mutter sitzt, deswegen habe ich als fränkisches Kind in Sueddeutschlnad, in Bayern, kein Fränkisches gesprochen. Im Vergleich zum monotonen Deutsch ist Schwedisch eine sehr singende Sprache. Das war so auffällig, dass alle dachten, ich käme aus dem Norden. Kann man eine schwedische Fränkin sein? Mein Akzent jetzt ist auch nicht typisch deutsch im Schwedischen. Ich hoffe, dass ich es akzentfrei lernen kann, vielleicht eine Illusion? Traurig bin ich immer wieder, nicht wirklich zweisprachig aufgewachsen zu sein. Jetzt sitze ich da, lese Buecher und muss es muehsam lernen. Ich kenne aber schon von den USA, wo ich zwei Jahre studiert habe, dass man sich einfach trauen muss, zu sprechen, auch wenn es am Anfang ein unperfektes, grammatikalisch schlimmes Gestotter ist, wie ich finde. Die beruehmte Klosterkirche in Vadstena hatte einen alten schwarzen Fluegel, auf dem ich spielte. Vor mir stand der grosse Tannenbaum, der geschmueckte Weihnachtsbaum. In Schweden gibt es hauptsächlich Glitter, was ich schöner finde als Lametta. Ich spielte Bach, und durch die hohe Akustik des Klosters der Heiligen Birgitta zogen die Klänge.

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Als wir im Zug gesessen waren nach Frankfurt, habe ich einen alten Mann bettelnd gesehen, wie er durch den Zuggang ging. Seine Nase war kaputt, seine Augen rot, er hinkte. Er tat mir so furchtbar leid, dass ich dachte, mir dreht sich der Magen um. Ich nahm Geld und lief ihm hinterher. Seine Unsicherheit konnte ich körperlich fuehlen. Ich gab ihm das Geld in seine grosse, steife Hand. Dann ging ich auf die Toilette und weinte. Ich war voller Schmerz und Zorn und warf die Toilettenpapierrolle gegen den Spiegel und schrie: Gott, warum? Warum? Ich war unglaublich versucht, ihm mein komplettes Reisegeld zu geben. Warum habe ich es nicht getan? Ich war betäubt von mir selbst und hatte nur den Wunsch, ihn zu umarmen. Ich war die nächsten zwei Stunden betäubt. Ich weiss, dass ich mein ganzes Geld Gott zur Verfuegung stellen muss und will. Es ist so schwer, weil ich freischaffend bin. Und ein Mädchen, kein Mann. Aber ich war so dicht dran wie nie zuvor. Geld ist etwas sehr Wichtiges auf dem Weg der Hingabe. Es war aber eigentlich nicht das Geld oder Nichtgeld, was mich bewegte, sondern ich dachte, dieser Mann könnte ich sein, sein Elend war innerlich, ich wusste nicht, wie ich ihm Liebe geben konnte.

22. Dezember 2009

Nun bin schon 4 Tage in Schweden. Es ist eine märchenhafte Kulisse hier, ich bin nun in Norrköping, Berge von Schnee, ich komme mir vor wie in einer weissen Sahara, an einem weissen Strand. Als wir mit dem Flugzeug ueber Stockholm flogen, dachte ich zuerst, da ich muede war und es dunkel, es sei Sand unter mir, warum die Tannenwälder in Sand stehen, bevor ich erkannte, dass es Schnee war. Die weihnachtlichen Lichter der Hauptstadt funkelten uns entgegten. Hanna und ich flogen mit der SAS, da konnte ich auch Meilen sammeln, da die Schwedische Airline mit der Lufthansa kooperiert, aber es gab nichts umsonst zu trinken und zu essen wie bei der Lufthansa, und so bestellte ich einen superteuren Orangensaft, ohne es zu wissen. In Stockholm fuhren wir dann mit dem beruehmten Arlanda Express in die Innenstadt, in die City.
In Stockholm sind die U-Bahnen so abgeschottet wie in London, aber man kann die Tickets ueber Handy kaufen. Es war unglaublich, meinen roten, kleinen, in Windeseile vollgepackten Reisekoffer durch den Schnee zu ziehen. Die Rollen des Koffers weigerten sich. Ich dachte, ich träume, als wir aus der U-Bahn auf die Strassen traten: es war mittlerweile 23 Uhr, die Lichter der Stadt lagen in einem Nebel aus Schneeflocken und Nacht, der Wind bliess uns den Schnee ins Gesicht, links und rechts tuermten sich die Schneeberge, gemischt mit Matsch, Strassendreck und Feuchtigkeit, wir liefen auf der Strasse, da kaum noch Autos fuhren. Ich genoss die Schneeflocken in meinem Gesicht. In Wuerzburg hatte es minus 15 Grad gehabt, als wir losgeflogen sind, es war so kalt in Deutschland wie kaum zuvor, dass mir die Nase einfror auf dem Weg zu meinem Fahrrad, mein Fahrradschloss nicht mehr aufging. Stockholm war nur minus 5 Grad, aber dafuer Schnee ohne Ende. Hanna sagte, so viel Schnee sei Luxus, das sei etwas Besonderes, ich hätte Glueck gehabt. Stockholm oder ganz Suedschweden und Mittelschweden hätten selten so viel Schnee. Mich macht das eher traurig, weil es mir zeigt, wie schnell und arg es mit dem Klimawandel (eigentlich Klimazerstörung) vor sicht geht. Auf der anderen Seite liebe ich diese Schneewelt, da ich hier ja nicht zum Skifahren bin — das ist die normale Welt der Städte, und alles ist in dieses verträumte, ruhige, Geräusche abdeckende Weiss eingetaucht, als wuerde die Stadt den Atem anhalten. Als wir bei Gabriela ankamen, traf ich auf eine grosse Gruppe junger schwedischer Leute, ab da war es nicht mehr so leicht fuer mich, zu folgen, wenn alle schnell und laut und durcheinander Schwedisch sprechen und lachen. Sprache ist doch fuer mich eine wichtige Sache, ein Geschenk, eine Waffe, ein Schutz, den ich habe, und wenn ich zwar nur die Hälfte verstehe, aber nicht richtig sprechen kann, nicht wie die echten Schweden, dann fuehle ich mich hilflos, ohne Sprache, wie ein Baby. Aber es war auch wichtig, kennenzulernen, wie es ist, ohne diese Sprache zu sein, zuzuhören, ohne Worte und ohne Musik zu sein und doch zu sein. Denn ich bin dennoch Sprache.
Es war eine besondere Gruppe, vegan essende, politisch links orientierte, liberale, teilweise homosexuelle junge Schweden, viele Mädchen feministisch, Tierschuetzerinnen, eher radikal-kuenstlerische, suchende Menschen, gegen Religion und Kirche; ich tauchte ein in eine andere Welt. Es gab gleich eine Kostprobe ihres Essens: brauner Reis mit Kohl, Tofu, Knoblauch, Brokkoli, rote Beete, es schmeckte sehr lecker, es war etwas scharf. Wasser trinken fast alle hier einfach aus dem Wasserhahn, das ist normal. Viele von diesen jungen Leuten trinken weder Kaffee noch Tee, natuerlich auch keine Milch, essen keinen Käse, keine Butter, sondern alles Soja. Ich dachte, okay, mal sehen, wie das alles so schmeckt, Tofu und Soja, war aber erstaunt, wie gut das schmeckt, sehr ähnlich eigentlich mit dem, was ich als normal kenne.
Ich trinke Berge von Schnee.

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Unsere Wohnung im Herzen der Stadt lag so, dass ich vom Fenster den runden Musikdom sehen konnte, blau angestrahlt, in der Form eines Golfballs, Globen genannt, eines der grössten Stadions fuer Musik und Hockey in Europa, von Schnee und Nebel bedeckt, ähnlich dem Musical Dome in Köln, den ich ja neulich wiedersah (von den Kölnern liebevoll blauer Muellsack genannt), in dem ich leider noch nie war, und den Kölner Weihnachtsmarkt am Dom. Wir gingen spazieren in Gamla Stan, der Altsadt von Stockholm, bis zum Weihnachtsmarkt in Stockholm am Hauptbahnhof. Bei einer Freundin spielte ich Klavier, nachdem wir dort alle zusammen gegessen hatten und es draussen schneite vor den Fenstern. Es war eine wunderschöne Wohnung in der Innenstadt. Ich spielte Beethoven und eigene Lieder, und obwohl ich nicht sang, kein Text da war, merkte ich, wie sich die Atmosphäre änderte. Zum Schluss spielte ich schwedische Weihnachtslieder, alle sangen.

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17. Dezember 2009

Pia Douwes ist eine sehr charismatische Persönlichkeit, mitten im Leben ohne Starallüren, mit toughen Augen und trotzdem freundlich und erwachsen. Ihr helles Häuschen in der Nähe von Utrecht ist künstlerisch eingerichtet mit einem kleinen braunen Antiquitäten-Flügel von Fritz Sohn, 1878, Paris, Wien. Sie möchte ihn generalüberholen lassen, aber er hat auch jetzt schon einen sanften Klang mit blinkendem Sopran. Ansonsten ist alles sehr hell, weiße Türen, ein verwilderter Garten, ein weißer Kachelofen, romantische Unikate als Sessel, originale Gemälde in goldenen Rahmen, dicke Samtvorhänge, ein Esszimmer, violette Gardinen, eine Tapete mit Rosen in hellrosa und lila — alles spezielle Möbel, die es wahrscheinlich kaum mehr woanders gibt, schöne Spiegel, ein verwildertes Bücherregal. Es machte mir Spaß, auf dem alten Flügel zu spielen. Die Musicalwelt ist eine eigene Welt; ich tauchte für einen Tag oder zwei in diese Welt ein. Nur Musicals zu spielen oder zu hören, wäre nichts für mich. Ich brauche auch feste Speise, so etwas wie Vollkornbrot, Bach zum Beispiel. Aber man darf Musicals nicht unterschätzen, es ist sehr schwer zu singen.
Gastfreundschaftlich willkommen geheißen bekamen wir erst mal in schönem schiefen weißen Geschirr einen Tee, Gebäck und dicke Schokolade. Wir liefen erst ein wenig sprachlos herum im Wohnzimmer, wie in einem Museum. Pia sagte, sie sei eben erst eingezogen. Ihr Stil erinnerte mich an mich, auch ihre Art, obwohl sie mit 45 schon auch eine ganze andere Person war als ich. Ich spürte sofort, sie war Künstlerin durch und durch, wie eine Seelenverwandte. Sie unterrichtete den ganzen Nachmittag, ich hörte zu, wie sie die Belting Technik erklärte, also das Mischen der Lagen, die Bruststimme mehr oder weniger hochzuziehen, damit es nicht nur klassischer Kopfstimmengesang ist, wenn es in die Höhe geht. — Und wie man gesund beltet. Ich mochte ihren Klang live in dem Zimmer, zart und leidenschaftlich.
Während ich die Songs, die sie Nummern nannte, begleitete, zum Beispiel aus dem Musical Elisabeth oder von Le Mis oder von Cats oder Abba, fieberte ich bei ihren Erklärungen mit und konnte ein Summen und Singen kaum unterdrücken hinter dem verschnörkelten Notenpult des braunen Flügels. Mal sollte ich nach oben transponieren, mal eine andere Tonart von anderen Noten (sehr handgeschrieben aussehend) spielen — sie hielt mich schon auf Trab.

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Ich bin fasziniert, wie friedlich und schön Holland ist — wie wenig wir Deutsche teilweise unsere Nachbarländer achten und kennen. Die Atmosphäre war so ruhig dort in Baar, während wir einen Milchkaffee am Marktplatz tranken und ein Fahrrad mit auf Rot weißgetupftem Sitz, dazu passenden Fliegenpilz-Taschen an beiden Seiten und einem rosa Korb vorne dran vor uns an der Scheibe parkte. Ich geniesse es, aus dem strengen Druck Deutschlands manchmal entfliehen zu können in eine andere Welt, eine Welt der Wiesen, einfach nur Gegend, mit Kühen und Pferden und gelben Nummernschildern — oder irgendwo anders hin.
Natürlich ist es auch schön, wieder zurückzukommen nach Würzburg — auch wenn ich das Glockenspiel vor meiner Haustür, bevor meine Straße in die Innenstadt mündet, kaum mehr anhören kann — eine Zumutung, das jeden Tag zu hören. Aber dann, wenn sich das Glockenspiel überschneidet mit Ohrwürmern in mir — denn diesmal das Lied: Ich gehör nur mir, aus Elisabeth, sitzt in meinen Ohren fest, ein Ohrwurm, der schier von innen lähmt in Schönheit. Die Harths, die alles organisiert haben von Siegburg aus, sind ein sehr interessantes, künstlerisches Ehepaar mit viel Lebenserfahrung. Sie wohnen in einer Art Burg, umgeben von Weite und Naturschutzgebiet. Untendrunter ist die Musikschule. Mit Nachbarn Ärger wegen Üben, so wie ich manchmal, haben sie auf jeden Fall nicht. Die zweite Nacht besuchte ich in Köln alte Freunde, ein Ehepaar über 88, die mich schon seit fast 10 Jahren lieb haben.
Bevor wir das Haus von Pia Douwes verließen und nach Deutschland zurückfuhren, kam unser Gespräch beim Tee wie aus dem Nichts auf Akzeptieren, sie sagte, als ein erwachsenes Loslassen ohne Resignation mit Hoffnung, eine Hingabe oder Übergabe an Gott, das sagte sie wortwörtlich, ich dachte, mich trifft der Schlag. Egal, wohin ich mich bewege, Gott trifft mich — während neben ihm im Wohnzimmer ein großer silberner Buddha die Beine ineinander geschlungen hat; es stört ihn nicht.

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Ich genieße sehr meine Wave System von Bose, es ist wirklich ein knisternder Sound, und als Musikerin höre ich wenig Musik — aber wenn, sollte es ein Genuss sein! Übermorgen fliege ich in ein Stockholm voller Schnee.
Jag tvivlar på att följande historia är sann men den lär ha hänt här i Würzburg: En kvinna som bodde med sin man i ett litet hus spelade på ett gammalt piano som bröt ihop en vacker dag.
Då köpte hon en ny svart flygel eftersom hennes man inte ville köpa ett nytt piano. Hon kunde nämligen inte spela piano. Så hon köpte själv till och med en flygel utan att tänka på hur flygeln ska komma in i det lilla huset. Hon måste faktiskt bestämma sig snabbt, för hennes man ska komma hem från arbetet på kvällen. Så lät hon helt enkelt riva av taket och lät flygeln glida ner i vardagsrummet. När hennes man kom hem från jobbet och såg flygeln men inte något tak, då blev han så chockad att han ville skilja sig.
Man säger att när en flicka hittar en mandel i risgrynsgröten på julbordet, så gifter hon sig. Precis som när du fångar brudbuketten på ett bröllop. Jag har också hört det här: Om du ser en främmande person två gånger eller till och med tre gånger på en dag i stan, då ska du välsigna den personen. Det har en betydelse för dagen, med vilken sång du vaknar upp inombordes. En fin och rolig sång följer dig hela dagen och kan ge dig mod. En allvarlig eller sorgsen sång kan också sysselsätta dina tankar hela dagen.

13. Dezember 2009

Singend durch Ikea zu laufen mit schwedischen Weihnachtsliedern mit dem Chor, das war schon ein Erlebnis. Ich muss sagen, dass ich die christlichen Lieder wie Stille Nacht auf Schwedisch noch nie so intensiv gesungen und gefühlt habe. Es kam mir wie eine Proklamation mit Herre Jesus Kristus gegen Nikoläuse vor, oder auch bei Nu tänder tusen juleljus. Bei der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft, Leiterin Dr. Gunhild Brembs, meine Schwedisch-Lehrerin, später beim Julbord, wo ich auch eigene Lieder gesungen habe, spürte ich, wie die süße schwedische Weihnachtsgeschichte mit den Wichteln und Tomtar etwas kollidiert mit der Bibel. Später sagen mir die Leute oft, sie haben eine Gänsehaut bekommen bei meinen Liedern, ‚obwohl es christliche Texte waren'. Ob ich immer christliche Texte schreiben würde. Manche diskutieren, ob ich eine Sängerin bin oder eine Pianistin. Ich fühle mich nicht als Sängerin, obwohl ich die ganze Zeit singe. Eine junge Schwedin sagte, sie findet es schön, dass ich unkonventionell und anders sei, nicht so konservativ wie viele andere Christen. Ich sagte, dass ich aber schon die Regeln der Bibel gut finden würde, zum Beispiel (ich wollte nur ein kleines Beispiel nennen) wäre ich gegen, wie in Schweden erlaubt, die Hochzeit von Homosexuellen. Sie war ganz verblüfft und sagte, sie sei selbst nicht heterosexuell. Ich weiß, dass Schweden viel lockerer und liberaler ist in vielen Dingen, dass Frauen es wesentlich leichter haben, Karriere zu machen, was bei uns in Bayern und Franken ja erst seit ungefähr 30 Jahren überhaupt langsam ins Rollen kommt.
Beim schwedischen Weihnachtsessen gab es Rentierfleisch, Elchfleisch, Köttbullar, Janssons Frestelse mit Anjovis, jede Menge Heringssalat, also Sill, Lachs in Wodka eingelegt, schwedischen Schinken mit Soße und weichem, süßen, dunklen, schwedischen Brot, leckeren typischen schwedischen Salat aus Apfel, rote Beete, Zwiebel und Kartoffel, schwedische, salzige Butter Bregott, schwedischen Käse, revbensspjäll, das sind Fleischrippen, Gans, Braunkraut, Blaukraut, Sherry-Sill, Schweinefleisch mit Honig und Soja, Glögg, schwedischen Kaffee, Kanelbullar, Lussekatter mit Safran und Rosinen, Reisbrei mit Obst und noch vieles andere mehr, alles Dinge, aus Schweden mitgebracht wurden. Im Reisbrei, den ich mit nach Hause nahm, hatte ich die berühmte, drin versteckte Mandel, das bedeutet, dass man nächstes Jahr heiratet. Na dann!
Auf dem Markplatz am Weihnachtsmarkt zu singen, war besonders schön für die Kinder, die dachten, dass wir Engel seien. Es blieben sehr viele Menschen stehen und hörten zu. Ich hatte manchmal Sorge, dass im Wind meine Luciakrone mit den Lichtern herunterfällt. Es war ziemlich kalt. Es muss wohl in der Zeitung gestanden sein, da einige Schweden da waren und mitsangen. Es waren sehr viele Kinder mit ihren Eltern insgesamt. Einer hat dann erzählt, wer Lucia war, dass sie sich früh zum Christentum bekannt hatte und getötet wurde.
Am besten gesungen aber haben wir im Matthias-Ehrenfried-Haus. Allerdings tropfte das Wachs der echten Kerzen der schweren Krone auf meine Haare, Augenbrauen und Wangen. Trotzdem war es schön, da alles um uns ganz dunkel war. ‚Himlen hänger sjärntsvart‘ lief besonders gut diesmal. Die Atmosphäre macht's! Danach spielte ich noch Weihnachtslieder und Bach.

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(Dieses Foto ist in Uganda aufgenommen, wo ich 2007 5 Wochen lang lebte, gespielt und unterrichtet habe.)

Meine Kaninchenbabies sind nun schon groß, und ich muss überlegen, wem ich sie gebe. Die ersten Schneeflocken haben sie auch schon erlebt.
Meinen ersten Schnee Winter 2009/2010 habe ich vorgestern im Schwarzwald erlebt. Leider war dies um 6 Uhr morgens, als ich vom Studio Beihingen bei Nagold auf den Parkplatz ging, um eilig und müde zurück nach Würzburg zu fahren aufgrund eines Konzertes. Mein Beetle war zugeschneit, die Tür fast zugefroren, der Kofferraum ging nicht auf, ich war allein und versuchte irgendwie mit Mantel und Handschuhen, die Scheiben freizubekommen, fuhr nach langsam los auf den serpentinenartigen Straßen abwärts. Immer, wenn ich es warm haben wollte, beschlug meine Frontscheibe, und ich musste wieder umstellen fröstelnd. Dennoch genoss ich die Schneeflocken. Später auf der Autobahn war im milchigen Licht alles frei und in Ordnung, aber ich war schon spät dran, raste 160 mit meinem kleinen Motor, ich hatte das Gefühl, mein Beetle macht eine Grätsche mittendurch wie früher meine alten Autos. Aber das Schneiden der klassischen Musik hat viel Spaß gemacht. Es ist aber einfach genauso viel Arbeit wie das Einspielen. Zum Beispiel, dass der Steinway immer wieder mal zwischendurch gestimmt werden muss, lernte ich dazu. Das ist natürlich bei einer Nachtaufnahme eine heikle Sache. Andreas ist der Profi, aber ich muss hören, wo wir sind, wo die Wolken und Bäusche auf dem Display die Musik sind, die wir wollen. Wir schnitten 12 Stunden lang; stundenlanges Hören ist eine anstrengende Sache ist, vor allem, wenn man seine eigenen Sachen hört: dennoch unemotional und willig zu bleiben. Wir schnitten bis 4 Uhr morgens. Als ich im Studio für zwei Stunden ins Gästebett fiel, hörte ich pausenlos Musik, ein Drehen von einer Stelle Klavier im Ohr, ich dachte, nun bin ich wahnsinnig geworden oder habe einen Tinnitus bekommen vor lauter Hören und Aufnehmen. Aber dann schlief ich in diesem Strudel ein.
Das Schneiden muss man schon mit jemandem machen, den man mag, finde ich, da man gelöst und entspannt hören sollte, konzentriert, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Es war sehr lustig mit Andreas. Einmal, ganz am Schluss (und wir sind ja schon an gemeinsamer Nachtarbeit gewöhnt), fanden wir den B-Teil der 28. Variation der Bach Goldberg Variationen nicht. Das war da, als unsere Kraft gegen 3 Uhr früh am Ende war, also eine Extremsituation. Dennoch blieb Andreas ruhig und fand den Teil irgendwo. Ich sagte: Wo hast Du den her? Er sagte: Aus dem Papierkorb. Ich sagte: Ich bin froh. Ich sah mich schon hier mit der Mundharmonika das Ding einspielen.
Alleine hätte er diese 82 Minuten Musik nicht schneiden können. Es war eine stundenlange Arbeit, durch das Sammelsurium durchzuhören, ich lernte, wie man markiert und schneidet. Aber glücklicherweise habe ich ein gutes Gedächtnis, ich wusste noch 4 Wochen später, wann ich was gespielt hatte. Es ist nicht das Gedächtnis meines Verstandes, sondern das meines Körpers und meiner Seele, wie ich mich wann wo wie gefühlt habe.
Mittendrin fanden wir noch eine Improvisation, die ich einfach so, um mich zu beruhigen, gespielt hatte, um mich wieder zu motivieren gegen 14 Uhr nachmittags nach einer durchgespielten Nacht. Ich nannte sie Nachtgedanke und fand sie schön. Sie wird auf einer der beiden CDs drauf sein.
Das nächste Mal, wenn ich wieder ins Studio fahre, wird es 2010 sein, für die CD, die meine Lieder trägt. Da ich nun zuerst nach Holland und dann nach Schweden fahre, wird es Januar werden.

10. Dezember 2009

Leider ist das Leben einer Künstlerin nicht leicht. Ich habe in dem Sinn nicht das Privatleben, das andere haben, da sich oft bei mir der Beruf mit Privatleben mischt. Privat und Beruf sind für mich oft eine Einheit. Das Lebenswerk, das ich habe, hat direkt mit mir zu tun, bin vielleicht ich. Wenn ich nicht glauben würde, dass das, was ich tue, außergewöhnlich sei, warum sollte ich es tun? Es wäre sinnlos und nicht authentisch. Aber genau dieses Denken stört manche Menschen. Es gibt sogar welche, die gesagt haben, ich solle lernen, eine Null zu sein. Als Null würde ich mir die Anstrengung eines Lebens als Künstlerin nicht antun. Da gäbe es vielleicht leichtere Varianten zu leben.
Am Wochenende sind die Luciafeste — da die Universitätsstadt Würzburg eine schwedische Partnerstadt hat, nämlich Umeå hoch im Norden, 600 km von Stockholm entfernt, eine noch sehr junge Universitätsstadt, ich war noch nie da — gibt es hier viele, die sich sehr für Schweden begeistern, hauptsächlich deutsche Studenten und Dozenten. Lucia kommt eigentlich aus Sizilien, hat dort das Christentum und Liebe verbreitet und wurde dafür getötet. Am 11.12. davor ist wieder Studioaufnahme, ich freue mich, im Grunde sind die beiden CDs 2010 meine Solo-Debütalben bei einem Verlag — und am sechzehnten spiele ich vielleicht in Holland, kurz bevor ich wieder nach Schweden fliege.

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6. Dezember 2009

Das Konzert war gut besucht, ein angenehmes, interessiertes Publikum, Prof. Zenck hat eine lange, ausführliche Einleitung gegeben, es war nicht so leicht, wie ich zuerst dachte, 30 Minuten vorne zu sitzen und zuzuhören mit dem Wissen, gleich zu spielen, und mal eben aus den schwierigsten Variationen kleine schnelle Eindrücke zu geben aus dem Nichts heraus, noch dazu saßen die Menschen sehr nah an mir, das heisst, meine Hände und ich waren komplett präsentiert; ich musste die Bewegungen der Leute bewusst ausschalten: das Bewegen der Füsse und Köpfe. Ich saß sehr hoch. Aber trotzdem gelang es mir nach einer Weile, ruhig und konzentriert zu werden. Ich wollte mein eigenes Konzert geniessen und gelöst sein, und es gelang mir bei meiner Lieblingsvariation, der dreizehnten. Es ist für mich eine neue Welt, meine Hände beim Spielen bewusst zu spüren und mir selbst vertrauen zu lernen, mir und meinem Verstand. Es gibt so viele Menschen, die sagen, dass ich sehr intelligent sei. Woher kommt immer noch diese Angst in mir, nicht klug genug zu sein? Es ist etwas, gegen das ich bewusst ankämpfen muss. Und es geht, auch wenn es schwer ist. Mit dem Wissen, dass mein Können und meine Hände verlässliche Werkzeuge sind, kann ich mein Herz viel entspannter zeigen. Das merken die Menschen sofort. Es bedeutet für mich, mich zu trauen, mir zu trauen. Anschliessend waren wir gemütlich essen. Prof. Zencks Frau ist Kunsthistorikerin und kam aus Paris.

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5. Dezember 2009

Heute abend ist das Konzert in der Trinitatiskirche. Heute und gestern stand ich mit Foto in der Zeitung. Das Videodrehen gestern war spannend und lustig. Durch die vielen schwedischen Filme träume ich schwedisch. Gestern Generalprobe mit Martin Zenck. Die Goldberg Variationen begann ich 2004 in den USA zu studieren, in Phoenix an der Arizona State University. Dass ich dort studierte, war ein geführter Weg.
Beethovens Waldstein spielte ich das erste Mal mit sechzehn, als ich noch von meinem Vater unterrichtet wurde, Prof. Karl-Heinz Schlüter. Er unterrichtete mich, seit ich sechs Jahre alt war, bis ich siebzehn wurde, dann sandte er mich, da ich bereits als Jungstudentin an der Musikhochschule Würzburg studierte, endgültig fort, zunächst zu Prof. Arne Torger. Dieser Wechsel zu einem Fremden wurde zwar höchste Zeit, war für mich aber sehr schwer, da ich elf Jahre bei meinem Vater studiert hatte. Die Waldstein-Sonate erinnert mich an meinen Vater und die Zeit bei ihm. Viele junge Mädchen in dem Alter haben sicher nicht ans Klavierspielen gedacht. Für mich aber war diese Sonate leidenschaftliches Leben und gleichzeitig hell wie die Sonne. Ich ließ die Sonate lange liegen, als mein Vater starb. Als ich nun die Sonate wieder aufgriff, fertig mit dem Studium an den Musikhochschulen, spürte ich sofort diese Verbindung zu meiner Vergangenheit, zu der intensiven Zeit bei meinem Vater, der mir das Fundament zum Klavierspielen und die Grundlage für ein Leben als Musikerin gelegt hatte. Meine pianistische Haupttechnik verdanke ich ihm. Das Herz einer Künstlerin hat mir Gott geschenkt, aber mein Vater und auch meine Mutter, die mich bis vom vierten bis zum sechsten Lebensjahr unterrichtet hat, haben dennoch einen großen Beitrag in mir dazu geleistet, ein künstlerisches Herz zu bekommen. Das Leben als Künstlerin ist nicht immer leicht. Doch erstaunlich ist, dass man als Musikerin Beziehungen aufbaut zu den Stücken, die man spielt; zu diesem Werk, Beethovens Waldstein-Sonate, hat sich eine besondere Liebesbeziehung entwickelt. Beethoven selbst hatte eine schwere Kindheit gehabt, wurde von seinem Vater gezwungen und missbraucht, doch wurde dennoch ein Komponist voll Disziplin, Leidenschaft, Konzentration, Fleiß und Vision. Seine Sonate op. 53 ist für mich ein pulsierender, freundlicher, hoffnungsvoller Lichtblick in seinem Schaffen. Der Drive dieser Musik weist weit voraus, ist in seinem drängenden, sehnsuchtsvollen, rhythmischen Streben nach vorne und nach innen prophetisch für die Einheit der Stile der Musik: die, die schon war und die, die ist und die, die noch kommen wird. Denn alle diese Musik ist schon da, sie muss nur noch entdeckt werden.

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3. Dezember 2009

Wenn man viel unterwegs ist, sieht man auch die vielen schönen Weihnachtsmärkte, die verschiedenen Kulissen, Kirchen, Riesenräder, Bratwürste ... mit Freunden habe ich ein Konzert von Depeche Mode besucht zwischendurch, ich finde es doch seltsam, das Phänomen Bühne und Musik. Doch manchmal kam es mir vor, als wäre ich mit anderen Verrückten zusammen gefangen in einer Kiste Lärm. Glücklicherweise habe ich meine Ohren geschützt.

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Ich spüre, dass ich auf intensive Weise in Kontakt komme zu mir, wenn ich singe. Meine Stimme hat großen Wiedererkennungswert, sagt man mir, ist authentisch, nordisch und geht weit in die Höhe und weit in die Tiefe, dennoch ist sie nicht so ausgebildet wie meine Hände sind.
Ich bin bewegt von Nonos Musik. Eine erstaunliche Tondichtung, wie ein Mensch mit jähem Temperament dennoch so konzentrierte, zeitlose Musik schreibt, die doch in seiner Zeit den Punkt trifft, mit Stille und Pausen, die voller Rhythmus sind, konzentrierte Impulse, eine konzentrierte Jähheit, eine Betrachtsmusik, die sogar visuell zeigt, dass Politik und Empfinden zusammengehören: Bleiben, Wiederholen, Gefühle, die unverfügbar sind und doch inniglichst verändern wollen.

22. November 2009

Der LOI-Tag von xpand in Stuttgart in der Geno-Akademie war sehr intensiv. Die Redner und Referenten aus ganz Deutschland zeigen viel Erfahrung in Leitung, Berufungsfragen, Lebenswerken, Lebensträume und Führung. Mir liegen vor allem die Künstlerinnen in diesem Netzwerk am Herzen, das hauptsächlich wirtschaftlich geprägt ist: viele junge Männer, viele Männer aus dem Business-Bereich, und diese in Anzug und Krawatte — wenig Frauen. Der Bereich Musik/Kunst/Theater hatte bei 170 LOIs gerade mal 6 Leute, da stand mein Herz schon in Flammen, dabei ist der Bereich so wichtig und ohnehin schon zusammengefasst. Ich merke, dass Wirtschaft und Kunst mehr zusammenarbeiten müssen und sich gegenseitig sehr befruchten können. Diesbezüglich habe ich viele gute Gespräche geführt und neue Gedanken gehabt. Ohne Ermutigung ist ein weiches Herz nicht möglich, und gerade das braucht Musik. Es ist schön, andere Frauen zu sprechen, die ebenfalls interessiert sind, ihre Gaben zu zeigen und nicht zu verstecken, dabei ehrlich zu sein ohne Angst. Manchmal spricht man sich gegenseitig aus dem Herzen. Eine junge Frau erzählte mir, sie würde gerne einmal ein Seminar besuchen mit dem Titel: How to read the Bible without getting aggressive. — Ja, das sprach mir aus dem Herzen. Dennoch war es gerade sie, die agte, sie würde spüren, ich hätte eine ganz besondere Liebe und eine besondere Kraft, auch wenn mir das vielleicht selber nicht bewusst wäre. Und er würde mich aus der Wüste führen in ein Land voll Fülle, kein Land der Überreste. Ich musste weinen, da Er mir das schon so oft gesagt hatte. Dass so viel Tiefe möglich ist. Am Tag danach besuchte ich die City Chapel im Cinemaxx Stuttgart mit Freunden, zufällig zum zehnjährigen Jubliläum. Es war schön und tat gut, wieder liebevoll angesehen zu werden, was ich aus der cc Würzburg nicht kenne. Insgesamt merke ich, dass es mich erleichtert, einfach so mal in der Masse zu sein.

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Für viele Musiker ist die Versöhnung mit der Vergangenheit wichtig. Für mich hat diese Versöhnung etwas zu tun mit Versöhnung mit Musik. Es ist erstaunlich, wie eng gekoppelt das ist; vielleicht erschreckend, aber auch ein Vorrecht, wenn richtig genutzt. Für viele Menschen ist diese enge Verbundenheit zwischen Identität und einer künstlerischen Gabe, vor allem, wenn man damit aufwächst, nicht nachvollziehbar.

18. November 2009

Das Aufnehmen war ein Mammuts- Projekt. Ich habe die ganze Nacht live aufgenommen, zuerst Bach, Beethoven, Chopin und Skriabin, dann meine Lieder, die ganze Nacht bis 16 Uhr, und auch die anderen waren große Teile der Zeit ebenfalls vor Ort, und natürlich Andreas Claus, der aufgenommen hat und mit seinem Equipment von Altensteig angefahren kam. Wir haben 15 Songs eingespielt in einer Nacht, von der Klassik-CD ganz zu schweigen, die ich auch aufgenommen habe, also 2 CDs in einer Nacht und am nächsten Tag gleich weiter. Es war trotz der enormen Arbeit auch sehr lehrreich und spaßig. Den Saal mit dem schönen Steinway hatten wir nur eine gewisse Zeit zur Verfügung, anschließend hatten wir alle Konzerte hinterher, es war also schön anstrengend, und wir hätten nie gedacht, dass wir 15 Songs tatsächlich schaffen, dabei hätte ich noch weitere 20 Lieder gehabt. Zwischen 7 und 9 Uhr morgens war dann der richtig große tiefe Punkt; Daniel schlief im Bus, ich im Erste-Hilfe-Zimmer auf der Liege und Andreas auf den Stühlen im Saal, Lena zuhause. Philipp hatte noch einen Gottesdienst auf der Orgel zu spielen, Daniel unterrichtet noch am Siebold-Gymnasium Musik, und ich bin beim Ikea-Konzert (während des Vortrages über Nordisches Design) eingeschlafen trotz Gans und Kaffee. Aber ich lernte anschliessend einmal die Welt hinter dem normalen Ikea kennen, nämlich die Mitarbeiterräume. Eine eigene Welt. Jetzt gehen die Aufnahmen erst mal vor Ort in Altensteig im Studio weiter, also Gesang, Synthi, Bass. Aber dieses Wochenende fahre ich erst mal nach Stuttgart zu meiner Nichte, zum LOI und Mentorentreffen und zu einer Cocktailparty und Schachpartie mit Freunden.

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16. November 2009

Gestern hatte ich eine Probe nur mit Drummer und E-Gitarre, ich habe mich etwas gefürchtet, da ich mich komplett wegbewege von der Klassik mit einigen Songs. Ich bin solche Proben nicht gewöhnt. Meine Lieder sind meine Babys. Aber es hat Spaß gemacht. Fabian ist eigentlich Mediziner und spielt hauptsächlich Rockmusik, Daniel hatte ihn mitgebracht. Meine Lieder sind nun nicht so leicht zu spielen, weil ich viele Ideen habe, sie von der Struktur nicht typisch sind, sie komplexer aufgebaut sind harmonisch, und trotzdem sind sie keine Sinfonien, sondern kurze, prägnante Lieder — es ist nicht so leicht, sich da erst einmal hineinzufühlen, denke ich. Sie waren beide sehr vorsichtig, damit man mich noch hört am Flügel. Sie sagten, sie könnten mich auch leicht unter den Tisch spielen von der Lautstärke her. Das wollte ich ihnen nicht glauben, bis sie mal richtig losgelegt haben, ich dachte, meine Ohren fliegen weg.

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14. November 2009

Es ist nicht leicht, eine Gruppe guter Musiker zu führen, die gute Leiter sind und noch dazu müde oder gestresst vom anstrengenden Alltag. Ich bekomme manchmal dann dieses Perfektionistische. Wir sind ein Quartett, 2 Jungs, 2 Mädchen, es braucht eigentlich keinen Leiter. Wir probten heute in der Mergentheimer Straße wegen dem Drumset. Es ist schön, zusammen mit Schlagzeug und Streichern, es klingt schön, zu proben, sich zu engagieren, wir hatten einige spontane Zuhörer. Die Planungen für Korsika 2010 stehen auch wieder, diesmal fahre ich zwei Wochen mit einer Freundin im Juni für die Musik, es baut sehr auf, dort zu sein, es ist einfach wohltuend.

10. November 2009

Die Probe mit Lena war schön; die Arbeit an der CD kollidiert mit dem Unterrichten, Üben, und doch freue ich mich. Spaß machte mir heute wieder das Unterrichten der vierjährigen Zwillinge eines Ärzeehepaares, die sehr begabt sind und am Freitag das erste Mal vorspielen. Die kleine Sophie hat die richtige Mischung aus klug, willig, extrovertiert, selbstbewusst und musikalisch. Nächstes Wochenende fahre ich erst mal nach Erfurt. Am Sonntag zwischendrin singe ich im Hochschulgottesdienst der St Stephanskirche. Die Kaninchenbabybs haben schon Fell. Heute um 20 Uhr eine erste Generalprobe mit der ganzen kleinen Band im Bechtolsheimer Hof.

9. November 2009

Gestern Oberseminar besucht (über aktuelle, wissenschaftliche Arbeiten für Magister/ Promotion). Es ist lustig und seltsam, dass ich schon in meinem zweiten Semester normale Uni in einem Doktorandenseminar sitze. Als ich meine erste wissenschaftliche Arbeit abgab, sagte der Professor: Dies ist eine emotionale Arbeit. Sie wissen ja, die Wissenschaft ist emotions-los. Es war die sachlichste Arbeiten meines Lebens. Ich verstehe nicht ganz, wie emotionale Menschen emotionslose Arbeiten schreiben sollen. Wissenschaft ist für mich in keiner Weise emotionslos. Er sagte, er müsse bei mir anders vorgehen als bei den anderen.

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1. November 2009

Wir fuhren früh gestern los nach Schweden mit dem Kammerchor der Uni, die Ostsee fiel mit dem Himmel und der aufgehenden Wintersonne zusammen, als wir die Öresundbrücke erreichten, die Brücke über das Meer zwischen Dänemark und Schweden, zwischen Kopenhagen und Malmö, zwischen Seeland und Schonen. Es ist ein Erlebnis, wenn die Brücke schier in der Meerenge verschwindet, aber in einen Tunnel unterhalb des Meeres mündet.
Tags zuvor hatten wir Helsingborg und Helsingör besucht und überquerten die schmalste Stelle dieser Meerenge mit der Fähre Hamlet. Früher war das nun schwedische Gebiet um Lund und Malmö herum dänisch gewesen. Man spürt von der Atmosphäre her vielleicht den Unterschied, wenn man zwischen Dänemark und Schweden pendelt, aber der wunderschöne skandinavische Stil ist doch in vieler Hinsicht gleich hier zwischen den beiden Ländern: die interessanten, freundlichen Farben der Häuser, der geschmackvolle, schlichte Stil, die weißen, großen Fenster, die Sauberkeit, die frische Meeresluft an der Küste, die roten großen Rathäuser. Dänemark kommt mir immer etwas holländisch vor, während Schweden für sich eine eigene Welt ist. Lund am Öresund in Schonen gefiel mir noch besser als Malmö. In Helsingör bewunderten wir die nachgebaute Orgel Buxtehudes in der Marienkirche. Ich musste dabei an Bach denken, der kilometerweit zu Fuß gewandert war, um Buxtehude zu besuchen. Auch zur Kronborg, der großen Burg an der Küste, in der Shakespeare seinen Hamlet spielen liess, liefen wir. Da ich nicht den Stadtkern von Helsingör mit 35 000 Einwohnern gesehen habe, kann ich leider wenig über diese schöne Stadt schreiben. Aber sowohl Malmö, Lund, Kopenhagen, Helsingborg und Helsingör scheinen insgesamt richtig herrliche Städte zu sein, jede einzelne für sich. Wobei ich sagen muss, dass Malmö nicht ganz meinen Geschmack getroffen hat. Durch Helsingborg mit seinen knapp 100 000 Einwohnern sind wir leider nur durchgefahren.
Gestern abend besuchte ich ein sogenanntes „spex", ein Play, im Medizinergebäude der Universität Lund, ein schwedisches Musical. Die große Universität ist in verschiedene, so genannte „Nationen“ aufgeteilt, das heisst, in etwas ähnliches wie Verbindungen, und jede einzelne hat seine Schauspielgruppe, etwas in der Art, und diese führen Musicals auf, also Plays, dort singen und tanzen sie und haben eine Band oder ein kleines Orchester. Diese Plays heissen spex. Ich hörte es zufällig von draußen. Der ganze Saal war voller junger Leute, und obwohl ich nicht alles verstand, verstand ich doch alles und fand es sehr lustig und lachte. Ich merke, dass die schwedischen Studenten sehr auf Gemeinschaft aus sind, zusammen helfen, kaum rauchen. Alles wirkt so sauber und anständig, etwas konservativ vielleicht, aber schön. Das ganze Gebiet wirkt wie von einem anderen Planeten: die großen Herbstbäume, die angestrahlte weißen Universitätsanlage, alles voller Brunnen, Blätter und Fahrräder. Es muss eine schöne Atmosphäre sein, zu arbeiten, zu forschen. Die Doktoranden haben dort ein ziemlich gutes Gehalt, ein eigenes Arbeitszimmer. Viele sprechen nicht schlecht Deutsch, alle Englisch. Selbst die Mensa sieht aus wie ein Tempel, sowohl innen als auch außen. Die Aulen und Säle mit Steinwayflügel sind eher ein Museum oder eine Kirche und doch nicht steif und kalt, alles ist freundlich, menschlich. Alle Kirchen sind ohnehin beheizt und recht warm. Die verschiedenen Professoren der Hochschule in Malmö und der Universität Lund waren alle sehr interessiert und freundlich, wirken weicher und bescheidener, auch in der Art, wie sie duzen. An den Musikhochschulen einen künstlerischen Doktor zu machen, ist mittlerweile sehr im Kommen. Besonders schön war es, in der Hauptbibliothek die handgeschriebenen Originale von Werken von Schubert und Liszt, also historische Dokumente, die Tinte, das alte, gelbliche Notenpapier, zu sehen, und auch, die Musik des schwedisch-deutschen Komponisten W. W. Glaser kennen zu lernen.
Zurück ging es wieder durch Dänemark vorbei an Rödby mit der großen Fähre nach Deutschland, die eine Dreiviertelstunde bis zur Insel Fehmarn, Puttgarden und der Fehmarnsundbrücke braucht. Genau wie im Systembolaget in Schweden wird auf der Fähre ebenfalls Schlange gestanden für Alkohol. In Lund hatte ich die Gudrun Sjöden-Mode, die es ja auch in Deutschland mittlerweile gibt, kennen gelernt; die Damen-Mode in Schweden ist sehr weiblich, voller Rücke und Kleider und Farben wie Rosa und Lila und Rot, also sehr auffällig durchaus, aber individuell und stilvoll, mit Punkten und auch etwas kindlich, aber schöne Materialien, doch teuer. Der Stil passt zu mir, ich muss nur eine Sache anprobieren, es steht mir sofort. Ich habe mir einen rosa Windmantel gekauft, sehr auffällig, aber schön. In Würzburg braucht man ja sehr viel Mut, um schick und anders auszusehen als die typische Esprit-Masse. Schweden ist wie USA, jeder kann tragen, was er will. Großstädte sind insgesamt freier, finde ich, und Lund ist mehr Großstadt als Würzburg — es kommt eben nicht nur auf die Einwohnerzahl an.
Eventuell werde ich Weihnachten in Südschweden verbringen, ich weiß noch nicht genau, aber das wäre wirklich schön. Ich habe viel Nachholbedürfnis, was meine zweite Heimat angeht. Kaum ist meine zweite Schlagzeugstunde um, bat mich Bernd, in der Philharmonie Würzburg am Wochenende Perkussion, die sogenannte Große Trommel, zu spielen, etwas wie Pauke. Ich habe außer als Solistin keine Erfahrung mit Orchester: also innerhalb eines Orchesters zu spielen — diese schöne Erfahrung macht man als Pianistin nicht, da ich kein Orchesterinstrument spiele. Außer das Celest bei Holsts Planeten in den USA habe ich innerhalb des Orchesters nicht gespielt. Klavierkonzerte habe ich mit Orchester gespielt, aber das ist nicht dasselbe, innerhalb eines Orchesters zu sein. Perkussion im Orchester spielen meist Männer; ich freue mich auf die Trommel, und es ist interessant, aus einer Perkussions-Orchester-Partitur zu lesen, zu spielen. Da ich im Sommer in der Musiktherapie eine Verbindung zur Trommel bzw. Pauke hergestellt habe, ist dies jetzt ein besonderes Geschenk. Was es bedeutet, weiß ich nicht. Ich empfinde fast etwas Zärtliches für die Trommel. Es stimmt, dass Musik Propaganda pur ist — diese Trommel hat so viel Klang, tief und weich, so voll Power und ist doch so zärtlich, finde ich. Morgen beginnen die Orchesterproben.
Wie kann man mit Herz und Seele allein nur im Akademischen aufgehen? Es scheint mir eine Flucht vor dem Wesentlichen zu sein, sogar die Pädagogik kann eine Flucht sein. Es kommt mir immer mehr vor, als sei die Musik und die Kunst das Gegenteil vom Akademischen. Doch ich glaube an Verbindung.
Seitdem ich in dem schwedischen Luciachor mitsinge und Lucia bin, hat Weihnachten spätestens heute schon angefangen, mit schwedischem Glühwein und Lebkuchen, Gemeinschaft und Liedern — für mich ist die Lucia der Heilige Geist, auch wenn das vielleicht für viele bekloppt ist, aber was sollte sie sonst als Lichtträgerin und Hoffnungsbringerin anderes sein? Es ist schön, in einem solchen Laienchor zu singen, wir haben viel Spaß, und wir alle haben viel Leid mit unseren Hausarbeiten, wegen denen ich schon kaum noch schlafen kann. Ich freue mich sehr auf unsere Lucia-Auftritte und finde es schön, dass sich der schwedische Stammtisch mit der Uni deckt. Das letzte Mal Lucia war ich mit 10. Ich habe noch Fotos davon. Man hat einen Lichterkranz im Haar, soll wie ein Engel aussehen im weißen Gewand und singt alle schwedischen Texte auswendig.
Die kleine evangelische Kirche in Wenkheim bei Würzburg war ein Genuss, ich war ausgehungert nach Lobpreis, in Geborgenheit zu spielen und zu singen. Schwedisch an der Uni ist anstrengend, drei Stunden lang Schwedisch hören und reden. Ich verfahre mich immer noch oben am Hubland. Ich bereite gerade eine Händel-Arie vor neben all dem anderen Stress, für die Uni. Was mich aber am meisten beschäftigt momentan ist die CD-Aufnahme. Dass Duo Passion dafür probt, freut mich. Morgen buchen wir das Ticket nach Vadstena, 3 Stunden von Stockholm.

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Das Ticket ist gebucht, wir fliegen am 19. mit SAS nach Stockholm, fahren später nach Norrköping, dann nach Vadstena an den zweitgrößten See Schwedens. Aber das erst, wenn ich alle Arbeiten abgegeben habe und alle Prüfungen abgeschlossen sind, es fehlen noch zwei. Ich habe noch nie in Stockholm geschlafen oder bin überhaupt nach Schweden geflogen, schon gar nicht mit der schwedische Airline; früher als Kind fuhren wir stets mit dem Auto und mit Fähre. Die Arbeit an der CD macht Spaß, aber ist vor allem neben all der künstlerischen Tätigkeit eine Organisationsfrage, wer wann wo probt und wann wo spielt, Cello, Geige, die Stimmen, Klavier, Percussion ... Abläufe, Koordinierung usw. — und ich bin verantwortlich und manchmal etwas überfordert damit in der kurzen Zeit. Aber ich bin froh, dass die meiste Arbeit bei mir selber liegt und dass ich nun zumindest (als Klassikerin) schon 2 Jahre Studio-Erfahrung habe. Meine Kaninchen haben heute morgen Junge bekommen, ich war erschrocken und erfreut. Meine Percussionserfahrung gestern abend im Orchester war recht nett, allerdings spielten die Streicher sehr unsauber, und wenn der Dirigent keine Taktbuchstaben oder oft nicht die Eins anzeigt, zählen sich die Schlagzeuger hinten einen Ast bei 37 Takten plus 15 plus 20 plus 54. Da liegt man schnell mal daneben, wenn man kein Profi ist. Ich versuchte, mir die Musik zu merken, die Einsätze der Bläser. Die Schlagzeuger hinten halten allerdings alle sehr zusammen, was mir gefiel, ich war auch die einzige Frau. Es waren drei lustige Männer und ich: bei dem klingelte das Handy, der zweite vergass die Becken und der andere hörte iPod beim Pauken — das war alles glücklicherweise nur in der Probe. Die Schlagzeuger werden im Orchester als Solisten bezahlt, wahrscheinlich aufgrund der aberwitzigen Zählerei. Beim Üben am Flügel purzeln bei mir Gedichte und Lieder, ich komme kaum hinterher, sie aufzuschreiben, während mir heute auch noch Kerzenwachs auf den Flügel lief, und mich gleichzeitig auf das normale Üben zu konzentrieren.

28. Oktober 2009

Jag är i Malmö. Ich liebe das Meer, von der Fähre aus zu sehen; es war windig und die Ostsee schmutzig und grau, aber die Weite und die Luft und die vielen Menschen von ueberallher — es ist ein Erlebnis. Höre ich Schwedisch, klopft mein Herz vor Freude. Wir sind bei Puttgarden auf die Fähre nach Dänemark, sämtliche Busse und Autos und der ICE. Dann fuhren wir nach Köpenhamn auf die Öresund-Bruecke und waren anschliessend direkt schon in Malmö. Nach 12 Stunden Busfahrt war ich aber doch ziemlich muede, als wir ankamen. Malmö ist international, 300 000 Einwohner. Zu viert sind wir dann erst einmal losgezogen in ein paar schwedische Pubs. Eine BWlerin, zwei Schweden, wobei einer halbfranzösisch war, und ich. Es dauert eine Weile, bis ich mich entspannt auf Schwedisch unterhalten kann, aber ich bleibe dran, ich möchte nicht ins Englische wechseln, Englisch kann ich schon. Man kommt schnell rein, auch wenn wir oft Haende und Fuesse verwenden. Ich hätte stundenlang zusehen können, wie diese interessanten Menschen sich in dem Pub bewegten. Viele waren sehr tätowiert und hatten Wollmuetzen auf und lange rote oder teilweise blondgefärbten Haare. Das, was ich erwartet hatte, dieses typisch Schwedische, war eigentlich nicht dabei. Aber insgesamt war eine freie, kuenstlerische Atmosphäre. Dennoch hatte ich das Gefuehl, dass ich von einem anderen Planeten komme. Heute fahren wir nach Lund, in diese alte Universitätsstadt, in der bereits die Kinder meiner Uroma studiert haben.
Lund ist eine wunderschöne alte Stadt, ungefähr so gross wie Wuerzburg, 120 000 bis 130 000 Einwohner. Eine sehr freundliche schwedische Dame erklärte uns mit ihrem typischen skandinavischen Singsang (das meine Mutter noch im Deutschen hat nach all den Jahren und ich im Ohr und teilweise uebernommen, was manche Deutsche bemerken) die Geschichte Schwedens, des Nordens und Lunds. Der grosse Dom Lunds beruehrte mich sehr; meine Urgrossmutter mit ihren Soehnen, als diese um 1900 in Lund studierten, musste hier gewesen sein. Anschliessend liefen wir durch den mit grossen Ulmen verzierten Herbstpark, besuchten die Philosophische Fakultät und das grosse, weisse Tempel — Hauptgebäude der Universität. Wir assen in der Mensa, und hier fand ich all das typisch Schwedische, kein Wunder bei insgesamt 30 000 Studenten. Danach hatten wir einige Vorlesungen in der Universitätsbiliothek. Ich spuere eine besondere Liebe zu diesem Land. Was das genau fuer mich bedeutet, weiss ich nicht. Insgesamt bemerke ich auch den Stress, den viele Uni — Studenten haben, eine andere Art Stress als die Musiker der Musikhochschule, eine andere Art Kampf und Ringen. Ich habe das unterschätzt. Die Atmosphäre in Lund und unter den schwedischen Studenten und Professoren ist kreativer oder freier, nicht so hart wie in Deutschland. Das liegt sehr an dem Duzen und dass das Land nicht zerbombt worden war. Ich spuere eine groessere Freiheit und Unschuld und insgesamt weniger Traumata. Abends sind wir in die Oper in Malmö gegangen, in eine Oper Rossinis. Ich verstehe Schwedisch immer besser, mit jedem Tag, und es macht mir Freude. Seitdem ich wissenschaftlich lerne zu arbeiten, denke ich anders und höre auch anders zu. Es ist ein sprachlicher Prozess, sogar fuer meine Ohren.

25. Oktober 2009

Durch die Universität habe ich nun ganz spontan Schlagzeug — Unterricht bekommen. Es ist sehr interessant, plötzlich eine Cajòn zuhause zu haben. Zwei Djemben, groß und klein, original aus Afrika, habe ich mitgebracht. Bernd Kremling kennt meine Familie. Er sagte, ich hätte eine ausgezeichnete Veranlagung zum Rhythmus. Es gehört viel Energie dazu, einen steady Rhythmus zu spielen an einem Drumset, das absolut groovy ist und einen schönen Klang hat, dazu die wirklichen Rhythmen heraus zu akzentuieren. Die wirklichen Rhythmen wie Samba locker aus dem Handgelenk sind nicht das Problem, sondern der stabile „Ghost — Rhythmus“ im Hintergrund. Rhythmus hat viel Power, es macht mich lächeln und tanzen. Meine ganzes Gesicht tanzt mit.

21. Oktober 2009

Es ist für mich ein Wunder, dass ich innerhalb kürzester Zeit ansatzweise gelernt habe, wie man wissenschaftlich arbeitet, also auch wissenschaftlich denkt. Es ist wie eine Sprache lernen: im Schwedischen lernt man auch nicht einfach eine Sprache, man lernt, anders zu denken, sogar anders zu fühlen. Schwedische Schriftsteller zum Beispiel vermitteln ganz andere Grundstimmungen als deutsche, die Literatur ist ganz anders. Und so ist die Wissenschaft eine Sprache. Zunächst schweigt sie an der Kreativität vorbei; es kostet mich viel Demut. Sie ist auf der einen Seite hochinteressant und eine Welt für sich, die voll Sortierung und Logik ist, auf der anderen Seite für mich fast widerlich, da ich mich ständig bemühen muss, mein eigenes Surfbrett auf der niedrigsten Welle zu halten, während ich vor mir das große Meer sehe. Ich habe eher Probleme mit niedrigen Wellen als mit großen Wellen. Große Wellen mögen mich, kleine rauben mir den Nerv, mein Gehirn scheint auszusetzen. Vielleicht ist meine Seele auch in meinem Gehirn? Ich bin froh, Wissenschaftler zu kennen, die mir helfen, diese Welt zu erforschen. (Es ist ja noch einmal etwas anderes, ein Forscher oder ein Wissenschaftler zu sein.) Einen davon habe ich, und das ist doch eine gute Voraussetzung, wenigstens schon mal im Schach besiegt. Nächste Woche geht dann die Fahrt nach Schweden los. Ich freue mich. Das letzte Mal war ich vor über 12 Jahren in Schweden. Ich habe Kindheitserinnerungen: dass unser weißer Mercedes im Schnee — im Graben — stecken blieb und uns ein Traktor herausholen musste — das Baden im See, Pilze sammeln, meine Oma briet sie und legte sie uns aufs Brot, in ihrem Bett zu schlafen, die Waschküche, die Wälder, die großen Städte, die Kirchen, die blauen Schreibhefte, die Treppe im Haus meiner Oma, der Garten im Haus meines Onkels.
Ich habe mit einem alten Freund Schach gespielt. Es ist tatsächlich möglich, dass einer im Endspiel und der andere noch im Mittelspiel ist und sich das überdeckt. Es ist nicht leicht, eine wirklich saubere, „gesunde“ Partie zu spielen.

18. Oktober 2009

Das letzte Konzert war sehr schön, auch wenn mich die Orgel bei der Zugabe zu Butter spielte. Torstens 100. Psalm machte mir am meisten Spaß. Die vertonten Psalmen wurden vorgelesen vor dem Spiel. Ich sehne mich sehr danach, junge Leute zu erreichen. Oft spiele ich für Menschen, für die ich nicht unbedingt spielen möchte, aber die, für die ich spielen möchte, scheinen unerreichbar: die breite Masse möchte ich mit der Schönheit ihnen ganz neuer und fremder Musik erreichen, nicht nur die gebildeten Leute. Für gebildete Menschen spiele ich schon mein Leben lang.

16. Oktober 2009

Gestern abend probten wir, Duo Klorg, in der Schlosskirche in Düsseldorf. Der Flügel ist ein auf die Orgel gerade frisch abgestimmter Gotrian Steinweg, etwas älter mit leicht gehenden Tasten, zu leicht für meinen Geschmack, ich werde dann übermütig. Ich konnte Torsten oben an der Orgel nicht sehen, und er mich auch nicht unten am Flügel, wo der Altar ist. Wir spielten blind miteinander. Das ist auch nicht schlimm, denn wir hatten vorher gut und nah miteinander in Bonn geprobt an zwei Flügeln oder an Flügel und Orgel auf einer Etage. Schlimmer ist, dass die Orgel immer nachhängt, wenn man auf zwei Etagen spielt, also oben und unten, das heißt, es klingt für mich, als wäre sie dauernd zu spät. Ich versuchte mich dann anzupassen, was bedeutete, dass wir immer langsamer wurden. Irgendwann sagte Torsten: Du darfst nicht auf mich hören. Spiele einfach als Solistin. Ich bin das Orchester. Ich höre auf dich! — Es ist nämlich so, dass man unten meint, die Orgel sei viel lauter, dass man mich nicht höre, und schlimmer, dass er mich nicht hört. Aber das ist nicht wahr. Er hört mich sehr gut, und ich kann piano spielen, er hört mich immer noch. Und er ist im Gegenteil immer bewusst voraus mit der Orgel, es kommt nur so an bei mir aufgrund der Akustik und wie eine Orgel im Gegensatz zu einem Flügel funktioniert, dass die Orgel immer hinterher ist. Dass heißt, auch das Publikum wird unten nur in der genauen Mitte der Kirche hören, dass wir zusammen sind. Es geht dabei um Sekundenbruchstücke, aber das ist nervenaufreibend und verwirrend. Es kostet mich Überwindung, frei zu spielen, wenn ständig eine Orgel nachhängt. Dennoch macht diese Kombination großen Spaß, es hat etwas von Freiheit, eine Mischung aus alt und neu, aus historisch und modern, vor allem, wenn man improvisiert. Es hat etwas Prophetisches. Bei seinen Psalmen gibt es eine Stelle, die wie eine ägyptische Karawane klingt. Es kam mir vor, als schlängele sich die Orgel wie eine Schlange aus dem Korb, und zwar immer ein bisschen zu spät, während ich als Kamel durch den Wüstenstaub rockte. Leider hatte danach das Kino in Düsseldorf schon zu, Donnerstag abend in einer 600 000 — Einwohner-Stadt.
Die Atemschaukel, die Herzschaufel und das Herztier Herta Müllers und ihre Schöpfung mit Worten gehen mir nicht aus dem Kopf. Kaum zu fassen, dass diese Kriegszeit kaum ein Menschenleben her ist. Es betrifft mich. Als ich einem Freund sagte, ich sei die Kurve und divergentes Denken die vierte Dimension, und wieso dreidimensionales Denken für ihn nur eindimensional seien, und dass, obwohl ich räumliches Denken kaum hinkriege, denoch glaube, in einer vierten Dimension denken zu lernen, sagte er, die Kurve solle lieber üben. Ich glaube, es müsste in der Literatur eine wissenschaftliche Abzweigung geben, oder man müsse sagen, Poesie und Kunst sind eine Geisteswissenschaft und auch eine Naturwissenschaft, denn die vierte Dimension lässt sich messen, und nummerische Begriffe werden in Sprache getaucht. Es ist alles die Symbolik für die Suche nach Wahrheit und Ewigkeit. Ich glaube, dass man diese zeigen kann. Ich weiß, dass es in mehrdimensionalen Räumen einsam ist, ein Grenzland, da auch die Null unendlich ist und alles in mehrdimensionalen Räumen ins Unendliche konvergiert, und da ich nach Unendlich divergiere; aber das Böse kann mir nicht bis ins Unendliche folgen.

15. Oktober 2009

Seit sechs Tagen bin ich nun in Bonn. Mein Musikerkollege Torsten wohnt in Bonn, obwohl er in Düsseldorf und Bayreuth unterrichtet. In seiner Wohnung steht ein kleiner Ibach-Flügel, ungefähr so alt wie mein Blüthner; an dem übe ich viele Stunden am Tag und bummel dann durch Bonn, während Torsten unterrichten muss. Bonn war einmal die Hauptstadt Deutschlands, ich finde, das merkt man, es liegt noch dieser majestätisch schläfrige Schleier über der Stadt mit den 300 000 Einwohnern, die man nicht spürt. Ich wohne mitten in der Innenstadt, hinter dem Theater Bonn, hinter dem Rhein. Trotzdem habe ich den Rhein erst einmal nicht gefunden. Torsten sagte, er könne sich das nicht vorstellen, man falle doch gleich rein in den Rhein. Ich habe fünf Jahre in Köln gewohnt und studiert, an der größten Musikhochschule Europas, die jetzt auch offiziell Tanz und Schauspiel beherbergt, und doch erinnert mich Bonn nicht an Köln. Ich bin fünf Jahre über die Brücken Kölns gefahren und war doch überrascht, als ich auf der großen Bonner Brücke stand, die Brücke beim Theater. Bonn ist eine Großstadt, wie Nürnberg, und kommt mir doch nicht wie eine vor. In Nürnberg bin ich geboren und zur Schule gegangen; Nürnberg war immer eine Großstadt für mich, ist es immer noch, und die schönste Stadt Deutschlands. Gewohnt hat unsere Familie immer etwas außerhalb von Nürnberg in einer ländlichen Umgebung, in einem Dorf zunächst sogar oder dann in einer Kleinstadt an der Pegnitz.
Bonn ist eine schöne Stadt, ohne Zweifel; im Vergleich dazu ist Würburg ein kleines Nest. Viele fragen mich, wie eine Künstlerin in Würzburg wohnen kann, warum ich nicht in Berlin wohne. Ich finde, eine kleine Stadt wie Würzburg ist ein Rückzugsort, wenn man viel unterwegs ist; und es gibt noch andere Gründe. Ich habe außerdem viele Jahre in Großstädten oder in der Nähe gewohnt, in Nürnberg, Köln und Phoenix, dort nur auf dem Campusgelände der Arizona State zwei Jahre lang, aber ich reiste durch die ganze USA und reise viel durch und in Großstädten, all die Hauptstädte der Welt.
Wenn ich zuhause in Würzburg schlafe und das Fenster auf habe, ist es ganz ruhig, obwohl ich auch in der Innenstadt wohne. Hier in Bonn höre ich den bibbernden, quellenden Großstadtlärm durch das Fenster die ganze Nacht, aber ich gewöhne mich. Der Lärm flimmert wie in Hitze. Es ist spannend. Ich weiß noch, wie ich eine Nacht mitten in Manhattan, in New York gewohnt habe, es war ein Abenteuer, ich war noch klein. Wenn Autos in Bonn in der Ferne zu hören sind, klingen sie wie Disharmonien.
Mit einem Musikerkollegen, der am Opernhaus, also im Theater Bonn als Chordirigent arbeitet, habe ich mich zweimal getroffen, wir haben früher zusammen beim Torger in Würzburg studiert, er war damals fast fertig, Meisterklasse hat er nicht gemacht, und ich war noch Jungstudentin. Er erinnert sich, dass meine Schwester und ich die Sternchen der Klasse, die jungen Stars waren. Ich habe kaum Erinnerung an die Zeit; nach dem Vordiplom ging ich nach Köln, Magda nach Stuttgart, Prof. Torger nach Weimar, Ulrich später nach Bonn. Er sagte, ich solle über die Brücke hinter dem Theater laufen, wir würden uns in der Rheinlust zum Esen treffen. Ich dachte, er redet von einer Fußgängerbrücke. Mich traf dann die Erkenntnis, als ich die Brücke sah und schon spät dran war (bisher hatte ich den Rhein vergessen, ignoriert, nicht gefunden); da war es die große Rheinbrücke hinter dem Theater, und sie schien mit Wind und Kälte gepaart kilometerweit über den Rhein zu führen, und ich trug einen Rock und rote Stöckelschuhe aus Berlin. Aber ich habe skandinavisches Blut, keine Kälte kann mir etwas anhaben. Ich genoss sogar Sonne und Sturm, obwohl ich zitterte. Zwischendurch rief Uli auf dem Handy an und sagte: Halte durch!
In der Rheinlust saßen wir dann und philosophierten über das Leben am Theater oder freischaffend oder an der Hochschule, während neben mir geraucht und Schach gespielt wurde; mich juckte es in den Fingern. Uli sagte, er habe nicht genügend Killer-Instinkt für Schach. Ich sagte ihm, man kann sich auch andere Geschichten dabei ausdenken, sein Land zu retten oder für das Gute zu kämpfen, zu befreien. Er fragte mich, wer mein Vorbild sei. Ich gerate dann ins Schwärmen über Mose aus dem Alten Testament, während ich einen Burger in der Rheinlust esse.
Das Orgel-Festival, auf dem Torsten und ich zweimal spielen zusammen, ist das größe Orgelfestival der Welt, es ist das vierte Mal 2009, und er ist der Künstlerische Leiter, der sehr viel dort spielt und ein Herz dafür hat, auch wenn er es nicht preisgibt, aber man spürt es.
Das erste Konzert in der Friedenskirche in Düsseldorf war schön; Kristina, die mit anderen meine Homepage von jungepartner gestaltet, kam mit ihrem Freund aus Bochum. Wir laufen mit nassen Regenschirmen ausgestreckt durch die Bahnhofshalle, als würden wir Tango tanzen, ich etwas müde, da ich vorher nur vier Stunden geschlafen hatte aufgrund einer üblichen Feier mit Torsten. Als wir eine Gruppe massivst vermummter Polizisten schwerbewaffnet sahen, rief ich: Krieg! Kristina lachte sich kaputt, ein paar Soldaten lächelten.
Es ist anstrengend, mit einer ungeborenen Vision zu leben, an die ich nicht mehr denken will. Sie begegnet mir überall. Ich möchte mich entspannen, morgen ist das nächste Konzert in der Schlosskirche in Düsseldorf, und ich schaue mir Ben Hur an, ein wundervoller, grandioser, heftiger Film von vier Stunden, den ich noch nie gesehen habe, die erste christliche Oper, die erste Oper mit erstaunlicher Filmmusik über den Glauben. Bonn war ich auf dem Flohmarkt und kaufte ein altes, noch schmutziges Telefon vor dem Krieg und ein Opernglas aus Perlmutt. Ich möchte den Schmutz lassen. Stundenlang las ich begeistert Die Atemschaukel von Herta Müller. Sie schreibt mit purem, divergentem Denken oder divergentem Finden und Suchen, finde ich, über Traumata, und dies in einer weichen, poetischen Art — erstaunlich, dass ich dies lese direkt nach meiner Reise nach Rumänien, als wäre es vorbereitet, dass ich ihr Buch verstehe und ihr Schreiben als anschließend frisch gekürte Nobelpreisträgerin — Kreativität ist kein passender Ausdruck mehr, ich finde sie besser als Böll und Grass, wenn ich vergleichen muss, die ja auch nicht meine Generation sind, die mir zu provozierend im ekligen Sinne waren; denn Ästhetik ist Denken. Begriffe müssen klar sein, ich weiß, Kreativität ist mir ebenfalls zu schwammig, dies ist kein guter Begriff. Ich müsste neu Wörter erfinden und ihre Definitionen.
Heute proben wir mit Orgel, die mir ja noch neu ist in Kombination mit Flügel, Uraufführungen, Bearbeitungen und Improvisationen. Die Programmhefte sind dick und schön mit meinen Texten. Als ich mit Uli das Bonner Münster besuchte, in dem gerade die Gruft von Märtyrern geöffnet ist (ich wusste nicht, dass das Rheinland lange von Franzosen besiedelt war), sah ich eine große Steinfigur mittig, eine Frau, die in Wildheit und Ruhe kniend im Kleid ein Kreuz trug und anstarrte. Ich sagte zu Ulrich: Schau, das bin ich! Als wir ringsum um die Kämpferin gingen, stand auf einer Tafel: Die Heilige Helena. Er sagte: Wow. Woher wusstest du das? Ich wusste es nicht. Ich fragte: Was macht sie da? Er sagte: Sie bittet um Kraft. Das gefiel mir. Das ist das, was ich brauche: Kraft. Ich bat gleich darum zuhause. Die Tests von LOI seien nur ein Tool, hörte ich heute, um meine Seele zu erreichen. Ich müsse mich mit meinen Gaben versöhnen.
Kreativität ist divergentes, intuitives, innovatives Denken. Divergent bedeutet, dass man aus anderen Bereichen Erkenntnisse und Lösungen auf neue Felder und Probleme überträgt. Eigentlich kommt dieser Begriff divergent aus der Mathematik, aus der Kurvendiskussion, und bedeutet auseinanderdriftend. Konvergent und divergent sind hier Annäherungsbegriffe in der Analysis, Entfernng und Nähe. Eine Kurve nähert sich Null an, wird nie Null, konvergiert gegen Null und wird unendlich klein. Oder sie driftet von Null weg, divergiert ins Unendliche. Mathematik ist hochkreativ und sehr symbolisch. Für mich gehören divergent und konvergent zusammen, sie bedingen einander, sind eine Einheit, auch wenn sie Gegensätze sind. Kreativität braucht auch beides. Es ist nur ein Begriff, schwammig wie Worte schwammig sind. Man müsste neue Begriffe erfinden und definieren. Begriffe sind in der Wissenschaft allerdings sehr wichtig und müssen sauber gehalten werden wie beim Chirurgen das Besteck, sagte mir jemand. Aber was bedeutet der Begriff Kunst? Beim Divergenten wird aus Begrenzung ausgebrochen, es geht um Neues schaffen, Erkanntes auf neue Probleme anwenden, das Gegenstück zum konvergenten Denken. Dass Kreativität Denken ist, sogar Problemlösungs-Denken, das höher bewertet werden kann als konvergentes Denken, als traditionelles, menschliches, schulisches Denken, hätte ich nicht gedacht. Ein Künstler schaut von außen auf sein Werk, aus dem Konflikt heraus. Denken und divergent — wie gehören diese zusammen? Was hat dies mit Kreativität zu tun? Denken ist en Prozeß, ein Suchen und Finden und hat mit Gesetzmäßigkeiten zu tun. Die Gesetzmäßigkeit des Denkens ist die Sehnsucht, die Suche nach Wahrheit, für diese man bereit ist, anzuecken und zu leiden, daher kann man auch divergentes Suchen und Finden und Schaffen sagen, wobei für mich Schaffen und Denken ebenfalls eine Einheit sind. Es geht dabei um Ästhetik, die für mich mit Denken und Wahrnehmen zu tun hat. Worte sind schwierig, Kreativität ist zu wenig, innovatives Denken wäre zu wenig, kreatives Denken trifft nicht. Divergentes Denken ist in Ebenen verschachtelt und strebt nach außen, es ist ein Angriffsdenken, ein in Systemen denkendes Denken, genauer, in Systembeziehungen, ein Übertragungsdenken. Es mag sein, dass das Wort divergent, seit 1967 von Joy Paul Guilford für Coachingszwecke und Intelligenzforschung genutzt, teilweise irreführend benutzt wurde oder für viele verstaubt wirkt. Für mich nähert er sich gut an. Ohne Denken kann man nichts Neues schaffen, es kommt darauf an, wie man denkt. Denken an sich wird deswegen immer ein Geheimnis, ein Mysterium, ein Geschenk bleiben. Man wird das nie ganz verstehen, wie Kunst geboren wird. Es ist für mich nicht nur querdenken, nicht Rebellion, wenn man neue Wege sucht und findet, sondern intuitives, innovatives Denken gegen Angst, Routine, ein sich vergrößerndes, sich vermehrendes Denken, vielleicht etwas unberechenbar. Aber ich denke, dieses Denken hat immer mit Kunst zu tun. Es ist die vierte Dimension. Ich finde diese in der Musik, Malerei, besonders in der Literatur, in der Wissenschaft, beim Schach. Als ich mit einem Kollegen aus Cambridge darüber sprach und er sagte, ich könne mit meinem Denken doch nicht einfach das Abendland über den Haufen werfen, Platon und so, dann sagte ich, was meinst du denn mit Abendland? Denkst du, Platon schrieb, erst soll man schaffen und dann denken?

1. Oktober 2009

Ich bin immer wieder überrascht über die schöpferische Vielfalt und Phantasie, zu kombinieren, zu variieren, zu erfinden, sich auszutoben, — beim Schach, und eine Art Instinkt aus Erfahrung zu bekommen. Ich denke dann nicht voraus, sondern ich fühle voraus. Zu gewinnen (je nachdem, wer es ist) ist langweilig für mich, lieber habe ich starke Gegner. Ich spiele am besten, wenn ich dabei Musik höre. Die Musik aktiviert mein Gehirn und mein Gespür für die Armee. Ich befinde mich dann in einem romantischen Krieg. Es ist schön, Stellungen und Posten und Positionen zu ertesten und zu erfühlen. Darüber zu lesen ist spannend, aber es ist noch mal ganz etwas anderes, sich wirklich in einem Mittelspiel zu befinden. Leider passieren mir manchmal gravierende Fehler, da ich abgelenkt bin innerlich; das bedeutet, dass ich manchmal komplexe Züge fühle.
Das Konzert heute in Würzburg war schön. Es ist wirklich ein Geschenk, dass ich so leicht mit Musik anderen eine Freude machen kann, ohne mich anzustrengen. Ich merke manchmal nicht einmal, dass ich ihnen eine Freude mache. Ich spiele einfach nur so gut ich kann und sehe, dass sie lächeln und begeistert sind, dort, wo sie vorher eng und ernst waren. Morgen abend spiele ich wieder hier in Würzburg.
Das expand-Programm an der Universität Hohenheim in Stuttgart am Wochenende war sehr intensiv. Ich sollte mich und meine Vision vorstellen; in dieser Gruppe war ich die einzige Frau und einzige Musikerin. Die meisten waren Business-Männer in irgendeiner Form. Meine Vision, aufgemalt auf einem großen Blatt, war eindeutig anders. Wir (also auch ich) standen und saßen davor wie vor einem Kunstwerk. Ich kann selbst nicht glauben, was ich da male und hoffe. Ich habe dort meine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gemalt, auch meine Wunden, und nicht nur meine, es war, als hätte ich aus Sicht der Kunst Geschichte gemalt für viele. Meine Vision war plötzlich real, nicht nur prophetisch. Der sound tropfte aus Schmerz und Farben heraus direkt in die Welt mit Sternen, die leuchteten in Zartheit. Wir waren 19 junge Leute aus ganz Deutschland und ungefähr 7 Trainer und Coaches, die uns 2 Tage lang geprüft haben. Es ging um Vision und Werte. Letztendlich war es eine Verbindung des DISG-Tests (Persönlichkeitstest), des SOI-Tests (Structure of Intelligence) und des Fähigkeitentests, bei dem die 10 stärksten Motivationsfähigkeiten herausgefunden wurden, nicht die erlernten Fähigkeiten. Es kamen erstaunliche Ergebnisse heraus, so anstrengend es auch war in den Tests, Einzelgesprächen und in den Gruppen. Bei mir passte alles zusammen. Mit Kreativität, Intuition, semantischen Fähigkeiten (mit Wort umzugehen) und divergenten Problemlösungen habe ich den Test weit gesprengt. Divergent bedeutet, dass man aus anderen Bereichen Lösungen überträgt. Kreativität ist an sich schon divergentes Denken! Dabei wird aus Begrenzung ausgebrochen, es geht um Neues schaffen, Erkanntes auf neue Probleme anwenden, das Gegenstück zum konvergenten Denken. Im konvergenten Problemlösungen war ich auch sehr gut, vielleicht weil ich manchmal mein eigener Manager bin. Beim divergenten Denken habe ich den Test gesprengt. Dass Kreativität Denken ist, sogar Problemlösungs-Denken, das höher bewertet wird als konvergentes Denken, hätte ich nicht gedacht. Es tut gut, Trainer hinter sich zu haben. Bei den Motivationsfähigkeiten kam heraus, dass ich optimale Umstände schaffen möchte und neue Wege gehe, um Menschen zu helfen, eine gewinnende Art habe, Intuition und Symbolik meine Stärken sind ebenso wie sprachlicher Ausdruck, Musik und Kunst. Die Kunst spielt immer mehr eine konkrete Rolle für mich. Die Zusammenstellung dieser Tests hat mich sofort an meine Schwächen gebracht, ich hatte gleich Tränen in den Augen. Es tut mir gut, über Stärken meine Schwächen zu definieren, ich öffne mich viel mehr in einem Umfeld, in dem meine Stärken ebenfalls auf Interesse stoßen, als wenn es nur um meine wunden Punkte geht und ich auf Misstrauen stoße. Dominant-direktiv, integrativ und demütig zu sein erscheint mir weit weg. Ohne meine Geschenke und Stärken würde ich nicht auf die Idee kommen, mich auf diese Arbeit an mir einzulassen.
Direkt anschliessend spielte ich auf dem Bach Meisterkurs in Saarbrücken im Musikerhaus Blankenheim Bach Goldberg Variationen und erste englische Suite. Es ist sehr interessant, sich mit horizontalem und vertikalem Hören (und Hören ist Denken) zu beschäftigen, also Linien, Verbindungen und Artikulation im Detail-Kontext zu hören, nicht nur vertikal Charakter, Klang, Tempi insgesamt. Hören ist Wahrnehmen. Ein Pianist ist meist gewissenhaft und diszipliniert, aber detailgetreu und pedantisch war ich noch nie, ich war eher Klang. Jetzt aber stellte ich fest, dass man durchaus ein Pferd auch von anderer Seite aufzäumen kann, was mir neue Horizonte eröffnet hat, einfach den Schlüssel Artikulation zu benutzen, um von hinten sozusagen oder vom Kleinen aus alle Räume aufzuschließen.
Ich übernachtete bei einem Künstler-Freund, der ganz andere Musik hört: elektronische, interessante DJ-Musik mit interessanten Rhythmen und Beats, durchflochten mit Jazz, Black Rap und klassischen, echten Instrumenten, sogar einem verstimmten Flügel! Es waren wieder wilde Schach-Partien angesagt. Ich gewann oft.
In all dem ist mir immer wichtig, darüber zu reden, was für mich der Sinn des Lebens ist, frei von Zwängen und frei von Leistungsdruck. Daraus werden oft tolle Gespräche. Das Konzert in der schwedischen Kirche in Frankfurt war ebenfalls ein Erfolg. Schweden bezahlt ihre Kirchen in Deutschland, die es überall anders auch gibt, in Berlin, Gran Canaria usw. — sie hatten einen niedlichen kleinen Steinway in einem Saal mit toller Akustik. Ich genoss das sehr. Ich war ziemlich frei diesmal, da der Flügel so stand, dass ich fast geschützt war. Die Akustik liess mich fliegen. Ich sang meine Lieder zum Schluss, nach Waldstein Sonate von Beethoven und Bachs Duetten, und las auch Gedichte. Ich verkaufte viele CDs, meine Lieder-CD war gleich ausverkauft. Ich nehme bald eine neue auf und freue mich sehr. Nächstes Jahr werde ich wieder dort spielen, diesmal nur Songs. Es machte mir viel Freude, anschliessend schwedisch zu sprechen. Ich verstehe es ganz gut und habe es nicht verlernt, aber das Sprechen und Schreiben fällt mir noch schwer. Ich freue mich, im neuen Semester Schwedisch-Kurse zu besuchen und habe viele schwedische Freunde, die mir helfen. Bald fahren wir ja auch nach Lund mit der Uni. Am Tag nach dem Konzert bummelte ich mit Freunden durch Königstein im Taunus und Bad Soden.
Heute abend spiele ich Bach Goldberg in der Martin Luther Kirche.
Gegen meinen Schach-Trainer habe ich das erste Mal gewonnen; es war eher Patt als Matt, denn er spielt als Gentleman, „mit“ mir, wie er sagt, nicht gegen mich; dennoch ist er erstaunt, wie ernst ich es nehme und wie stark ich nach nur 2 Monaten spiele. Die Schachbücher gefallen mir: das Spiel nicht über das Brett, sondern über Diagramme, Buchstaben und Zahlen wahrzunehmen. Ich finde so viele Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien darin, die weit über das Schachspielen hinausgehen. Ich glaube, Intuition ist eine Kraft aus Gesetzmäßigkeiten. Ich finde diese auch in der Musik und faszinierend; es sind für mich keine Regeln, es geht weit tiefer, da Gesetzmäßigkeit mit Wahrheit zu tun hat, Regeln nicht unbedingt. Die Mystik eines Trainers geht etwas verloren, wenn man plötzlich fast gegen ihn gewinnen kann ... Ich glaube, dass Gott eine Person ist, deren Mystik nie verloren geht, dass es also nicht um Frequenzen oder Mächte oder Synchronisierung geht, sondern dass sein Geist eine Kraft ist und nach Prinzipien arbeitet, allerdings kann man ihn nicht auf die Art und Weise kennen lernen, wie eventuell süchtige Spieler einen Automaten, in dem sie vor ihm sitzen und sich die Reihenfolge der Lichter und Zahlen merken und die Abstände dazwischen. Warum sollte auch Intuition nicht eine Person sein, nämlich der Geist Gottes, jemand, den ich kennen lernen kann? Und wie viel Intuition braucht unser Land? Das Gegenteil von Intuition ist Unsicherheit. Viele Menschen in Deutschland leiden unter Dauer-Verunsicherung, unter chronischer Unsicherheit, unter Traumata, und damit unter psychosomatischen und psychischen Problemen. Ich glaube nicht, dass Gott unsicher ist.
Ich finde es schön, mit möglichst vielen Menschen über den Sinn des Lebens zu reden. Es kommt mich ein Mann besuchen, der das Buch: Der Halbe Mann geschrieben hat, Flo Sitzmann. Ich denke, es gibt so viele Menschen, von denen man wirklich viel lernen und mit denen man im guten Sinn diskutieren kann. Ich glaube, Diskutieren ist nicht schlecht, wie manche denken; im Gegenteil. Es kommt immer darauf an, wie, wann, warum.

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Heute kam das Testergebnis von xpand schriftlich an. Ich freue mich über meinen hohen SOI, aber fühle mich doch erneut ertappt. Kreativität ist divergentes Denken — habe ein testsprengendes Ergebnis. Aber es kann stimmen, dass Menschen mit hohem divergenten Denken ihre Not haben mit Routine und Trott. Ich merke auch, dass ich Ausdauer und Zielbewusstsein habe, wenn mein hohes divergentes Denken gefragt ist, also, wo es nicht immer gleiche Abläufe gibt — und ich habe Schwierigkeiten mit Menschen, die unflexibel, ungerecht, pedantisch sind. Und solche Menschen kenne ich zu genüge, die auch noch über mir stehen. Ich kreiere, konstruiere gerne, habe Mut, Neues auszuprobieren. Ich bin immer noch fasziniert, dass Kreativität ein Denken ist, ein Problem-Lösungs-Denken, ein Gegenstück zum konvergenten Denken, in dem ich ebenfalls hohe Werte habe. In Verbindung damit, dass ich ein hoher D-Typ bin (dominant-direktiv) und testsprengende Ergebnisse habe in Kreativität und divergentem Denken, müsste ich doch eigentlich an einem ganz anderen Punkt stehen. All diese Fähigkeiten braucht man auch in der Musik, Wissenschaften, Lyrik. Hohe Werte hatte ich auch in symbolischen und semantischen Fähigkeiten, in abstrakter Symbolik, im konvergenten Denken, in Systemen, Sequenzierungen, Implikationen, also im Überblick und in Details. Ich bin immer noch fasziniert, dass Kreativität und Problemlösung eins sind, eng zusammengehören Meine Motivationsfähigkeiten waren: Optimale Umstände schaffen wollen und gewinnende Art haben. Können nun Künstler Leiter sein, wenn sie hohes divergentes Denken haben und Struktur und Ordnung vernachlässigen? Die meisten Leiter sind doch gerade gut in Struktur und Ordnung. Ich wünsche mir sehr, als Künstlerin eine Leiterin zu sein, denn so viele Leiter haben keinen Mut, Neues zu schaffen, zu kombinieren, Kreativität, Klugheit, Umsetzen und Erkennen zu neuen Wegen. Künstler gehören in Leiterschaft, dringend. Sie sind an ganz neuen Problemlösungen dran! Ich müsste sogar mehr Kreativität zulassen und erlauben. Als hoher D-Typ überfordere ich andere manchmal. Sie haben mir geschrieben, dass ich hohes Potential habe, aber noch einen Weg vor mir. Konvergentes und divergentes Denken sind eine Einheit und gehören zusammen. Dadurch passen auch Kunst und Wissenschaft gut zusammen und sind nicht konträr. Sie sind Gegenstücke, aber im guten Sinn. Wie bringt man Künstlersein und Leitersein unter einen Hut? Wie Wissenschaft, Musik und Kunst? Dazu kommt, dass ich nicht genau weiß, wie ich Frausein und D-Typ sein unter einen Hut bringen soll, oder besser, wie bekomme ich so viel D in meinem kleinen Körper unter? Ich habe mehr D als manche großen Männer.
Nun stehen mir erst mal ab Freitag eine Woche Konzerte und Proben in Düsseldorf und Bonn bevor. Morgen nacht fahre ich mit dem ICE, nachdem ich mich mit ein paar schwedischen Freunden getroffen habe. Torsten ist die ganze Woche mit dem Festival beschäftigt und holt mich ab.

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19. September 2009

Brasov, frueher Kronstadt, 350 000 Einwohner, ist eine wunderschoene Stadt mit freiem Marktplatz, Restaurants, Kneipen, interessantem Kleidungs-Stil, Maentel, Leinenkleider, Schuhe und Stiefel, die ich noch nie gesehen habe. Unser Hotel liegt mitten in der Innenstadt, im Aro Palace einige Meter entfernt ist die Konferenz. Das Toilettenpapier ist pink, das Licht laut, der Fahrstuhl gefaehrlich, aber insgesamt (fuer 4 Sterne), mit einem alten Bluethner in der Eingangshalle, edel, gemuetlich, erinnert mich an ein altes Koenigsschloss; das Aro Palace ist voller Glas, modern und sehr edel. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, ueber die braune, aermliche Skyline, bin ich traurig, weil ich spuere: wenn Geld da waere und weniger Korruption, wie wunderschoen, noch schoener, koennte Brasov sein! Ich realisierte auch, dass ich mich in Transilvanien befinde — an den Dracula-Tassen. Es ist inspirierend, mit Musikern aus 10 verschiedenen Laendern zusammen zu kommen: Ungarn, Deutschland, Rumaenien, USA, Schweiz, Finnland, Litauen, England, Polen und Italien .. alles Laender, in denen ich bereits war. Es ist neu und nicht leicht fuer mich, einfach zu relaxen und nicht zu spielen oder zu ueben: einfach so akzeptiert und geliebt zu werden. Ich liebe Osteuropa; die Atmosphaere ist nicht so hart, nicht so perfektionistisch. Ich atme auf. Cristin wuerde nicht zustimmen, aber sie war auch noch nicht in Deutschland. Morgens wache ich auf von Adrian (Bariton), der im Nachbarzimmer singt. Bevor ich einschlafe, lese ich in der Bibel und in meinen Schachbuechern. Es ist perfekt fuer mich zum Einschlafen. Ich liebe Schach, habe nun das Königsdiplom geschafft. Ich sehe, Schach ist eine Männerwelt. Mal sehen, wie das so wird. Das werden in Düsseldorf und Bonn alles ziemliche Brecher: Bach Goldberg 50 Minuten, dann Franck Prelude, Choral und Fuge, auch 30 Minuten, dann Ravel Bolero, Gershwin Rhapsody in Blue. Ein zehnjähriger Schüler sagte neulich zu meinem Vergnügen, Schach sei wie Klavierspielen: dort tüftele man mit den Figuren, und hier tüftele man mit Noten und Tasten.
Ein Musiker sagte mir hier, er sei wegen mir hier, von Gott gesendet, um fuer mich zu beten. Als er fuer mich betete, hatte ich hinter meinen Augenlidern das Bild, er staende in einer grossen Halle. Die Halle war dunkel, leer und blutig. Gold war an den Waenden und in den Ecken und an der Decke. Irgendwo schlug mein Herz. Er und andere liefen durch die Halle, langsam und vorsichtig. Er betete rumaenisch, eine schoene Sprache. Wenn ich eine fremde Sprache hoere und sie wie Musik in meinen Ohren huepft, begreife ich nicht, dass ich die Sprache nicht verstehe — obwohl ich sie doch verstehe. Aber ich kann die Worte nicht greifen, nur den sound, der immer bekannter wird wie Musik. Aber ich verstand, obwohl ich vor Muedigkeit bereits halb besinnungslos war, dass er das Vaterunser betete, und ich merkte, dass er ab und zu in Sprachen wechselte. Er kam meinem klopfenden Herzen in der Halle naeher, ich konnte es beobachten. Am Schluss stand er auf einem Berg, der allmaehlich hell und weich und kleiner wurde, und irgendwo mittendrin war das winzige leuchtende rote Herz. Die Golddecke klappte auf wie geschmolzenes Wachs. Zwei Tage später erzählte mir jemand anderes, sie hätte das gleiche Bild gehabt, und, dass Gott mit seinen Händen hineinreichte durch das offene Dach.
Naechste Woche habe ich viele Konzerte, fast jeden Tag eins. Bucharest werde ich vielleicht ein wenig am Montag sehen, die 2-Millionen-Stadt. Und vielleicht das Dracula Schloss in Bran? Aber am Sonntag auf jeden Fall erst mal Hermannstadt: Sibiu.

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Heute waren wir in der Black Church, der Schwarzen Kirche oder dem evangelischen Dom in Kronstadt, genannt so, da ihr helles Gestein durch Feuer, Krieg schwarz geworden war. Die Orgel dort wurde uns von dem Organisten, der ebenfalls in Wuerzburg studiert hat, Steffen, vorgestellt; sie hatte einen so wunderschoenen Klang, dass uns heiss und kalt wurde. Eine Orgel wie diese mit 4000 Pfeifen singt und stoehnt und seufzt, Koenigstrompeten und Orchester erklingen, waehrend federleichte trainierte Haende voller Herz sie spielen, und all die Vorurteile, die Menschen gegenueber Orgel haben, schwimmen dahin. Diese Orgel ist ein Instrument hoechster Kunst und Geschichte. Alle hielten den Atem an. Wir durften in der sonst ringsum verschlossenen Kirche herumwandern und den Klang auf den Balkonen geniessen, bis die Alarmanlage anging. Steffen und sein Vater spielen in dieser Kirche, sie sind Siebenbuergen-Sachsen oder Siebenbuergen-Deutsche, oder Rumaenien-Deutsche, ich weiss nicht, wie ich sagen soll. Mir ist das fremd. Sie sind Deutsche und doch keine. Sie halten nur deutsche Gottesdienste in dieser Kirche, und es gibt ungefaehr 1000 Deutsche in Kronstadt, frueher 10 000. Man spuert diesen Menschen etwas an, das mich anzieht, sie sind Deutsche und doch weicher, kuenstlerisch, bescheiden, finde ich, fuer mich eine schoene Mischung. Eine Kirche, durch Krieg und Feuer gelaeutert, dunkel, arm, beruehrt mich ebenfalls, denn sie war voll: voll Lob. Deutsche haben um 1235 herum die Altstadt Kronstadts gebaut, damals Corona genannt, dann Kronstadt, es gab bis zum 1. Weltkrieg einen deutschen Bürgermeister, erzählte er mir. Die Stadt ist sowohl deutsch, rumänisch als auch ungarisch. Es hat sich so ergeben, dass ich dieses Jahr zufällig einige ehemals deutsche Städte konzertmässig besucht habe, die sich ausgestreckt hatten in Litauen, Polen, Rumänien, bis nach Russland. Ich freue mich, Goldberg in Kronstadt spielen zu können.
Nach Brasov (oder Brasso, ungarischer Name) verbrachte ich eine kleine Zeit in Bucuresti, also Bucharest — diese Stadt ist anders als Riga zum Beispiel, sie ist mit 2,5 Millionen Einwohnern eine laute, hektische wilde Großstadt, in der man sich leicht verläuft, die zwar nicht gefährlich ist, aber recht chaotisch wirkt. Sie hat sehr schöne Ecken, vor allem abends, wenn alles angestrahlt wird, die vielen Musikhäuser, Konzerthallen, Museen, das Opernhaus, die Universitäten, der Palast House of People, der aussieht wie eine eigene Stadt in der Stadt — in manchen Alleen kam ich mir vor wie in London oder Paris oder auf Highways in den USA mit riesigen Malls an den Straßen.
Ich kann nicht nachempfinden, wie es zum Beispiel gewesen sein muss, in Kommunismus zu leben. Ich höre darüber, wir reden darüber, ich stelle viele Fragen, und doch kann ich es mir nicht recht vorstellen. Es kommt mir vor, als sei Kommunismus das Gegenteil von Kunst. Kunst hat sehr viel mit Strategie und Intuition zu tun, ich finde sogar, Strategie gebiert Intuition. Kommunismus dagegen scheint mir Chaos, Willkür, Unbelehrbarkeit, destruktive, depressive Kraft zu sein.
Mir fiel auf, wie sehr Ungarn, Rumänien und Deutschland Brüder oder Schwestern sind. Die rumänische Musikerfamilie mit drei sehr begabten Kindern, die mich aufgenommen hat, um mir die Stadt zu zeigen, hat mich berührt. Der Vater ist Missionar, der ebenfalls viel reist, und Musik und Kunst sind untergeordnet unter Beziehung. Ich finde, Musik und Kunst kommen erst zum Tragen in ihrer vollkommenen Schönheit in dieser Unterordnung unter Beziehung. Für mich ist das neu, es verunsichert mich, berührt mich. Gaben (und seien sie auch noch so schön) ruhen auf diesen Schwingen von Friede und Freude in Beziehungen. Es kam mir vor, als wir in ihrem Auto saßen, als flöge ich dahin durch das Land auf Flügeln von Sicherheit und Friede. Sie haben mich aufgenommen, als wäre ich Teil ihrer Familie, als würden sie für mein Leben genauso einstehen und es beschützen wie jedes andere in dieser Familie. Sie haben dafür gesorgt, dass ich absolut beschützt und wohlbehalten war. Besonders an dem Verhalten der Kinder habe ich gesehen, was es bedeutet, die Gaben nicht an erster Stelle gestellt zu haben.
Als ich im Flugzeug saß, habe ich bewusst nachgefühlt, was es für mich bedeutet, in der Luft mein Leben loszulassen und Gott zu geben. Es war einer der schönsten Flüge meines Lebens. Die kleine Lufthansa-Maschine war warm in der Sonne gebadet unterhalb der Wolken, nachdem sie steil angezogen und scharfe Kurven gedreht hat, kam etwas rau in Wolken, und schließlich flogen wir dahin über den Wolken in der Sonne. Ich hatte keine Angst und genoss, keine Kontrolle zu haben. Irgendwann schlief ich am Fenster ein, umgeben von Bechern mit Wein und Kaffee und von Bergen von zerknülltem, gelesenen Zeitungspapier. Kaum war ich zuhause, hatte ich ein Konzert und musste schnell alle Dinge zusammenpacken, Noten, Gedichte, Stage Piano, mich umziehen, ich trug mein neues Kleid aus Brasov und Pumps aus Bad Homburg. Der Abend verlief schön, es war eine ganz andere Art von Auftritt als ich es sonst kenne, vielleicht ähnlich wie auf dem Slot-Festival in Polen, aber genau das gefiel mir gut: Neues zu erleben. Der Abend ging bis 2 Uhr morgens.

18. September

Im Musikgymnasium in Nürnberg konnte ich viel über meine Gaben kompensieren. Das wegzulassen, kommt mir vor, als müsste ich über die Nordwand den Berg des Lebens besteigen. Ich sehe die anderen lachend an der Südwand. Aber die Nordwand hat auch Vorteile: ich spüre eine intensive Tiefe in der Beziehung zu Gott und auch zu den Menschen, die dort aus freien Stücken unterwegs sind. Nun, ich habe mich mit einem Mentor und künstlerischen Leiter aus der BGG Stuttgart getroffen, er sagte, man müsse auf die Nordseite hinüber, wenn man es wirklich ernst meint mit seinem Leben.

16. September 2009

Es ist schön, eine Brücke zwischen eigenen Songs und klassischer Musik zu sein, herzustellen und dabei Texte und Lyrik zu lesen und zu singen, die aus meinem Herzen kommen. Wenn ich Musik spiele und singe, komme ich mir selbst ein großes Stück näher, was ich sonst durch keine andere Art schaffe. Wenn man mir also die Musik oder die Kunst wegnimmt, verbaut man mir einen ziemlich wichtigen Weg und Durchgang zu mir. Denn wenn ich Musik mache und dabei lerne, mich selbst zu spüren, habe ich selbst sehr viel davon, und je mehr das so ist, desto mehr haben auch die anderen etwas davon. Es ist nicht nur professionelle Leistung oder ein Job. Es ist eine Berufung.
Erstaunlich fand ich den Wirt im Cafe Standart. Er spielte mit seiner Mundharmonika ein Lied, und es war so voller Tiefe, dass ich ihm anschliessend sagte, er sei sehr prophetisch in seinen Liedern. Es freute ihn sehr. Nun bin ich wieder unterwegs zu Konzerten in Stuttgart, Frankfurt, Saarbrücken.
Kinder, die in der Hochbegabtenförderung ihrer Schule oder ihrer Stadt stehen oder Klassen übersprungen haben, sind im Klavierunterricht wach und interessiert. Das bedeutet nicht, dass diese automatisch Künstler oder Musiker sind, aber künstlerisch sind sie schon meistens, oder haben das Potential und das Interesse an künstlerischem Schaffen. Es ist oft sehr schön, mit diesen Kindern zu arbeiten, da sie generell interessiert, vielseitig, ernsthaft sind. Es ist nicht allzu anstrengend, sie mit Musik zu anzurühren, aufzubrechen, zu trösten, sie zu verzaubern, sie zu begleiten. Sie lassen sich auch trösten durch Musik. Diese Kinder sind nicht aus intakten Familien, aber haben immer jemanden, der sich besonders um sie gekümmert hat. Sie sind aufmerksam, suchend, wach.

17. September 2009

Ich bin nun in Brasov (Braschov ausgesprochen). Mit Lufthansa zu fliegen finde ich am schnellsten und sichersten. Ich fliege gerne nach Osteuropa, und nach Bucharest (Bukarescht ausgesprochen) sind es mindestens 2 Stunden, dazu kommt eine Stunde Zeitverschiebung. Zum ersten Mal bin ich ohne Ticket zum Frankfurter Flughafen gefahren, da ich mir nicht sicher war, ob ich wirklich zu dieser Musikerkonferenz fliegen sollte, ob es mir nicht vielleicht zuviel wird — aber ich bekam spontan den letzten Platz einer Lufthansa Maschine, und dies noch sehr guenstig. Erst im Flugzeug fiel mir ein, dass ich auf jeden Fall zu spaet sein wuerde, um abgeholt zu werden nach Brasov. Wir wuerden gegen 18 Uhr landen, und um 15:30 war der Minibus der Teilnehmer bestellt. Eine junge Frau neben mir am Fenster sprach mich an. Sie hatte gerade 6 Monate in Los Angeles gearbeitet. Sie wohnt in Brasov und wurde von ihren Eltern abgeholt. Ich konnte es nicht fassen; ich sagte, ich muesse nach Brasov, ob es denn weit waere, ob man mit Taxi hinkaeme. Ich dachte, vielleicht ist Brasov ein Vorort von Bucharest. Sie sagte, es sei weit nach Brasov, drei Stunden mit dem Auto, sie wuerden mich mitnehmen. Ich habe oft das Gefuehl, sobald ich reise, absolut beschuetzt zu sein. Wo ich einen Fuss setze, bin ich behuetet. Ich hatte kaum Gepaeck, und dies wurde mir zum Glueck, da Cristin 4 riesige Koffer aus den USA vom Band zog, schleppte und wir alle samt ihren Eltern irgendwie ins Auto passen mussten in Bucharest. Lufthansa nach Osteuropa war doppelt und dreifach gesichert. Cristin, ihre Eltern und ich fuhren also abends mit dem Auto durch das Land, und ich sah Rumaenien in seiner Schoenheit, Weite und Einfachheit. Wir fuhren durch viele Doerfer, zum Beispiel Sinaia, Predeal, Azuga. Dann machten wir sogar ein Picknick direkt an der Autobahn auf dem Standstreifen (das sei normal, erklaerten sie mir), und sie hatten Gemuesecreme, Tomaten, Haehnchen, Fleischbaellchen mit Senf, Fladenbrot, rumaenisches Bier in Dosen — es war schoen und warm.

16. September 2009

Da liegen die nächsten neue Plakate auf meinem Flügel. Jetzt bin ich erst mal unterwegs nach Bukarest. Gegen meinen Schach-"Trainer“ habe ich keine Chance, dazu stelle ich noch zu viele Figuren ein, aber wenn er mich „gegen andere“ spielen lässt, wenn er dabei ist, dann freut er sich sehr, wenn ich gewinne. Das ist ein schönes Gefühl. Er trainiert mich momentan im Mittelfeld und Endspiel, dazu komponiert er Stellungen der Figuren, konkret, überlegt matt zu setzen und wie lange man den König halten kann. Fußball und Schach haben so viele Gemeinsamkeiten. Für alles drei, Schach, Fußball und Klavier, braucht man, zumindest ein wenig, eine Kämpfernatur. Es war schön, die Gegend um Frankfurt anzusehen, Bad Soden, Bad Homburg, Königstein.

14. September 2009

Das Konzert in Frankfurt war sehr gut besucht, der Flügel in seiner hellen Akustik fast zu scharf gestimmt, ich war die Viertelstunde vor dem Konzert ruhig und abwartend. Noch immer ringe ich mit Klang, und wenn ich das linke Pedal trete, rutsche ich im Gleichgewicht, vor allem, wenn ich hohe Schuhe trage, dann fängt mein Bein an zu zittern, da ich ja auch rechtes Pedal trete. Es ist für mich immer noch neu und anstrengend, meinen Körper während des Konzertes selbst wahrzunehmen. Bisher war ich nur Seele und verschmolzen mit Klang. Aber um meine Finger optimal kontrollieren zu können, muss ich sie besser wahrnehmen, auch wenn es mich zunächst rauswirft. Es ist erstaunlich, wie sehr man mit Musik Menschenherzen erreichen kann. Aber auch diese Facette der Liebe hat ihre Grenzen. Es gibt Dinge, die man außerhalb der Kunst suchen muss. Ich hätte nie gedacht, dass Liebe eine solche Macht und so viele Gesichter hat.

9. September 2009

Am Sonntag ist das Emporen-Konzert in Würzburg, ich freue mich, 45 Minuten lang Bach zu spielen: eine Welt für sich, eine Welt voller Ruhe und Meditation und tiefen Gedanken, die neu auftanken lassen, entspannen und entführen in ein Gebiet des Übernatürlichen. Die ersten Minuten eines Konzertabends sind sowohl für mich als Pianistin als auch für das Publikum keine einfachen Minuten, hineinzukommen: das Jetzt und Diesseitige zu verlassen, ungefähr so, als würde man das Bewusste abstreifen, ins Unbewusste gehen. Wie die Minuten vor dem Einschlafen, das Loslassen, so empfinde ich das. In dieses Loslassen soll und möchte ich das Publikum führen. Bach oder Beethoven sind oft rocky starts, doch bei Bachs Goldberg Variationen wird man durch die wunderschöne Aria und die Energie der ersten Variationen sofort abgeholt, eingetaucht in tiefere Ebenen.
Bei klassischer Musik braucht man viel Loslassen, Freiwerden. Wenn das Publikum locker ist, bin auch ich locker — und umgekehrt. Ich bevorzuge, wenn die Menschen vorher ein Gläschen Sekt getrunken haben, nicht erst in der Pause, sondern gleich zu Beginn — der Unterschied des Loslassenkönnens ist groß. Aber eigentlich sollte das nicht notwendig sein. Das Abholen des Publikums ist jedenfalls entscheidend. Es ist für mich als Pianistin anstrengend und neu, die Menschen durch Worte, Einleitungen oder gar durch andere Dinge abzuholen, da ein Konzert für den Musiker eine äußerst anstrengende Angelegenheit ist, kognitiv, mental durch das Auswendig-Spielen, aber auch körperlich, emotional, motorisch, geistig, geistlich. Eigentlich laufe ich erst nach 20 Minuten warm. Das ist spät. Jemand sagte mir, das Publikum sei die „große Mutter Publikum", die mich mit hungrigen, erwartungsvollen Augen betrachtet, von der ich nichts erwarten kann. Das stimmt, ich spüre das auch. Es ist für mich neu, mich jedoch selbst während des Konzertes zu spüren und schon allein dadurch viel zu bekommen: Freude, Lust, Energie. Ich höre dann von anderen, dass ich charismatisch spiele, mit meinem ganzen Sein und Körper, ganzheitlich mit einem Seltenheitswert — es kommt mir vor, als würde meine Seele über meinen Wasserwogen schweben, über meine Seele. Aber nicht nur über meine Seele allein, sondern auch über die Seelen des Publikums.

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7. September 2009

Meine Hände gehören im Moment des Konzertes nicht mehr mir. Ich habe mich dennoch bewusst bemüht, meine Hände als Teil von mir anzusehen. Es kam mir vor, als würden sie ab Berührung der Tasten in eine andere Welt getaucht werden, als wäre meine Gabe nicht mehr meine, ich selbst wundere mich, andere auch. Sie betrachten anschliessend meine Hände und sehen nichts, was ihnen eine Erklärung bieten könnte, im Gegenteil. Meine Hände sind klein und weich, sie sind nicht mal stark, sie wirken nicht trainiert. Meine Hände gehören nicht mir. Was ich einsetze, sind meine Arme und mein Rücken, aber wenn ich lange genug spiele, passiert es, dass irgendwann mein gesamter Körper und auch meine Seele in die Musik getaucht sind. Wenn die Musik eine Welt der verschwommenen heißen Farben ist, dann verschwinde und zerschmelze ich darin, und eine Frau in Flammen spielt am Flügel. Die anderen kriegen höchstens mit, dass irgendetwas Übernatürliches passiert. Aber es ist notwendig für mich, meine Hände als Teil von mir anzusehen, auch wenn ich dann über mein persönliches Bewusstsein stolpere und mich verspiele. Mit dem Applaus komme ich nicht gut zurecht, noch immer legt sich über mich eine Welle der Scheue und der Schüchternheit. Ich komme mir vor wie im Theater oder als wäre jemand eingebrochen in meinen intimen Raum. Neu ist, dass ich beim Auswendig-Spielen in der Gegend herumschaue, auch Leuten ins Gesicht, und nicht mehr nur mit geschlossenen Augen spiele.

5. September 2009

Kunst ist nur eine Facette von Liebe, eine wichtige zwar, aber nur eine. Tiefer als all das ist doch das Sein, und dazu gehören vor allem Beziehungen. Es ist sowieso immer eine neue Definitionsfrage, was Kunst, Literatur und Musik eigentlich genau sind. Dazu gehört die Aussage von Goethe, erst in der Beschränkung zeige sich der Meister. Das stimmt. Oder das es eben zwei Dinge (zwei Gaben) sind:der Verstand und sich seiner bedienen zu können. Meine Aussage ist, dass Intuition weniger mit Impulsivität zu tun hat als mit Strategie. Der wichtigste Teil beim Schach ist doch das Ende, dort kann man am meisten lernen. Die Eröffnungen und das Mittelspiel sind gut, aber eine Partie zu ende zu führen, ist noch mal eine ganz andere Sache. Dazu gehört auch, dass man überhaupt verlieren kann. Die nächsten 2 Wochen werde ich die Andachten ganz allein leiten, das hat sich so ergeben, morgen ist mein Konzert hier. Die Andachten werden auch in der ganzen Umgebung hier gesendet.

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1. September 2009

Es wird ein schöner Herbst, eine warme, dunkle, zarte Sonne bringt viel Ruhe. Meine Konzertplakate hängen hier überall. Sonntag ist das Konzert. Heute morgen wurde eins meiner Lieder gesungen und geübt. Am Montag begleite ich eine Sängerin. Ich merke, dass ich mich neu mit Musik anfreunden muss. Meine negativen Assoziationen mit Leistung, Druck, Einsamkeit und Üben haben mich nicht erkennen lassen, was Musik eigentlich ist. Meine Liebe und Zärtlichkeit allerdings steckten nur in einer unsichtbaren Welt, verschluckt in Leere, und nur in einem Körperteil: in den Händen. Manchmal hatte ich das Gefühl, meine Seele läuft auf meinen Beinen. Jemand sagte mir, ich sei ein empfindlicher Denker. Es ist schön, wenn Menschen meine Lieder summen, ohne dass sie wissen, dass sie von mir sind und ohne zu merken, dass sie sie summen. Ich spüre, dass mir Menschen, die verletzt sind, sogar sehr verletzt sind, auf dem Herzen liegen. Gesunde junge Menschen sind oft grauenvoll unbarmherzig und ahnungslos. Verletzte Menschen sind meistens oder oft sensibel, übernatürlich, künstlerisch und klug, jedenfalls erlebe ich das so. Gesunde Menschen sind das oft nicht. Insgesamt merke ich, dass Annahme wichtiger ist als Anerkennung, wobei das erste verletzlich macht und mit Beziehung zu tun hat, das zweite nicht unbedingt.

30. August 2009

Es war schön, in Darmstadt zu spielen. Es war ein kleiner, aber guter Yamaha Flügel in schöner Akustik. Die indonesischen Lieder, die zu Beginn gesungen wurden, fand ich berührend. Heiliger Geist heißt Roh Kudus. Es ist erstaunlich, was eine Sprache über sein Land aussagt. Ich habe eventuell ein Angebot, in Jakarta zu spielen, der Hauptstadt Indonesiens. Dabei kann ich sicher einen Abstecher oder Urlaub in Bali machen. Aber zuerst werde ich in Ägypten sein auf der Kreuzfahrt, dann auf den Philippinen.
Allah Roh Kudus
Bagi Mu Tuhan, Penuhi kami dengan RohMu, kurindu kan selalu dalam hidup ku.
Ich mag die asiatischen, indonesischen, thailändischen, feinen Menschen, sie haben so etwas Zartes und Feinfühliges, ich fühle mich wohl und bekomme bei ihrer Feinheit Gänsehaut, wohlfühlend, obwohl ich vom Aussehen völlig heraussteche. In den USA habe ich sehr viel mit Asiaten zu tun gehabt. Aber es ist sicher anders, sie in ihrer ursprünglichen Heimat zu erleben. Viele von ihnen sind auch hin- und hergerissen zwischen Welten, sogar zwischen Kontinenten. Ich traf auch einige kleine Kinder und Erwachsene, die Halbe sind wie ich, halb afrikanisch oder halb indonesisch; vielleicht fühlen sich Halbe instinktiv zueinander hingezogen. Mit einem Amerikaner habe ich anschließend Schach gespielt. Er hat an der Arizona State University gearbeitet, dort, wo ich 2 Jahre studiert habe. Er kommt sogar aus Arizona, aus der Wüste, hat auch an der Arizona State studiert, arbeitet nun in Deutschland. Ich habe das erste Mal auf Englisch Schach gespielt. Er hat mich während des Spiels über alles mögliche ausgefragt, über mein Leben, und Schach lief bei ihm nebenbei, nur als Mittel zum Zweck, während ich mein 31. Schachspiel gewinnen wollte. Er verlor im Gespräch viele wichtige Figuren, zumindest im Tausch, aber er schien völlig nebenbei zu spielen. Ich habe niemanden so schnell spielen sehen. Plötzlich aber war seine Dame ungeschützt in dem empfindlichsten und gefährlichsten Teil meines Spielfeldes direkt an meinem König, es war Abzugs-Schach in Greifweite, und ich bekam seine lästige Dame nicht weg, während er sich einfach weiter mit mir unterhielt und völlig nebensächlich gewann. Ich dachte mir, es ist unfassbar, wie manche Menschen Schach spielen. Irgendetwas mache ich verkehrt. Es läuft alles sehr gut, bis ich plötzlich eingekeilt bin. Ich spiele noch zu defensiv, ich vergesse symbolischerweise oft, dass es um den König geht.

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23. August 2009

Schach ist ein sehr ästhetisches und künstlerisches Spiel. Zu kombinieren ist für mich Sprache. Auch beim Schach heißt es Notation, durch sie kann eine Partie nachgespielt werden. Ob nun schnell oder langsam gespielt wird, beim Schach geht es immer um Zeit, um Timing. Blitz-Schach und sogar Mühle sind nicht leicht, wenn man mit sehr guten und erfahrenen Leuten spielt, die schon beim zweiten und dritten Zug mit Läufer und Dame in meinem Feld stehen. Kurze und grausame Spiele sind anders schwer als Spiele, die sich eineinhalb Stunden hinziehen. Remis zu enden ist momentan für mich ein Erfolg. Die Bedeutungen der Türme, der Rochade und des Zuges en passant sind mir erst beim 20. Spiel aufgegangen. Es fällt mir schwer, schweigend Schach zu spielen. Heute habe ich gehört, dass mein Lachen ansteckend sei. Man muss sofort lächeln. Außerdem, dass ich Kunst studieren sollte. Ich kann doch nicht alles studieren! Aber es ist richtig, ich hätte gern eine Energiewerkstatt, ich laufe dort mit grüner Schürze und Kohle im Gesicht herum. Kaum habe ich 40 Prozent Energie auf Leinwand gebracht, wächst sie schon wieder nach. Ich bin erleichtert, wenn ich energieleichter werde. Mit Kohle zu zeichnen ist eine schnelle, zarte und kraftvolle Angelegenheit. Ich mache die Augen zu, zeichne ganz leicht mit der Kohle auf Papier oder sogar rauer Leinwand, schaue wieder hin, sehe etwas, und das, was ich sehe, male ich. Es kommen erstaunliche Dinge dabei heraus, obwohl ich eigentlich nicht wirklich zeichnen kann. Ich zeichne mit den Augen und der Imagination. Ich freue mich, am Sonntag in der indonesischen Kirche in Darmstadt zu spielen.

22. August 2009

Das Konzert im Residenzschloss in Oettingen (Bayern) war sehr schön, das Schloß ist romantisch und der Saal atemberaubend. Ich spielte das erste Mal seit meiner Kindheit die Waldstein-Sonate, ich hatte viel Ruhe auf der Bühne und genoß die Akustik, über mir die Renaissance Engel und die Bilder der Götter der Jahreszeiten, und als ich das Thema der Goldberg Variationen als Zugabe spielte, was mehr Konzentration fordert am Ende eines Klavierabends als ein virtuoses Stück, hatte ich das Gefühl, als würde Gott mit mir vierhändig spielen, das habe ich noch nie erlebt. Es war so weich, so zart, als wäre ich mit ihm alleine dort, wie in einer Seifenblase, er spielte unten, ich spielte oben. Ich merke, dass die Symbolik eine Rolle spielt: ob nun Götter der Nacht oder Soli Deo Gloria. Es erstaunt mich, wie unfassbar geduldig Gott ist. Er lässt sich nicht reizen, und auch Erniedrigung gibt es für ihn nicht, denn seine Geduld und seine Sanftmut bringen stets sein Wesen ans Licht. Manchmal ist alles nur eine Frage der Sichtweise.

21. August 2009

Wenn man zu mehreren nordic walkt, kommt es mir vor, als würde der Lärm der Stöcke eine Rinderherde antreiben. Der Wald hier hier ist herrlich, alles hängt voll Brombeeren und Himbeeren und Rehkitze springen furchtlos um einen herum. Die Probe lief sehr gut, Torsten und ich übten in der Gnadenkirche. Die Mischung aus Improvisation und Komposition ist einmalig, auch gerade vierhändig, wobei ich mit das Vierhändige an der Orgel kaum vorstellen kann. Er schreibt seine Rhythmen unten und ich improvisiere oben. Es kommen mir dabei so viele Ideen, dass ich anschließend erschöpft bin. Die Psalmen zu vertonen ist immer wieder eine so schöne Sache und passt genau in unsere Zeit. Mein siebzehntes Schachspiel habe ich leider verloren. Torsten und ich spielten im Speisewagen des ICE nach Frankfurt. Ich muss sagen, dass ich im Blitzschach besser spiele, das heisst, je schneller, spontaner und mutiger, desto besser für mich. Je länger und strategischer, desto schwieriger (für mich). Speisewagen in ICEs sind für mich ein sehr gemütlicher Ort, vor allem, wenn man darin einen Eintopf ißt, wie früher, als ich klein war und mit meinem Vater auf Konzertreise unterwegs. Auch der Meisterkurs Bach in Saarbrücken war sehr interessant, auch wenn ich nur einen Tag da sein konnte. Es ist schön, mit anderen aus Frankreich, Asien und Deutschland zusammen über Bach zu meditieren und sich vorzuspielen und zu lernen. Mittlerweile vergleiche ich fast alles im Leben mit Schach, selbst das Klavierspielen. Ich frage mich jedoch, wie ich das Intuitive verbinden kann mit kühler Logik, Konzentration, Erfahrung, Wissen, Brillanz und Mathematik — es muss sich verbinden lassen; ich bin mir sicher, diese Dinge schließen sich nicht aus. Ohne Intuition fehlt etwas Entscheidendes. So möchte ich nichts auslassen, nicht Mathematik durch Sprache ersetzen. Wenn man Künste miteinander verbindet, heißt es nicht, dass man sich verzettelt. Es bedeutet nur, dass man zurückkommt zu dem, wie große Künstler früher gearbeitet und gedacht haben: Michelangelo, Schumann ... Intuition ist daher bei mir ausschließlich positiv besetzt, da Intuition Reife, Wissen, Erfahrung und Mut voraussetzt. Ich meine nicht kindliche, naive Impulsivität. Intuition ist die Bereitschaft, neue und risikoreiche Gedanken und Wege zuzulassen, persönliche Verluste, Widerstände und Schmerzen zu ertragen, selbst wenn sie der bisherigen Erfahrungen und der Statistik widersprechen. Manchmal gibt die Intuition die einzig richtige Lösung für den entscheidenden Moment. Sie ist eine prophetische Vorahnung, deren Äste und Krone nach oben wachsen, sich ausbreiten: dorthin, wo die Sonne ist. Sie ist teuer und wertvoll. Sie ist die Königslinie (wie beim Schach), das Ziel zu „schlagen“ in dem Sinne, es zu erreichen und nicht zu verfehlen. Man kann ein Ziel verfehlen, auch wenn Taten fromm, korrekt und richtig von außen aussehen. Es geht dabei auch um den entscheidend richtigen Zeitpunkt. Dazu muss man auf der einen Seite schnell und mutig sein können und auf der anderen Seite geduldig bereit, lange zu leiden. Ich glaube, es gibt auch eine Art künstlerische Intuition, die ein neues, logisches Sehen in Timing verschafft.

20. August 2009

Die Kombination von Psychologie, Musik und Kunst gefällt mir. Komplexe Zusammenhänge in eine Symbolik zu holen, ist nicht leicht, da auch die herrlichste Symbolik doch auch eine realistische und etwas banalisierte Fassung eines inneren Empfindens ist. Symbolik ist Logik. Da ich auf einer Trommel Gedichte schrieb, machte ich beim Schreiben ungewollt Musik und Rhythmus, und da ich vorher gemalt hatte, waren meine Arme und Finger voller Farbe. Der Klavierstimmer hat auf meinen kleinen Wink hin „meinen“ Kawai im Kirchsaal gestimmt, nicht nur den Flügel, dafür bin ich sehr dankbar. Heute ist der heißeste Tag des Jahres; ich werde gleich zum Zug gebracht, bin aber morgen abend wieder zurück. Ich weiß: mein Leben ist manchmal von Ausnahmen durchdrungen.

19. August 2009

Morgen ist mein Konzert in der Nähe von Treuchtlingen, ein Schloßkonzert. 14 Schachspiele habe ich nun gespielt, allerdings ist es natürlich ein Unterschied oder noch ein Weg zwischen Schach oder Matt zu sagen. Der Steinway im Saal hier klingt (obwohl er bereits um die 40 Jahre alt ist) durch die enorme Akustik im weißen Gewölbe — und nach einiger Zeit Durstüben auf einem alten Kawai im Kirchsaal — wie prasselnde, glänzende Edelsteine von hohen Dächern herabgeschüttet, ich vergaß alles um mich herum. Die Tasten waren etwas holprig, aber er wickelte sich um mich frisch gestimmt und wollte mit seiner goldenen Klang-Zunge jede Ritze des Hauses ausfüllen. Es gibt etwas Schöneres als normale Konzerte: wenn Menschen, die sonst nie in ein Konzert gehen würden, einfach so kommen und sich stundenlang mein Üben anhören und lächeln dabei. Es sind Menschen darunter, die noch nie mehr als Für Elise gekannt haben und 50 Minuten Goldberg Variationen von Bach anhören, ohne es zu merken. In dem Film Klang des Herzens heißt es, dass Musik überall um einen herum ist. Das ist wahr. Wenn ich 2 oder 4 Stunden am Tag übe und den Rest des Tages spüre, wer ich bin, dann spiele ich viel besser, als wenn ich 5 oder 7 Stunden übe und nicht spüre, wer ich bin. Es passieren so wunderschöne Dinge, wenn man experimentiert: auch im Malen, zum Beispiel Acrylfarbe mit Salz, Sand und Seidenfarbe auf Leinwand zu mischen. Ich genieße eine Fülle von Pinseln. Manchmal kippe ich pure Farbe auf die Leiwand. Am Freitag habe ich wieder eine Probe mit Orgel und Klavier für ein Konzert in Düsseldorf. Es macht großen Spaß, gemeinsam zu improvisieren. Es ist wie, Leinwand mit Farbe zu tränken, Salz und Kaffee darauf zu streuen und mit einem dicken Pinsel dazwischen zu tanzen.

14. August 2009

Mir sagen manchmal Menschen: wenn man so Klavierspielen kann, was nur wenige so auf diese Weise können auf der Welt, dann ist man unabhängig von Menschen. Das stimmt leider nicht. Musik vergeht, aber ich bin noch da. Es ist zwar Musik in mir, Rhythmus in mir, aber das Sein ist länger und eher da als Musik und deutlich wichtiger. Gerade begabte Menschen sehnen sich nach Anerkennung, wenn sie hart dafür gearbeitet haben, da vielleicht zu hart. In einer Gruppe nehme ich Rhythmus und Musik ganz anders wahr als alleine. Es tut mir gut, Musik einfach zu hören, nicht zu spielen. Am Klavier sitzen hat oft so wenig mit Bewegung zu tun, sondern mit Konzentration. Konzentration und freie Bewegung scheinen sich manchmal auszuschließen, obwohl Konzentration auch Entspannung sein kann, und die wiederum hat mit Bewegung zu tun. Jedenfalls ist am Klavier freie, spontane Bewegung außerhalb der Konzentration oft schädlich für die genaue Technik — nicht aber für den Ausdruck. Es ist schade, dass Ausdruck und Technik, wenn man nicht vorsichtig ist und sich nicht viel bewegt, im Wald oder an der frischen Luft oder mit Menschen oder Tanzen, sich geradezu selbst vernichten können. Ich liebe Sommergewitter an Augustabenden. Wenn es draußen brodelt, blitzt und in langen silbernen Schleiern nach unten regnet, drückt das Wetter das aus, was ich manchmal empfinde — und das in einer Intensität, die ich liebe und die für mich reine Kunst ist: der Himmel wird lila, rot, schwarz, silber und duftender Wind mit kalten Nähten treibt die nasse Gewalt zum Tanzen an auf warmem Asphalt. Wenn ich dabei zusehe, werde ich ruhig.

10. August 2009

Schach macht ziemlich Spaß. Für jemanden wie mich, der emotional und intuitiv lebt, ist ein nach Regeln geordnetes Strategiespiel eine interessante neue Erfahrung. Man lernt dadurch mehr Geduld; ruhiges, räumliches und langsames Nachdenken, während in meiner Phantasie die Figuren zu leben anfangen. Ich sehe zwei Kampffelder vor mir und identifiziere mich mit der kämpferischen Dame.

a2eee5a9a494ccd591c86275dc426b3a-imgMeine Nichte Emilia

Zwei Acryl-Leinwandbilder in den Farben Lila, Grün, Silber: Ich liebe es, mit Farben umzugehen, sie zu mischen, mich auszudrücken. Insgesamt sagen mir viele, dass ich ein Bewegungsmensch bin, tänzerisch und läuferisch und rhythmisch. Ich habe mir für Sport nie Zeit genommen; früher in der Schule war ich eine sehr gute Läuferin und habe 8 Jahre Ballett getanzt. Seit dem Studium habe ich nicht mehr viel Sport gemacht. Es ist doch erstaunlich, dass durch Körper und Bewegung Seele und Rhyhtmus entstehen und spürbar sind, als ob auch Musik und Sport zusammengehören, dass meine Energie zärtlich und weich wird durch Bewegung, die nicht unbedingt gleich leistungsorientiert ist. Ich brauche Sport, um gut Musik zu machen. Auch Badminton gefällt mir. Mein Körper reagiert wie ausgehungert auf Bewegung. Selbst das langsame Nordic Walking macht vom puren Gefühl her Spaß im Wald, denn es ist Koordination und damit bereits wieder Rhythmus.

5. August 2009

Ich bin in der Nähe von Frankfurt und erhole mich im Thaunusgebiet. Ich wohne direkt über dem Flügel und übe aber auf einem kleinen Klavier versteckt im Kirchsaal. Viele Leute sitzen den ganzen Tag und hören mir zu. Sie sagen, sie fühlen sich gesegnet, mir zuzuhören. Ich muss durch meinen Berg von Noten durchkommen. Abends gehe im Wald joggen, es ist wunderschön. Es kommt mir vor, als wären die Noten in meinen Beinen und rennen mit mir im Gesang davon. Die Nordic Walker kommen mir kaum nach, sie sagen, ich mache Nordic Jogging, was ja auch passt. In Bad Homburg kaufte ich ein paar wunderschöne Schuhe.

31. Juli 2009

In einem Studio Lieder und keine Klassik aufzunehmen wie in einem Saal ist noch einmal eine ganz andere Sache, an die ich mich langsam gewöhne. Es ist viel enger, ich kann mich darauf verlassen, dass man an der Klavierspur Kleinigkeiten ausbessern könnte, ich nehme spontan Piano und Gesang gleichzeitig auf, ich muss mich entspannen, damit meine Stimme weich klingt, bzw. weich wird, denn dann entspannt mein Atem, es dauert eine Weile, bis ich nicht mehr abgelenkt bin.

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24. Juli 2009

Wie oft unterrichtete ich den ganzen Tag. Immer wieder bin ich begeistert, wie sehr Kinder unter 10 Jahren sich für spontane Musik und freie Improvisation begeistern. Sie lieben es, in der Gruppe zu spielen, vor allem, wenn es mehrere verschiedene Instrumente sind, Flöte, Geige, Klarinette, Klavier, Gitarre. Sie sind intensiv und ernsthaft bei der Sache und sehnen sich nach Melodien. Der einzige Unterschied zwischen begabten oder weniger begabten Kindern ist meistens, dass die einen wollen und nachdenken und mitmachen und die anderen nicht — die anderen haben oft weniger Lust. Dabei muss ich leider sagen, dass auch gerade an sich sehr begabte Kinder kein Interesse haben, sich anzustrengen. Ich denke, es liegt daran, dass es ihnen einfach zu gut geht. Ich unterrichte oft Kinder aus sehr reichen oder sehr intakten Elternhäusern. Das ergibt sich leider oft. Kinder oder Menschen, die nach Ausdruck ringen, sind oft Menschen, auf die das eine oder das andere nicht unbedingt zutrifft: intakt, wohlbehütet oder reich. Ich kann fast mit Sicherheit sagen, dass Kinder, die anfangen, von sich aus Melodien zu erfinden und sogar aufschreiben wollen, Sehnsucht haben nach mehr.

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23. Juli 2009

Die Aufnahme im Studio hat wieder viel Spaß gemacht. Ich merke, je öfter man in Studios aufnimmt, desto entspannter wird man. Eigentlich lernt man erst dann richtig gut, wenn man entspannt ist und es Spaß macht. Manche Menschen inspirieren mich sehr dazu, zu entspannen — solche Menschen sind für mich ein Wunder. Andere dagegen kitzeln meine Energie und wecken meinen Leistungsdrang und setzen mich, sicher ungewollt, unter Druck. Das ist sicher eine Zeitlang interessant, aber irgendwann erschöpfen und nerven und verletzen mich Druck und ungeklärte Wettbewerbe. Ich glaube, je besser ich entspannen kann, desto belastbarer werde ich. Und geduldig und demütig sein ist, für mich zumindest, eine Frage der Belastbarkeit. Das heißt, es kommt sehr darauf an, wie man seine Energie einsetzt. Da gibt es für mich ganz neue und fremde Bahnen zu entdecken. Für einen Film und Projekte für andere aufzunehmen ist ohnehin entspannender, als wenn ich meine eigene Musik aufnehme. Ich freue mich sehr auf Lund.

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21. Juli 2009
Die musikwissenschaftliche Bibliothek der Residenz in Würzburg zieht bald um, aber kommt mir so schön geheimnisumwittert vor, als könne ich den Geist, die Atmosphäre der Bücher spüren und wittern. Draußen lacht mich die Sonne und der blühende Rosengarten an, und die Touristen und Menschen gehen im Residenzpark spazieren, während wir innen vor Büchern sitzen — eine andere Welt. Innen sitzen wir an unseren Büchern, Noten und weißen Laptops. Der Sinn und die Aufgabe der Forschung für mich: den Schlüssel zum Bekenntnis, zur Wahrheit zu finden.

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14. Juli 2009

Am Samstag morgen musste ich für ein Konzert in Nürnberg auf der Burg Wernfels mit dem Zug früher die Heimreise aus Polen antreten; es war über Wolow, Breslau, Liegnitz, Chemnitz, Zwickau. Nachts wurde ich dann abgeholt und auf die Burg gebracht. Ich liess mich verwöhnen auf der Burg und übte im grossen Saal. Der war kalt, so hatte ich mich eingewickelt in die Flügeldecke, sie war um mich herum wie ein schwarzes dickes Lederkleid mit rotem Futter. Beim Sommerempfang des CVJM sprachen Jürgen Werth und der Landesbischof Bayern und Fürst zu Castell-Castell und andere, und ich spielte Chopin, Bach und Grusin.
In Polen war ich öfter: in Zakopane auf einem Klaviermeisterkurs bei Gulda und in Warschau, in Krakau, in Breslau — aber hier in Schlesien auf dem Slot Art Rock Festival hatte ich wirklich noch einmal neue Erfahrungen gemacht.
Genossen habe ich das Üben in einem abgeschirmten Raum mitten auf dem Gelände, in dem alle Instrumente und Boxen standen und streng und schwer bewacht wurden und ein Trubel und Kommen und Gehen war. Da ein Amplifier fehlte, war ich gewzungen, dort mit Kopfhörer zu üben. Es kamen einige Band vorbei, meistens Jungs, die mich fragten, was ich übe. Ich sagte: Bach. Sie sagten: Was, Bach? Und konnten es nicht fassen. Was für ein Kontrast! Am Wochenende ist mein Improvisations-Workshop, für den auch junge Leute aus dem Osten Deutschlands kommen. Ich bin gespannt. Es ist nicht immer leicht, Anfänger mit Fortgeschrittenen zu mischen, aber es geht, und diesmal sind es Erwachsene; die Woche drauf Kinder unter zehn, die in einer Gruppe improvisieren mit Geige, Flöte und Klavier.

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13. Juli 2009

Eigentlich ist das SAF (Slot Art Festival) im schlesischen Kloster Leubus ein Rockmusik-Festival. Umso erstaunlicher ist es, dass mein Konzert am Freitag so voll und super besucht war, dass die Leute nicht mehr ins Zelt passten und draußen und innen stehen mussten; Rock meets Art, und das, obwohl einige Parallelkonzerte liefen. Erst war ich recht nervös, wie ich so viele Menschen nur mit Stimme und Klavier unterhalten, leise und sanft zum Zuhören bringen sollte nachts um halb eins, während laute Rockmusik an der Tagesordnung war. Ich fragte im Büro nach in einem der Klosterräume, wann das Klavier gebracht werden würde, ohne es könnte ich keine Musik machen. Ich dachte mir: Was werden sie denken, wenn ich diese Massen nicht bändigen kann? Dies ist kein Konzertsaal. Zuerst war ich auch nervös, vor allem beim Soundcheck, aber der Soundman war sehr gut. Ich glaube, ich habe erst 2x oder 3x in meinem Leben in einem Zelt gespielt. Es waren natürlich viele fremde Deutsche da, die bei dem Satz, ich komme aus Deutschland, direkt jubelten. Ich erzählte, dass ich das Improvisieren von Gott und nicht während des Studiums gelernt hatte. Ich musste Zugaben spielen, und ich wählte Bach, und das war so berührend, als die zarte, leise, zärtliche Aria erklang und das ganze Zelt mitten in der Nacht voll bis draußen still und ruhig war, dass Bach seit Jahrhunderten Herzen berührt. Es kam mir vor, als sänge Bach ins All hinaus, in die Unendlichkeit. Radek kam danach zu mir, ich hätte ihn fast umarmt vor Freude. Das Yamaha Stage Piano wackelte während des ganzen Spiels erheblich und das Pedal rutschte weg. Sean Clancy, ein Gitarrist aus Neuseeland, der nun in Polen lebt, hat das Pedal mit Tapeband angeklebt an den Boden der Bühne, während ich spielte, und murmelte dabei: So, this pedal will stay forever ... Auf der unplugged Stage hörte ich noch eine kanadische junge Gitarristin, die ursprünglich aus Polen kommt. Sie gefiel mir gut. Natürlich waren meine Freunde in der ersten Reihe, alle, die ich kennengelernt hatte auf dem Slot. Ich hatte nicht genügend CDs mit, nicht mit einer solchen Anfrage gerechnet. Sie wurden vorne im Shop verkauft.

10. Juli 2009

Stockfechten und Bogenschießen hier auf dem Kloster Leubus — bei mir geht der Pfeil eher zart, weich und etwas kurvig ins Ziel. Bei anderen schiesst der Pfeil hart und schnell hinein innerhalb von einem Wimpernschlag. Ich stelle mir beim Ziel ein Herz vor und beim Pfeil die Musik oder die Kunst. Meine Finger sind Pfeile. Ich wuensche mir, pfeilgerade zu treffen. Dazu gehoert sehr viel Kraft und Konzentration. Es kommt auch darauf an, wie man das Ziel trifft. Auch gestern gab es wieder touristische Gruppen, die die schlesische Grabkunst des Klosters Leubus ansehen wollen. Man muss vorsichtig sein, dass man sie nicht mit dem Einrad ueberfaehrt oder aus Versehen mit Pfeil und Bogen erschiesst oder mit dem Stock erwischt.
Spielen und Ueben auf einem Open-Air-Festival in Polen ... manchmal im Stehen an einem Stage Piano oder einer Hammond Orgel Bach im Zelt, ohne Notenstaender, waehrend mir der Kaffeebecher fast auf die Tasten faellt und nebenan eine Trommelgruppe spielt. Ich stellte dabei fest, dass Bach und der Rhythmus der Trommeln oft erstaunlich gut zusammenpassen. Es war faszinierend. Einige Leute fingen sogar das Tanzen an zu Bach. Das habe ich noch nicht erlebt, dass Leute zu Goldberg Variationen tanzen.

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8. Juli 2009

Es ist unfassbar schön hier: Ein altes leeres Kloster und seine Ruinen und Saele bei Lubaz, 30 km von Legnica; das Kloster heisst Opactwo Cysterskie. Es soll sehr beruehmt sein. Wir fuhren ueber Chemnitz und Goerlitz nach Liegnitz, alles war bis Breslau einmal deutsch gewesen. 6000 junge Leute, hauptsaechlich Polen, aber auch Deutsche, Oesterreicher, Neuseelaender, Norweger, Amerikaner, Tschechen, Kroaten, Schweizer kommen zusammen, alle Raeume und Wiesen erobert und grosse Zelte aufgebaut haben, um gemeinsam Kunst und Musik zu machen. Ich bin voellig hingerissen, so stelle ich mir ein wenig den Himmel vor. Da sitzen sie alle, malen, jazzen, singen, bauchtanzen, machen Musik, jonglieren, rappen, zeichnen, tanzen, trinken Kaffee, und mittendrin sitze ich und spiele Bach und eigene Songs und Chopin. Im Ausland glaubt man nicht, dass ich Deutsche bin, sie denken sofort an Skandinavien.
Da das Kloster und sein sein Gelaende beruehmt sind, laufen hier eine Menge touristischer (oft deutscher, aelterer) Gruppen zwischen den jungen Slot-Besuchern herum. Da treffen Welten aufeinander, aber auch das mag ich. Das Kloster ist vollgehaengt mit Oelbildern und kuensterischer Fotografie, man hoert juedische Musik und sieht Taenze dazu, nebenan ist Hipphopp, dann wieder Improvisation, und ich auch Klassik — sonst waere Klassik mal wieder gar nicht vertreten gewesen. Ich bin froh, dass ich dort eine Bruecke schlagen kann. Es gibt viele Buehnen, innen und aussen. Ich spiele auf der Unplugged Buehne, dort halte ich mich auch am meisten auf, uebe, hoere zu, unterhalte mich mit den Musikern dort.
Es kam mir vor bei meinem Konzert auf dem polnischen Festival, waehrend ich im Zelt und die einzige war, die Uebersetzung brauchte, als wuerde meine Seele an der Zeltwand haengen, als wuerde mein Geist auf meinem Herz liegend die duennen luftigen, gelbgrauen Zeltwaende beruehren.
Es tut mir gut, dass ich nicht alles verstehe, so hat mein Geist Raum fuer Kreativitaet, es wird mir nicht alles knallhart vorgesetzt, sondern ich kann atmen und frei denken. Regen und Sonne spazierten aussen auf den Zeltwaenden, und innen lerne ich endlich neue Melodien kennen. Das Gefuehl von internationaler Gemeinschaft sensibler Menschen, die suchen, aktiv und leidenschaftlich sind und auf einem Gelaende zusammenkommen und wohnen und essen, und dann gemeinsam singen und loben, erfuellt mich jedes Mal mit Ruehrung, ich muss weinen — meine Sinne umgeben meinen Geist, dass ich das Gefuehl habe, dass das Unsichtbare auf das Sichtbare trifft, und ich kann Unsichtbares sehen und Sichtbares hoeren und fuehlen. Alles nehme ich ueberstark wahr, dass auch meine Haut unter Strom steht.
Ich lernte auf dem Festival hier in Polen unter anderem einen witzigen Producer kennen, der bei Warschau lebt, einen richtigen juedischen Jazzer und Worshipper, Paul Zarecki, der ein weites Herz hat, dessen Apple ich hier auch benutze. Es ist erstaunlich, dass auch er zu den Menschen gehoert, die durch ihre Lehrer verletzt und abgeschreckt wurden, was klassische Musik angeht — ich kann es verstehen, denn ich habe viele Tonleitern in meinem Leben geuebt. Bzim, so wie er genannt wird, hat recht: es gibt c-Moll, und es gibt ein c-Moll-Universum, und ohne Skalen geht es eben nicht. Er sagte mir, ich brauche keine passion, ich brauche patience. und BIBLE= Basic Instruction Before Leaving Earth. So wie er es aussprach mit seinem Akzent, hoerte es sich fast gleich an. Ich mag Zelte, da ich drin das Gefuehl habe, sowohl drinnen als auch draussen zu sein. In der Pause nahm ich am Bogenschiessen auf der Wiese teil. Es machte so viel Spass, doch es war nicht leicht: obwohl ich mir meinen schlimmsten Feind vorstellte, landete mein Pfeil auf der Wiese. Es dauerte, bis ich ueberhaupt ansatzweise das Ziel traf. Dennoch war ich ehrgeizig. Der Bogen ist schwer, man muss sich ziemlich verdrehen, zielen und genau wissen, wann loslassen. Dennoch lachten wir viel. Ich kam mir wie Robin Hood vor. Morgen sind wieder Proben und Soundcheck und Freitag abend mein grosser Auftritt. Die Atmosphaere des Klosters ist voller Geschichte, Duft, Aufeinanderprallen von Zeit und Kulturen — allein sich drin aufzuhalten ist ein kreativer Akt und inspiriert mich enorm. Beim Ueben heute fiel mir einmal mehr auf, wie bedeutungsvoll Harmonien sind, nichts von ihnen sind ein Zufall.

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1. Juli 2009

Ich freue mich, Spark in Karlsruhe vorzuspielen, der klassischen Band. Daniel rief mich vor zwei Tagen an. Ich liebe neue Musikrichtungen und Ideen, wie man crossover und dennoch in Kunst vorwärtsgehen kann. Die Mischung aus Jazz, Pop, Barock und Debussy ist wirklich betörend.

7. Juli 2009

Die Konzerte in Erfurt waren sehr schön. Nun fahre ich heute nach Liegnitz mit 2 anderen Musikern auf das Festival und anschliessend auf ein Konzert in Nürnberg, bin gespannt, wie es wird. Ist alles etwas viel gerade, da ich noch 3 Hausarbeiten schreiben muss und bereits für die Magisterarbeit lese.

29. Juni 2009

Nächstes Wochenende spiele ich Konzerte in Erfurt. Der Juni geht bald zuende und damit die längsten Tage des Jahres. Ich freue mich an dem grünen Sommer und auf Juli. In diesem Monat waren fast 150 Menschen pro Tag auf meiner Seite, über 3600 Leute pro Monat. Heute vergass ich, mit meinem kleinen Motorrad zu tanken. Glücklicherweise ging mir der Sprit direkt vor der Tankstelle aus. Ich schob den Roller also auf dem Fahrradweg entlang des Berliners Rings zur Shell Tankstelle. Die meisten Leute lächelten mich an, da es sicher lustig aussah, seinen Roller spazierenzuführen. Er ist schwer und sperrig, ich hatte nasse Haare vom Duschen.

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28. Juni 2009

Heute habe ich eine kleine Bachforelle mit der Angel gefangen. Es war abenteuerlich, da die Brennesseln an der kleinen Grube — so heißt der Bach im Garten — so hoch und groß sind wie ich, wir über Stacheldrahtzäune und Elektrozäune an Kühen und Schafen und Hühnern vorbeimussten. Wir wateten in kniehohen grüngrauen Gummistiefeln durch den kalten Fluss, ohne Schlamm aufzuwirbeln, und flüsterten. Ich lachte freudig, als ich zwei Fische an meiner Angel spürte. Ich merke, wie dort mein verstecktes skandinavisches Blut zum Vorschein kommt. Anschliessend lernte ich, den Fisch zuzubereiten in einem Sud aus Wasser, Brühe, Weißwein und Petersilie aus dem Garten. Die Hühner fütterten wir mit dem Rest Spaghetti. Sie dachten, wir würden ihnen Würmer geben und stürzten sich hysterisch auf die ‚Würmer'. Bemerkenswert fand ich, dass der Hahn seinem Harem Hennen und den Jungtieren komplett den Vorrang gab. Wir aßen jeden Morgen frische Eier, die ich aus dem Stroh „fischte".

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27. Juni 2009

Fast hätte ich den Zug verpasst. Als ich aus der Freiburger Hochschule herauskam, war es viertel vor eins: um 13:04 fuhr mein ICE nach Kassel. Nirgendwo war eine Straßenbahn weit und breit. Ich lief mit meinen beiden Taschen zur Ampel, die rot war, und fragte den ersten Autofahrer, ob er mich zum Bahnhof bringen könnte, um 13:04 führe mein Zug. Der Autofahrer war ein netter Typ, der es nun fast als seine lebenswichtige Aufgabe ansah, mich durch den Verkehr rechtzeitig zum Bahnhof zu schleusen. In den fünfzehn Minuten, die wir durch Stau, Hinternissen, roter Welle und überraschender Baustelle überwanden, unterhielten wir uns angeregt über Politik. Ich schaffte den Zug um Haaresbreite.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nichts von dem erschütternden Tod Michael Jacksons. Im Zug verwandelte sich ein Mann: nachdem ein Momo-Mann neben mir ausgestiegen war, kam ein neuer, so dachte ich, und beachtete ihn nicht. Nach einer Weile bekam ich das Gefühl, ich sollte auf ihn reagieren und erwiderte sein Lächeln, das ich zuvor ignoriert hatte. Sofort kamen wir ins Gespräch, und da ich leider zu spät gespürt hatte, dass jemand Besonderes neben mir sitzt, war das Gespräch zu unserem beider Bedauern sehr kurz, da ich aussteigen musste. Es tat mir weh, dass ich manchmal zu schnell Menschen in Schubladen stecke: verpasste Gelegenheit, einen interessanten Menschen zu sprechen. Ich hoffe, ich sehe ihn im Himmel wieder.
In Freiburg übernachtete ich bei einem Geiger des Rundfunkorchesters. Er wohnt mit seiner Familie in einem blauen Traumhäuschen, unterrichtet an den Hochschulen in Trossingen und Freiburg und spielt im Studio mit den Söhnen Mannheims. Ich kam spät an, er holte mich ab, wir tranken Wein, obwohl ich am nächsten Morgen sehr früh in der Hochschule spielen musste. Eingeladen wurde ich bisher an den Hochschulen in Trossingen, Mannheim, Innsbruck und Freiburg. Das Spielen lief sehr gut, Bach, Chopin, Jazz, Improvisation, meine eigenen Songs — auch das Vom-Blatt-Spielen eines Liedes aus dem 16. Jahrhundert, eines Standards und eines vierstimmigen Jazzchorsatzes. Beim Unterrichten dachte ich allerdings, dass die Studenten ihre eigenen, momentan zu übenden Werke dabei hätten, was nicht der Fall war: sie saßen da mit nichts und konnten auch nichts auswendig spielen. Ich musste sehr flexibel reagieren. Das Gespräch mit dem Männer-Gremium verlief gut. Es ist schön, wenn man sich nicht verkaufen, verstellen, präsentieren muss, sondern einfach über das reden, was mir auf dem Herzen liegt, was meine Leidenschaft ist: Menschen zu kreativer Musik zu verführen.

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Das Haus der Landschaftsarchitekten und Künstler Aland in Höxter bei Kassel, dort, wo ich das Open-Air-Konzert auf der Gartenbühne spiele, ist wiederum eine ganz andere Art Traumhaus, nicht so romantisch, sondern eine Mischung aus Wildheit, Weite, Ordnung. Es ist ein fast rein ökologisches Haus in einem warmen Gelb mit Holzvorbau, Holzfenstern, Brunnen, Solaranlage auf dem Dach, Hühnern, Katzen, Gewächshaus, einem eigenen Bach, indem sie Forellen fischen.
Ein Open Air Konzert in solch einer schönen Umgebung ist ein Genuß. Ich kann, während ich auswendig spiele, die Wälder sehen, die Vögel hören, die Blumen im Wind, die Wolken betrachten- ich mische mich mit meinen Klängen in die Wiese, in das Grün, in den Sommer. Das Wetter hält sich gut. Ich habe noch nie Goldberg Variationen von Bach draußen, bis es dunkel wurde, gespielt. Die Lichter in den Bäumen und über den Kunstwerken aus Glas gingen an, der Mond war eine winzige Sichel. Manchmal spüre ich, bevor ein Konzert losgeht, einen seltsamen Druck und Widerwillen in mir hochsteigen, den Wunsch, mich zurückzuziehen. Jedes Geräusch wird mir zuviel, ich fühle mich wie aus Glas. Aber dann, wenn ich spiele, verflüchtigt sich das. Die Leute haben sehr gut zugehört, waren angetan und sagten, die Musik habe sich im Garten verfangen und genau dazugehört, als sei sie Teil des Gartens.

26. Juni 2009

Um von Freiburg nach Kassel zu kommen, muss man durch das ganze Land fahren. Hört sich Freiburg — Kassel nicht nah an? Es geht über Baden-Baden, Mannheim, Karlsruhe, Frankfurt, Fulda ... Da Freitag nachmittag war, wimmelte es im ICE von den grauen Männern wie bei Momo: Männern in gleichen Anzügen mit lauten unkünstlerischen Laptops, müde, genervt, monoton, emotionslos laut telefonierend, mit Stöpseln in den Ohren und großen Schuhen. Unheimlich. Draußen fing es an zu regnen, gleichzeitig schien die Sonne, und ein wunderschöner Regenbogen spannte sich über den Himmel. Ich quiekte, als ich ihn sah. Niemand beachtete den Regenbogen. Ich war die einzige Frau im Abteil. Eine herrliche Landschaft breitete sich draußen vor den Leinwand-Panorama-Fenstern aus. Ich lag da und sah dem Sonnenuntergang entgegen. Erstaunlich ist, dass selbst kilometerweit weg von dem Ereignis Sonne die Wolken rot gefärbt eine Märchenwelt formen.

20. Juni 2009

Ich liebe es, wie Tomaten im Zimmer duften, und Erdbeeren. Wenn ich sie frisch vom Bauernhof hole, schlinge ich sie schon aus der Schale oder dem kleinen Karton in mich hinein, bevor ich im Auto sitze. Leider haben viele meiner Noten dadurch Erdbeerflecken bekommen. Ich bin erstaunt, wie sehr die Mensa oder Burse ein kulturreller Ort ist; viele wichtige Informationen, Tipps in den kleinen Gesprächen am Rande erfährt man hier. Mit Freude hörte ich heute zufällig die Bayernhymne. Eine Hymne rührt mich jedesmal.

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19. Juni 2009

Die meiste Nähe zu mir und zu Gott habe ich oft, wenn ich am Klavier bzw. Flügel sitze; besonders Bach tut mir gut; ich verbringe mit seiner Musik 2x150 Minuten am Tag allein. Sobald ich ein Instrument sehe, möchte ich sofort üben oder spielen. Es zieht mich magisch an. So kommt es, dass ich auf vielen unterschiedlichen Instrumenten in unterschiedlichen Räumen spiele, je nachdem, wo ich eben gerade bin. Heute übte ich, das ergab sich so nach meiner Sprechaufnahme, in der Mergentheimer Straße. Es wurde spät, ich hatte eine wundervolle Aussicht im vierten Stock und die Fenster geöffnet. Bach vermischte sich zart mit dem fernen Rauschen der Autobahn, die über die grosse Brücke führt. Wie Schnecken krochen die schweren LKWs über die Brücke und sahen winzig klein aus. Dazu mischt sich stets, wenn ich mit geöffnetem Fenster übe, der Gesang der Vögel. Sie scheinen Klavierklang zu akzeptieren und trällern mit. Auch einige Schmetterlinge flogen in mein Zimmer. Ein Schmetterling legte sich seitwärts auf den Klavierdeckel. Zuerst dachte ich erschrocken, er sei gestorben, aber er sah so gemütlich und entspannt aus, dass ich ihm ein Stündchen vorspielte, bevor ich ihn vorsichtig weckte. Daraufhin flog er davon. Schmetterlinge erinnern mich an meine Kindheit. Im Winter sah ich einmal auf einem Spaziergang mit meiner Mutter einen Schmetterling wie tot am Boden liegen. Ich hob ihn auf und hielt ihn vorsichtig und wärmend in meiner Hand. Als ich nach einer Weile nach ihm sehen wollte, war ich völlig überrascht, dass er mir davonflog. Die Wärme meiner Hand hatte ihn wieder lebendig gemacht. Während der Sprechaufnahmen für PianoLyrik genoss ich, dass mir dabei stets neue Ideen für Gedichte und auch Korrekturen einfielen. Wir kamen zügig voran und schafften 7 Gedichte, morgen weitere 7. Natürlich übe ich gerne in der Hochschule, da es nett ist, seine Kollegen in den kleinen Pausen zu treffen. Erstaunlicherweise geniesse ich auch, mit den wissenschaftlichen schriftlichen Arbeiten zu beginnen, auch wenn diese Texte nicht in erster Linie lyrisch sind. Im Dezember beginne ich bereits mit meiner Magisterarbeit — wenn ich nicht längst begonnen habe.

16. Juni 2009

Die Kinder und Jugendlichen waren mir besonders wichtig, weil sie eine Band gründen wollen, was es in dieser über hundertjährigen Kirche noch nie gab. Diese Kinder von 9 bis 16 Jahren waren für mich das Erstaunlichste an dieser Gemeinde Es war das erste Mal für mich, dass ich eine komplett gemischte Gruppe so einheitlich im Seminar sitzen hatte: Kinder von 9 bis 16, Erwachsene, die spielen und noch gar nicht spielen konnten, alle Instrumente, passive Teilnehmer. Gerade die Zehnjährigen waren mit Eifer dabei und umrundeten den kleinen Flügel, spielten vierhändig und später sogar zu dritt am Flügel, auch in Kombination mit Erwachsenen, die spielen und noch nicht spielen konnten. Es dauerte eine Weile, bis die Kinder eine Rhythmusgruppe gleichmässig lernten zu spielen, damit Melodieinstrumente darüber improvisieren konnten, so die Flöte, die Trompete, Gesang. Leider traute sich noch keiner, der Saxophon oder E-Gitarre spielte. Der Sechzehnjährige am Schlagzeug half mir und der großen Gruppe, gemeinsam einen Rhythmus halten zu können. Nachdem ich Dur und Moll und viele Harmonien vorgestellt hatte, worüber wir in Basis-Schritten improvisierten, in verschiedener Dynamik, gingen wir zu Liedern über, die den meisten bekannt waren, nachdem ich das Schema eines Liedes erklärt hatte: Taktanzahl, wie es aufgebaut ist, auch bezüglich Soli. Das war das Highlight, ich konnte sie nicht mehr bremsen. Als ich am Ende der Kurses müde und erschöpft war, fingen die Kinder erst richtig an, Musik zu machen und übten noch stundenlang weiter. Es war das erste Mal seit der hundertjährigen Geschichte dieser Kirche, dass sich eine Band zu formieren begann. Die Kinder haben mich sehr beeindruckt.

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15. Juni 2009

Meine Noten und Bücher waren voller Sand, als ich meinen Koffer auspackte. Ich bin seit einigen Stunden wieder zuhause. Es war schön, wieder in Ruhe zu üben. Die Acryl Leinwand von Simone hängt an meiner Wand in der Nähe des Flügels. Der Improvisations Workshop war super gestern; kaum waren wir angekommen, wartete die Presse: zuerst ein Fotograf, dann eine junge Frau, die mitschrieb. Es waren fast 30 junge Leute beim Kurs anwesend, alles bunt gemischt, dazu die vielen Zuschauer, die passiven Teilnehmer sozusagen — denn vom Zuhören kann man bereits einiges lernen.

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14. Juni 2009

Es war kein Schock, wieder in Deutschland anzukommen, da nach einer Woche Regen in den meisten Teilen Deutschlands, während ich in Korsika war, der Tag, an dem ich am Kölner Flughafen eintraf, der erste sonnige Tag nach sieben Tagen war. Ich wurde abgeholt, meine Mom reiste mit dem Zug nach hause, wir fuhren nach Velbert mit dem Auto, 20 Minuten von Wuppertal und Bochum entfernt, und ich schlief erst einmal ungewollt einige Stunden, am Ziel angekommen. Zwei Wochen Mittelmeer muss sein, sonst ist die Umstellung doch anstrengend, wenn man dort spielt. Das Konzert in Velbert war für mich ein Genuss und nicht so anstrengend wie in Calvi, wo man die Sonne und den Wind noch überall in seinem Körper spürt.
Die FeG Velbert sieht von außen wie eine kleine weiße Villa aus mitten in einer schönen ruhigen Wohngegend. Simone Ramshorn, Bildende Künstlerin, die als Künstlerin im Leitungskreis ist und Leben.live gegründet hat, mich vom RAD Künstlerbewegung her kennt, wo wir beide seit 5 Jahren tätig sind, ich im Bereich Musik, sie im Bereich Bildende Kunst, und eingeladen hat nach Velbert, gestaltete auch den Jugendbereich der FeG innen wunderschön und künstlerisch, zum Beispiel mit Styroporplatten bemalt in Weiß, Acryl in Tönen von hellem Terracotta, feeling aus dem Mittelmeerraum verbreitend, an die Wand geklebt, dass sie wie Gestein wirken an der Wand. Der kleine brandneue schwarze Kawai Stutzflügel, den ich einweihte, klang schön und nicht eng, wie ich (bei einem Stutzflügel) befürchtet hatte. Ich bekam einen riesigen Strauß Pfingstrosen und hellrosa Rosen, die Köpfe haben dick wie Pfirsiche. Die Pfingstrosen, die ihre Farbe ändern.

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Nach dem Konzert saßen wir noch gemütlich unter der Marquise von Ramshorns im Garten und tranken Rotwein. Von Korsika war ich leider bereits gewöhnt, Wein (wie Wasser) zu trinken, glücklicherweise meistens Rosé. Freunde waren eingeladen und erzählten von ihren Reisen nach Neapel, Indien, Neuseeland. Für mich ist der Bruch zwischen klassischen Stücken — ich spielte Bach, Chopin, Franck und Haydn — und eigenen Stücken, Songs, die ich singe und spiele, Improvisationen und Lyrik vom Flügel aus gelesen mittlerweile normal geworden. Für viele Menschen aber ist dies ganz neu und sehr überraschend, für beide Seiten: für die Klassiker und auch für die, die sich kaum mit Klassik oder Musik beschäftigen. Morgen sind die Kinder dran. Ich freue mich vor allem über die vielen Kinder, die kommen werden mit Schlagzeug, Querflöte, Bongos, Cachon, Gitarre, auch klassischer Gitarre, und natürlich die kleinen und großen Pianisten. Natürlich bin ich auch gespannt auf Simones Atelier in der Stadt. Es macht mir Freude, zu Kunstwerken Lyrik oder Songs zu schreiben oder dazu frei zu improvisieren wie bei der KunstwerkWoche in Lungern, Schweiz, wo wir als Band spielten. Vielleicht werden wir uns nochmal in Schottland in einem Turm treffen und kreativ sein, abgeschieden vom normalen Leben wie im Künstlerdorf La Pigna bei Calvi.

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12. Juni 2009

Calvi bei Nacht zu sehen, war ein schönes Erlebnis. Die kleine korsische Bahn ruh.t Die korsische Sprache, die so sehr nach Italien klingt, zeigt gesungen eine solche Kraft, einen Rhythmus, dass ich mit den Sternen über mir davontanzen möchte.
Sehe ich die kleinen Balkons der Korsen, wenn ich den Kopf in den Nacken lege, stelle ich mir vor, dort ein anderes Leben zu leben, vielleicht mit fünf Kindern auf engstem Raum. Als Evelyn, die in Pinea 10 Wochen gearbeitet hat und auch am Samstag zurückfliegt, und ich später am einsamen Strand auf den Felsen lagen, das Meer glucksend unter uns, über uns Hunderte von Sternen, konnte ich mir kaum vorstellen, dass die Sonne mehr oder weniger unter uns die Planeten gegenüber anleuchtet und der Kosmos das große Nichts ist — es geht bis dahin, dass ich mich frage, warum ich nicht angeleuchtet am Himmel zu sehen bin .. bin ich kein Planet? Tagsüber war es sehr heiß und windig, die Steine reflektierten noch die Wärme, wie die Planeten das Licht der Sonne reflektierten, doch es war schon recht kalt. Einige Sternschnuppen sanken dahin, vielleicht hatte ich sie zu leidenschaftlich angesehen, dass Sterne verglühten. Da ich gehört hatte, dass die Sterne zueinander in Intervallen geordnet sind und das ganze Universum singt, versuchte ich, die Intervalle zu hören, während ich nach oben sah, aber ich hörte sie nicht. In zwei Wochen habe ich ein Vorspiel an der Freiburger Musikhochschule, darauf freue ich mich schon; doch erst mal die Konzerte in Velbert.

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Die Strandwanderung war ein Genuss: einsame Buchten und Strände inmitten der Maccia — es duftet, weil die Maccia mannshoch wächst: ein duftender Irrgarten aus blühendem Gestrüpp umrundet die Klippen, die von Sand, Meer und Wind über Jahrhunderte zu den kunstvollsten Formen geschliffen wurden: ein granitharter Felsen sah aus wie ein Krokodil, ein anderer wie ein Nashorn. Ich badete an zwei Stellen — einmal dort, wo es wellig war, die Wogen an die Steine zischten und das Wasser dunkel von Tang, und an einer ruhigen Stelle, wo es türkisgrün, hellblau und dann wieder dunkelblau war, in Schichten schillernd bis in die Ferne. Das Meer zeigt hier eine einzigartige Farbkombination. Mit meinen hohen offenen Bounce-MBT-Schuhen war es teilweise nicht leicht, steil abfallende Wege nach unten oder oben durch Kies und Schotter zu laufen. Durch die Sonne bin ich ziemlich braun geworden in dieser Woche. Zurück an unserem Heimatstrand schwamm ich mit einem Gast bis zur hintersten Boje, die einsam, schmutzig und gelb vor Anker lag. Ich dachte mir, nur keine Panik bekommen — es ist wie beim Klavierspielen — auf offener See schwimmen ohne Land in Sicht. Bekommt man Panik, wenn man so lange, mindestens 40 Minuten, auswendig spielt, geht man unter.
Das Klavierkonzert war ein Erfolg, Manfred Domrös, seit 30 Jahren im Hauskreis mit Manfred Siebald, leitete den Abend ein und zuende. Es tat gut, in Klimaanlage zu spielen, da sich die Sonne in mir drin zu befinden schien: ich fühlte mich heiß und müde an nach den Wanderungen. Es gab ein Blitzgewitter, weil jeder des Publikums uns mit unseren neuen, korsischen Kleidern fotografieren wollte. Unsere Zugabe war ein Tanz von Fauré. Chopin, Lyrik und Songs lieben die Leute am meisten.

1. Juni 2009

Heute schossen wir mit dem Bananaboot den Golf von Calvi bis fast auf die Höhe der Zitadelle hoch.
Zuvor gab es eine Wanderung durch Corbara mit seinem Kloster nach San Antonino, zurück über Areggio, Pigna und Algajola. Ich ritt zur Freude des kleinen Künstlerortes mit einem Esel durch die Stadt. Er schnaufte wie ein Pferd, ich klopfte seinen Hals und streichelte seine langen braunen Ohren. In der Kirche sangen wir in die schöne Akustik hinein. Die Sonne schien heiss, was das Meer undeutlich mit dem Himmel verschwimmen liess, was schade war für Fotos. An der Weinprobe nahm ich besser nicht teil, obwohl man mir immer wieder ein Glas Wein auf den Flügel gestellt hat, das ich leider behende austrank, da ich wieder üben muss und die Konzerte sich nahen: Freitag abend, und am Samstag werde ich von Köln direkt für die nächsten Konzerte in Düsseldorf abgeholt. Im Jahr habe ich ungefähr 80-100 Konzerte.
Wenn ich die Kinder beobachte am Strand in Calvi, die mit mir spielen wollen und so zutraulich auf mich zukommen, dann habe ich das Gefühl, es stehen weiche tropfende Seelen vor mir, pure Kunst, und ich sehe in ihre leuchtenden, schmelzenden Augen, die voller Liebe sind. Ich beobachte, wie die französischen und korsischen Familien mit ihren Hunden im Meer spielen; die Hunde sind belastbar und freudig, sie holen einen gelben Ball mit schwarzen Punkten, als würde es um ihr Leben gehen, schwimmen wedelnd, wobei sicher angestrengt, bis weit hinaus, von den Felsen springend. Manchmal kommen korsische Jugendliche und rasen mit ihren Motorrädern am Strand entlang, oder es kommen Männer und Frauen, die mich wecken und fotografieren wollen. Manchmal liegt ein Hund dicht neben meiner Matte und schläft in der Sonne, ohne zu blinzeln. Es ist der Hund von irgendeinem der Strandrestaurants. Kurz, man könnte den ganzen Tag dort liegen, ohne sich zu langweilen. Wenn ich im Saal übe, hören oft Franzosen oder Korsen oder Deutsche zu. Sie scheinen es zu geniessen und sich daran zu erfreuen, selbst wenn ich nur übe. Vielleicht sollte ich das einmal meinen Nachbarn erzählen — wobei die meisten es auch geniessen. Wenn ich ein neues Gedicht geschrieben habe, lese ich oder Manfred sie während der Andachten vor. Es ist kaum zu glauben, dass wir so nah an Sardinien liegen, der italienischen Insel, die so ganz anders gestaltet ist. Jeden Tag liegt die große Fähre am Hafen vor der Zitadelle. Es ist schade, dass Korsika es nicht geschafft hat, eine eigene Nation zu werden, was sie sich so sehnlichst gewünscht hat. Calvi hat viereinhalbtausend Einwohner, doch mit den vielen touristischen Ausländern ist es eine recht große Stadt.
Manchmal passieren wieder diese besonderen Dinge. Ich erinnere mich dunkel an die vielen besonderen Dinge während meiner drei Monate hier 2001. Diesmal geschah es, dass die Frau des korsischen Sängers, Maya Cuiconi, ursprünglich Österreicherin, sogar Deutsche, nun seit 20 Jahren auf Korsika — erst schüchtern wieder deutsch sprechend mit mir — auf mich zukam, als ich ein Lied von mir spielte, und sagte, sie hätte in diesem einen Lied viel von mir und meinem Leben — gesehen. Sie sagte anschließend vieles, das sie nicht wissen konnte, da sie mir wildfremd war, aber alles, was mir nicht neu war, im Gegenteil, diese Dinge, die in mir brennen. Dann ging sie, als wäre das alles nicht gewesen. Manchmal kommt es mir vor wie ein Traum.

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10. Juni 2009

Korsika kann man an seinem Duft erkennen ... die Maccia mit seinen Hunderten verschiedener Pflanzen duftet selbst in die ruhigen dunklen Kirchen der Insel hinein. Sogar auf den Wellen des Mittelmeeres scheint sie zu thronen und zu duften. Wir sind gut in Calvi angekommen, die Süße der Mittelmeerluft empfing uns zusammen mit Christine Papajewski und Doro Dittmann, die uns mit dem Auto abholten. Allmählich kamen die Erinnerungen von 2001 zurück, als ich das letzte Mal in Pinea war. Es hat sich viel verändert und doch eigentlich nichts. Erstaunlich war, dass mir alles viel kleiner vorkam, als wäre ich größer geworden; vielleicht innerlich größer. Es dauerte drei Tage, mich an das Klima zu gewöhnen; zunächst war ich erschöpft und müde und schlief täglich am Strand für einige Stunden ein. Jeden Morgen zu spielen war nicht so leicht, nachdem ich teilweise im Saal bis nachts um eins geübt hatte, um durch mein Wettbewerbsprogramm von 150 Minuten durchzukommen. Ein Stück von 42 Minuten Länge braucht zum Üben mindestens 90 Minuten. Nun merke ich, wie die duftende, warme Luft und das Gezwitscher der Vögel allmählich durch meine Schläfen in meine Sinne, mein Gehirn dringen und ich mich eingewöhne. Das Melancholische der Korsen und ihrer Musik gefällt mir und berührt mich. Ich liege am Strand, lese Georg Trakl und bin innerlich bewegt über seine Farben, die er über und über verwendet. Ich liege dort, spüre den Sand, höre die Wellen, ahne die Zitadelle, die über unsere Bucht ragt, und es kommt mir vor, als müsste ich seine Seele trösten und umarmen, sehne mich danach, mit ihm sprechen. Die Farbe Blau taucht immer wieder in seinen Gedichten auf, ebenfalls die Amsel: die Klage der Amsel, Gold und Silber. Man kann ihn sofort erkennen, ohne seinen Namen zu hören oder zu lesen. Natürlich schwimme ich auch, obwohl mir das Wasser selbst jetzt noch fast zu kalt ist — und geniesse den recht leeren Strand. Das Künstlerdorf La Pigna mit seinen blauen Fensterläden, den steinigen Gassen und den herrlichen kleinen Restaurants mit den luxuriösen korsischen Gerichtchen in Tonschüsseln war ein Erlebnis nach dem anstrengenden Aufmarsch, zuerst durch Lumio und später steil vorbei an Feigenbäumen, Eukalyptusbäumen, Zitronenbäumen, Aprikosenbäumen, von denen wir pflückten, Salamandern und Schlangen, die ins Gebüsch huschten: es gab Kastanienkuchen, frisch gepressten Zitronensaft, Kichererbsenpüree mit frischem Olivenöl, Ziegenkäse mit Feigenmarmelade, korsischen Schinken, korsischen Wein, korsischen Käse, Orangenwein, Fourné. Wir waren eine kleine Gruppe von Pinea, ca. 30 Leute; unser Sprecher Manfred, Prof. aus Mainz, erzählte von Sri Lanka, und auch meine Mom hatte ihren Spaß bei der Wanderung. Freitagabend ist unser Konzert, Schlüter Duo und PianoLyrik, bei dem ich Bach, Chopin, Haydn und Franck spielen, Gedichte lesen und als Zugabe eigene Worshipsongs singen werde — und vorher ist unser vierhändiges Programm. Auch hier schreibe ich Gedichte am Strand. Tagsüber sitze ich meistens am Wasser und lese die musikwissenschaftlichen Bücher, momentan über Bachs Goldberg Variationen und über Bachs Leben, bin teilweise erschrocken, mit was für einer Absolutheit einige Wissenschaftler über tote Komponisten schreiben, wobei vieles einfach schlicht ihre eigene Meinung ist, sei es über Interpretation, sei es Analyse oder Vergleich von Werken — bei lebendigen Komponisten könnten sie sich das nie herausnehmen. Einige Texte scheinen in Konkurrenz zum Werk an sich stehen zu wollen, was mir recht absurd vorkommt. Dennoch lerne ich viel daraus. Die Open-Air-Andachten zu gestalten und musikalisch zu begleiten, macht mir viel Spaß. Unser Apartment am Meer ist gemütlich, mit Balkon und Sicht über die Pinien zur Zitadelle, auf dem wir Fisch und blauschwarze Pfahlmuscheln mit Zitrone, Butter und Baguette essen. Die Korsen aber waren und sind eigentlich Hirten, keine Fischer. Ihre Schafe sind überall auf dem spärlich bewohnten, hügeligen, bergigen, herrlichen Land zu sehen.

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4. Juni 2009

Das Härteste oder Langwierigste oder oft Unfreudigste ist: das sichere Auswendigspielenlernen von Hunderten von Seiten Musik. Zur Zeit kann ich mir einen Tag ohne Goldberg nicht mehr vorstellen. Sie begleiten mich, in der Universität, beim Üben, beim Schreiben — überall sind sie zugegen, und Bachs zärtliche Musik in Energie getaucht umhüllt mich. Ich kann ihn hören, als würde ich — wenn auch unpassendes Beispiel — die Sprache der Tiere verstehen. Er spricht durch seine Musik konkret, beziehungsweise ich höre durch seine Musik eine liebevolle warnende Einladung an die Welt, umzukehren. Philosophen (oder besser: akademische Philologen) sitzen mit mir im Cafe, und ich unterhalte mich über für mich bisher fremdgewesene Werke. Auf Schwedisch könnte ich mich darüber noch nicht unterhalten, aber auch das geht über andere Dinge, wie zum Beispiel über Musik oder Komposition.

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Morgen geht es nun über Köln nach Calvi. Ich fahre vielleicht mit meinem Beetle zum Flughafen. Viele Seminare zeigen mir, wie sehr die Künste und auch diese mit den Wissenschaften eine perfekte Einheit bilden. Es kommt mir oft vor, als seien wir in einem Germanistik- Seminar, es geht von Rhetorik zur Seele zu Sprachen zur Eingebung, zur Musik — und ich würde am liebsten alles studieren: Theologie, Psychologie, Kunstgeschichte und Jura. Vielleicht wird es später im Himmel so sein — eine einzige riesige Universität, zu staunen und völlig hingerissen zu sein.

2. Juni 2009

Da ich nun manchmal nachts üben möchte, ziehe ich mich an verschiedene Orte der Stadt zurück, wo ich nach 22 Uhr üben kann. Manchmal vermischen sich Tag und Nacht, und mein absolutes Gehör leidet beim Auswendiglernen blutend an verstimmten Klavieren. Die Nacht vergeht, wenn ich schlafe, wie eine Minute, und Tag deckt sich mit Nacht. Es ist anstrengend, mindestens viererlei zu tun: studieren, üben, arbeiten, schreiben. Obwohl meine Hände klein sind, sind sie doch sehr trainiert und fallen auf den ersten Blick manchmal nicht als klein auf. Doch schmerzen sie schon nach vielen Üben hin und wieder, sie kommen mir dann vor wie kleine Bällchen in Pergamentpapier gewickelt, und die Adern auf meinen Handrücken scheinen zu seufzen.

1. Juni 2009

Nun hat es sein Gutes, am Musischen Gymnasium Latein gelernt zu haben, denn das Latinum brauche ich nun für Magister und Promotion. Ich bin versunken in den Goldberg Variationen. Bald geht es nach Köln und Korsika. In Korsika war ich bereits 2001 für 3 Monate. Ich werde meine Kollegen und die Universität vermissen. Es ist schön zu wissen, dass die jungen Wissenschaftler und Künstler in der ganzen Welt verteilt sind und wir kommunizieren können. Es gibt keinen Kanon in der Kunst und Wissenschaft, jeder ist selbst auf der Suche. Wissenschaft bzw. Forschung hat viel mit dem zu tun, wie man selbst ist — und Forschung wiederum ist bereits Kunst. Doch weder allein in Musik, Literatur oder Philosophie oder Mathematik ist die Wahrheit zu finden. Ruhe aushalten erzeugt wirkliche Produktivität. Es ist dazu wirklich wichtig, in der künstlerischen Entwicklung viele Sprachen zu lernen. Ich vermische manchmal ins Schwedische Englisch hinein. Die Sprachmelodie ist eine Welt für sich.

31. Mai 2009

Viele gläubige Menschen, die ich treffe, sind meist konkret im Denken und Sprechen, nicht abstrakt. Künstler und/oder Geisteswissenschaftler denken oft oder gern abstrakt, auch wenn sie gläubig sind. Wenn ich abstrakt und symbolisch rede, scheint dies für viele nicht verständlich zu sein. Was mir an der Wissenschaft gefällt ist, dass sie abstrakt ist und damit für mich Flügel besitzt zur Ewigkeit. Symbolik gehört für mich wie die Musik zu den schönsten Schnittstellen zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und zusätzlich zu der Schnittstelle von konkretem und abstraktem Denken und Sprechen. Die Bibel ist für mich genauso konkret wie abstrakt. Ich finde es schade und einengend, auf das Konkrete festgelegt zu werden. Auf der anderen Seite ist eine gute Mischung von beidem vonnöten. Dass die Philosophie Ur-Wissenschaft ist, habe ich noch nicht als Schlüssel erkannt. Für mich ist die Mathematik Ur-Wissenschaft und der Schlüssel zur Kunst und Geisteswissenschaft. Die Philosophie fasziniert mich immer mehr, aber ich sollte mich beruhigen: ich bin ja an der philosophischen Fakultät. Ich treffe auf Philosophen in meinen Kursen — Menschen, die ich früher eher für „Spinner“ hielt.
Ich bin aus Stuttgart zurück, habe dort in der Hochschule unterrichtet und geübt und die Staatsgalerie und das Deutsche Informel genossen. Ich liebe große Leinwände, abstrakte expressive, spontane Kunst mit großen Farben und Gesten, Öl, Acryl, Mischtechnik. Ich spreche meine Gedanken dazu auf Handy auf und werde oft angefragt, ob ich verbotenerweise fotografieren würde — aber dadurch wird man ungewollt in gute Gespräche verwickelt.

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26.Mai 2009

Kirchentag in Bremen, am Deich in einem Strandkorb, denn später soll dort ein Liturgie-Gottesdienst stattfinden. Als ich nach unten in das Meer sah, schwamm dort eine Rose. Die Norddeutschen scheinen mir insgesamt bescheidener und freundlicher zu sein. Trotzdem bin ich in Bayern zuhause. Aber wie oft fühle ich mich als Zigeunerin, als hätte ich nicht nur ein Leben? Als ich in Riga mit Freunden essen war und meinen Rest eingepackt hatte und wir auf die Straße traten und einer Bettlerin begegneten, gab ich ihr mein Essen. Sie rief lange auf Lettisch mir nach, dass sie mich segne, mich und mein Leben. Ich dachte mir: Danke. Das kann ich gut gebrauchen.

25. Mai 2009

Die zweite Hälfte des Vogelhändlers brachte ich im Orchestergraben zu. Auch von dort konnte ich die Bühne gut sehen. Mir fiel auf, dass die meisten Sänger nicht in das Publikum, sondern zu ihren geschätzten Kollegen in den Graben schauen. Natürlich waren sie sehr erstaunt, mich dort unten sitzen zu sehen, ein neues Gesicht. Ich musste lächeln und stellte mir vor, sie sängen nur für mich. Das Theater ist multikulti, die Musiker und Arbeiter kommen von überall her: Bulgarien, Polen, Griechenland, Frankreich, Japan, Korea, Russland etc. Ich sagte den Geigern, dass ich es wirklich gemütlich fände im Graben. Einer sagte schmunzelnd, ihm käme es eher wie ein Massengrab vor. Ein anderer seufzte, ihm sei schon ganz schwarz vor Augen — wegen den vielen Noten. Wieder ein anderer schlug vor, ich solle heute mal Geige spielen. Ich lehnte dankend ab. Ara dirigierte mit Leidenschaft — vor allem für die Bühne. Anschließend gingen wir alle multikulti essen, und zwar mexikanisch. Ich liebe Guacamole — es erinnert mich an meine Zeit in Phoenix — nah an der mexikanischen Grenze und gespickt voll mit hervorragenden mexikanischen Restaurants. Von den bulgarischen Sängern erfuhr ich, dass Russland ihr Alphabet übernommen hätte und dass wir Deutsche in Wien Piefke heissen. Um uns herum lag ein ruhiges internationales Bremerhaven, dass offensichtlich nicht daran interessiert war, 60 Jahre Grundgesetz zu feiern. Auf der einen Seite denke ich, dass es für mich im internationalen Künstlerbetrieb von Vorteil ist, eine Halbe Halbe zu sein, auf der anderen Seite merke ich oft, dass Ausländer eine grössere Liebe zu meinem Land zu haben scheinen als viele Deutsche.
Am nächsten Tag besuchte ich das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven. Ich verbrachte dort fast drei Stunden und hätte beinahe meinen Zug verpasst- es war ein Wunder, dass ich ihn noch erwischt hatte — ich kam 12:32 am Bahnhof an, und mein Zug ging um 12:28. Aber dieses Museum zeigte mir, was der Sinn eines Museums ist. Es berührte mich so sehr, da Fernweh, Heimweh und die Suche nach Heimat an persönlichen Einzelschicksalen aufgezeigt wurden. Atmosphäre und Stimmung mischten sich mit Information. Über sieben Millionen Menschen sind bis heute ausgewandert oder geflüchtet in grossen Emigrations-Schiffen, aus Bremerhaven auslaufend. Noch nie hatte ich das Ausmaß des Zweiten Weltkrieges so deutlich verstanden wie an diesem Morgen, obwohl ich mich nun so eingehend jahrelang mit den Weltkriegen und Deutschlands Geschichte beschäftigt hatte. Ich musste drei mal weinen in diesem Museum, vor allem, als wir ankamen in der Neuen Welt, in den USA, und Dvoraks Sinfonie Neue Welt lief. Ich bemühte mich, alle Schicksale zu hören; es dauerte sehr lang. Ein Leben berührte mich besonders, das Leben einer jungen Ärztin, die 1933 alles verloren hatte und um das Leben ihrer Kinder bangen musste. Sie hatten kein Geld, obwohl sie reich war; die Nachbarsländer und Grenzen waren zu und selbst, als jedes Jahr lebensgefährlich wurde, bestand die USA auf Wartezeiten, Papiere und Bürgschaften zur Einreise. Dennoch hatten sie es geschafft nach Jahren der Qual, und sie standen vor dem Nichts, als sie endlich in den USA ankamen. Selbst die Schiffsüberfahrt war ein Tortur. Auf der Freiheitsstatue stand: Willkommen, ihr Massen an Sehnsucht, ihr, die keiner sonst will. Ich war berührt von dem Mut dieser Frau. — Ich kann nachvollziehen ein Stück weit, was es bedeutet, alles zu verlieren, machtlos zu sein, loslassen zu müssen, vor dem Nichts zu stehen, keine Vergeltung fordern zu können, keine Gerechtigkeit zu spüren und dennoch das Land zu lieben, zu brauchen. Und dabei war es noch das Leben, mit dem sie davon kamen. Andere verloren selbst das. Wer war diese Frau? Da ich keinen Stift hatte, wollte ich mir ihren Namen merken — dann stellte ich fest, dass zufällig genau ihr Name auf meiner Eintrittskarte stand — denn, das hatte ich vergessen, jeder war einer bestimmten Person von damals zugeteilt worden. Ihr Name ist Hertha Nathorff.

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23. Mai 2009

Linie 1 ist ein berührendes und schockierendes Musical. Die Theatermaler malten in den Werkstätten des Theaters Graffity-Wände, die Techniker bauten eine U-Bahn mit Licht und Geräuschen aus Berlin, der Tonmeister nimmt die Geräusche auf — das allein, all die Requistiten sind Kunst und Kreativität pur. Die Menschen hier haben auch Theaterwissenschaften, Kulturwissenschaften und Medienwissenschaften studiert. In der Pause saßen wir mit der Band des Musicals in der Theaterkantine. Ich mag den Nachgeschmack von Balisto. Viele haben einen Gastvertrag. Ara hat das meiste mit den Schauspielern einstudiert, die auch singen und tanzen müssen und oft keine Noten lesen können. Die Männer spielen gerne Frauen. Es ist unheimlich, wenn eine solche „Frau“ riesig und geschminkt auf mich zukommt. Es macht mich im Kopf durcheinander. Sie verlieren sich im — unendlich Weiblichen, sagen sie und sind sehr erfreut, eine Frau zu sein. Es gibt einige Schauspieler, die noch mit 65 in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen. Für Neue Kunst, egal, welche Form, ist es oft nicht leicht, die richtige Grenze zu finden zwischen Provokation und Pornographie. Manchmal braucht es aber auch einen mutigen Schritt aus dem Alten heraus. Überhaupt braucht es unbedingt Mut zur Kunst. Gott ist ja schlicht der zeitgenössische Künstler, auf der Suche, seine Dinge zu finden und auszugraben durch uns — er hält in beiden Händen Wissenschaft und Kunst, gleich schwer auf der Waage seiner Hände. Seine Hände tropfen mit Geschichte. Und auch ich suche. Inwiefern allerdings Gesang mit Mathematik zu tun hat — in der Musik erkenne ich nicht nur Puls, Tempo, sondern als würde eine Gleichung in der Musik leuchten, als könnte man Gleichgewicht und Zeit in der Musik analysieren, in einer künstlerischen Art und Weise. Dadurch ist mir die Mathematik sehr sympathisch geworden. Sie ist Musik. Sie entfaltet sich erst im Rhythmus, wenn sie den Herzschlag schlagen kann. Und besonders im menschlichen Gesang findet sie Erfüllung, im Weichen, Unermesslichen, Persönlichen, Verletzlichen. Mathematik ist nicht dazu da, unpersönlich und abstrakt zu sein.
Ara kennt natürlich die griechischen Restaurants hier und ihre Inhaber und führte mich in ein besonders edles; es macht Spaß, Menschen griechisch reden zu hören, und wir wurden nach Fisch, Rosmarin-Kartoffeln und Bifteki verwöhnt mit Nachtisch: Nüssen, Honig, Zimt, Apfel und Quark — ich hatte noch Honig an den Händen. Das kleine Hundebaby von Aras Nachbarn, das sonst ganz scheu ist mit Menschen, leckte meine Hände und schmiegte sich an mich. Ich habe auch festgestellt, dass Honig auf Mückenstichen an den Beinen sehr nützlich ist.

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Erst einmal ging ich auf Uhrenjagd. Ara sagte, er könne es nicht glauben, dass ich noch die Uhr aus dem Badezimmer höre. Es gibt Geräusche, die ich sehr gerne höre beim Schlafen: Wind, Sturm, Regen oder das gleichmässige Schnurren in Autos und Zügen.

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An Materialien für Kunst liebe ich Seide, Gold, Leder, Haar, Acryl und Öl. Morgen besuchen wir das Auswandererhaus in Bremerhaven und heute abend die Operette Vogelhändler, die Ara dirigiert: die Abschlußvorstellung von dem Bassisten Klaus Damm, die dernière (letze Vorstellung).

22. Mai 2009

Bremerhaven ist wie ein Kurort, ein Bad — teure Hotels und Restaurants, moderne Architektur, die roten Straßensteine wie auf den Nordsee-Inseln, salzige Meeresluft, das Meer, das die Gerüche von Dänemark, Schweden und vom Baltikum herüberträgt — man ist schwerlich noch in Deutschland. Ich kann an diesen Meeres-Gerüchen erkennen, wie sehr sich Deutschland und Europa eines Tages vermischen werden, dass es einmal nur noch das Europa gibt. Das tut mir auch weh. Zuerst möchte ich immer das Meer sehen. Es ist für mich eine solche Offenheit, dass die Einsamkeit darin nicht mehr schmerzlich ist. Es war sehr windig, als ich es endlich sah am Abend des Tages, und die Sonne ging gerade unter, rot und ruhig, kurz nach neun Uhr abends. Es ist mir unbegreiflich, wie schnell die Sonne untergeht, wenn sie einen bestimmten Punkt erreicht hat.
Die Nordsee, viel salziger als die Ostsee, küsst irgendwo um Schweden unten herum die Ostsee. Im ICE nach Bremerhaven ist mir, wie oft, passiert, dass ich ins Gespräch komme mit meinen Nachbarn, diesmal einer Schauspielerin aus München mit einem niedlichen Hund — dann kaufte sie spontan eine CD von mir. Zunächst sah ich in Bremerhaven das Stadttheater, recht rund, weiß und groß, und spielte mich hinten im Zimmer des Solorepetitors und Kapellmeisters ein, einem guten Freund aus der Musikhochschule Würzburg, Ara Khachaturian, ein Grieche und Armene. Das Theater ist nah am Hafen, am Strand, und das Fenster stand auf, während ich übte, bis der GMD Tetzlaff kam. Ich spielte ihm Chopins zweite Ballade in F-Dur. Ara erzählte mir, sein Vater sei Pastor, seine Kinder berühmte Musiker geworden. Er wirkte sehr sensibel. Trotz des katastrophalen Yamaha machte mir Chopin Spaß. Er ist ein akribischer Dirigent, genau, souverän, leidenschaftlich. In seinem Taktstock kann ich die künstlerische Mathematik erkennen, die klare Eins, Taktwechsel, scharf und doch in Musik getaucht, mit äußerster Konzentration gerade in zeitgenössischer Musik. Tiefe, wesentliche Konzentration beim Spielen und Vorspielen verschluckt mich, tut mir gut.
Ich liebe die Atmosphäre eines Theaters. Es ist eben eine andere Welt als meine. Dort sind Pianisten nur Gast. Hinter den Kulissen herrscht ein anderes künstlerisches Treiben von Orchestermusikern, Sängern, Tänzern und Schauspielern, den Dirigenten und den Korrepetitoren, die die ganze Einstudierung sorgfältig übernehmen, und die Techniker, die Leiter. Das ist das dritte Mal in diesem Jahr, dass ich hinter den Kulissen eines Opernhauses lief oder spielte, in Nürnberg, Riga und Bremerhaven. Natürlich habe ich Würzburg nicht mit eingerechnet. All diese Häuser sind auch ähnlich, bis auf Würzburg. Was genau die Unterschiede zwischen Staatstheater, Stadttheater und Oper sind ... In Würzburg ist das Theater eher wie ein flaches Kino mit niedrigem Luftdruck. Aber das Wichtige passiert innen.
Reife ist etwas Sensibles und nichts Festgelegtes. Auch berühmte Künstler wie der Studienleiter hier brauchen Lob.
In der modernen Oper Melusine von Reimann saßen wir in der 2. Reihe. Die zeitgenössische Musik ummantelt den Zeitgeist deutlich — Menschen, die nicht vertraut mit Oper und schon gar nicht mit Neuer Musik sind, schauen sich erst einmal irritiert um, ob dies alles seine Richtigkeit habe. Ich persönlich finde Neue Musik sehr interessant. Ich schätze sie als Kunst, als prophetischen Ausdruck der Zeit. Musik an sich sollte etwas Eingängliches haben. Allerdings darf und soll Kunst auch einen Zugang besitzen, der nicht so eingängig ist. Leider versteht man oft den Text der Sänger in Opernhäusern nicht, was für ungeübte Operngänger kaum zuzumuten ist, da sie meistens unvorbereitet und ohne Programm dasitzen. Auch ich musste diesmal mein Programmheft währenddessen im Dunkeln lesen, obwohl Ara die Oper in- und auswendig kennt. Es ist schön, die Menschen, die man kennengelernt hat, hinter den Kulissen plötzlich verwandelt auf der Bühne zu sehen. Künstler sind ein Geheimnis, sie gehen weit über das Irdische hinaus, da Kreativität nicht irdisch ist.

cc5f121211172d33f400e70b96d7eb7d-img Meine Nichte Emilia

Heute spielte ich dem Studienleiter aus Linz vor, einem Österreicher, der bereits sieben Jahre in Bremerhaven seine Projekte dirigiert. Es war wieder Aras Raum mit dem Yamaha, an dem kein Klavierstuhl steht, sondern ein Drehstuhl. Es war ein Wunder, dass ich beim Spielen nicht wegrollte. Er erzählte, als er im Landestheater in Coburg spielte, konnte man an den Klavieren nicht mehr erkennen, dass es Klaviere waren. An den Türen sind große Walfischaugen, also kreisrunde Fenster, Bullaugen wie auf einem Schiff. Hartmut sagte, man kann an meinem Klavierspiel hören, dass ich Lyrikerin sei, allein an meinen Händen, an meinem Anschlag könne man es sehen. Er hatte sich so gesetzt, dass er meine Hände sehen konnte. Er sagte, im Klang zwischen meinen Fingerkuppen auf den Tasten sei Leidenschaft. Er möge weder das Donnern noch das Säuseln mancher Pianisten. Ich würde das große Bild erkennen, Lyrik mit Rückgrat und Tiefe spielen, glockenhell und auch mit tiefem Bass, er würde selten so eine Energie in Lyrik hören. Er wollte auch meine Nationalität wissen, er dachte vielleicht, ich sei Schwedin und spreche sehr gut Deutsch. Da ich vorher in dem Raum geübt habe einige Stunden am Vormittag, habe ich barfuß Pedal getreten. Anschließend aßen wir in der Kantine des Theaters. Währenddessen läuft auf einem Bildschirm die Bühnenprobe, Durchsagen sind ein normales Hintergrundgeräusch. Ich habe viel erfahren über das Leben am Theater: die Arbeit des Intendanten: der Hauptleiters, der auch Regisseur ist, die Arbeit der Inspizientin, des Bühnenmeisters, des technischen Leiters — auch die Beleuchtung ist in erster Linie künstlerische Arbeit für mich. Es ist schön, wenn Technik und Kunst dicht zusammenfallen — das ist bei Kunst immer der Fall.
Am Nachmittag regnete es, so besuchten wir das U Boot Wilhelm Bauer in Bremerhaven — es war eng und wie ein Zwergenboot innen, man kann kaum glauben, dass dieses U Boot im Zweiten Weltkrieg als gefährliche Waffe gedacht war. Dann gingen wir ins Mediterraneo, teuer, da kein Outlet, aber im italienischen Stil. Am nächsten Tag wollen wir den Zoo am Meer besuchen, auch wenn ich eingesperrte Eisbären, Pinguine und Puma nicht mag — ich spüre ihre traurigen, zerbrochenen Seelen und fühle, dass sie den Lärm hassen wie ich. Ich erinnere mich zu sehr an die bernsteinfarbenen, leuchtenden Raubtier-Augen der wilden, schönen Löwin im Nationalpark Uganda, dem Murchison Falls Nationalpark auf meiner Safari 2006 — das ist kein Vergleich zu irgendeinem Augenpaar in irgendeinem Zoo. Heute abend gehen wir in das Berliner Musical Linie 1. Überall sehen wir auch die Besucher des Kirchentags in Bremen — so nah — und haben plötzlich Gospel CDs geschenkt bekommen. Das Meer hat jeden Tag ein anderes Gesicht, ein anderes Gemüt, eine andere Würde, wenn ich am Deich spazierengehe zu den unterschiedlichsten Tageszeiten, zu Zeiten von Ebbe und Flut, zu Zeiten von großen Dampfern und kleinen Sportschiffen, in den Farben Dur und Moll. Ich spiele auch jeden Tag anders — jeden Tag andere Farben.

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21. Mai 2009

Wenn ich dachte, dass im künstlerischen Bereich viel Konkurrenz sei, da habe ich nicht gewusst, was für enormer Konkurrenzdruck im wissenschaftlichen Bereich vorliegt. Dennoch finde ich gerade die Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft spannend, auch zwischen der historischen und der systematischen oder psychologischen Musikwissenschaft von Universität und Musikhochschule.

19. Mai 2009

Es ist schön, Konzerte in seiner Umgebung zu geben: Blumen, die ich direkt mitnehmen kann, nach dem Essengehen gleich heimfahren können, nachbestellte CDs abgeben, wenn ich nicht genügend dabei hatte — sehr entspannt. Allerdings bin ich auch gerne ab und zu in grossen Städten wie Berlin. Übermorgen nach meinem Vormittagskonzert spiele ich dem Chef der Stadthalle Bremerhaven vor. Anschließend bin ich in Stuttgart bei meiner Schwester und besuche Kollegen, schaue mir eine TV Sendung hinter den Kulissen an. Danach spiele ich Filmmusik mit Schauspielern vom Bayerischen Fernsehen ein. Aber all dies läuft nebenbei, da ich für Wettbewerbe übe und nach einem Jahr meine Magisterarbeit für Musikwissenschaft schreibe. Die Analyse der Werke habe ich meistens in den Fingern, als ob diese mein Mund wären und sprechen könnten.

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12. Mai 2009

In Würzburg, als ich eine Frau im Rollstuhl unterrichtete, klingelte ein Nachbar, der betrunken war, bat, dass ich etwas spielen würde und weinte, als er zuhörte. Es ist schwer für mich, auf der Bühne verletzlich zu sein, doch im normalen Leben stark. Das ist für manche Menschen im normalen Leben nicht leicht, zu tragen, denn im normalen Alltag sind Künstler oft entweder ganz anders, scheu und ruhig, oder sie brauchen diese Aufmerksamkeit, Zuneigung und Liebe auch im Alltag im besonderen Maße zum Ausgleich, sich zu erholen.
Bremen ist die Partnerstadt von Riga, daher sieht man in der Stadt auch die Bremer Stadtmusikanten als Denkmal in der Nähe des Schwedischen Tores. Die russisch- orthodoxen Kirchen, die ich das erste Mal in Riga bewusst besuchte, und dies zufällig zu Gottesdienstzeiten, schwimmen in einem starken Weihrauchduft. Die Räume haben eine vollgestopfte kindliche Süßlichkeit, erfüllt von dem entfernten monotonen, unverständlichen Gesang von Priestern, teilweise „off tune", wenn andere einsetzen.

11. Mai 2009

Meine Zeit ist zuende in Riga, ich fliege heute zurück nach Frankfurt, dann nach Mainz. Gestern besuchten Dace und ich das große ethnographische Open-Air Museum am Jugla See, ähnlich wie in Litauen in der Nähe von Siauliai, in dem, da Muttertag, stundenlang lettische Tänze in traditionellen Gewändern aufgeführt wurden, Kokle Spielerinnen zusammenspielten, wir lettisches Bier tranken, mit Prieka! anstießen und Pirags aßen, bevor wir zum internationalen Gottesdienst in der Nähe der Musikschule per Taxibus fuhren. Konzerte und Meisterklassen sind vorbei. Am späten Abend feierten wir noch Abschied. In vier Stunden fliege ich los, wir frühstücken noch zusammen in der Akademie.

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8. Mai 2009

Zaiga (Zaiga mit weichem s ausgesprochen; im Schwedischen gibt es kein weiches s), Kokle-Spielerin und Campus-Mitarbeiterin, wird mich heute und morgen auf dem Meisterkurs ins Lettische übersetzen. Mir ihr bin ich gestern durch das nächtliche Riga geschlendert. Leider gibt es keinen lettischen Wein.

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Wenn statt Englisch und Schwedisch in meinem Kopf vermischt, mein Gehirn allmählich versteht, was was ist und ich in Schwedisch nun zu denken beginne, freue ich mich. Die lettische und litauische Volksmusik berührt mich sehr. Ich liebe es, neue Klänge zu hören. Volksmusik und Chormusik formen eine Nation. Maya von Patel schreibt: „Die Seele eines Landes liegt in ihrer Musik. Ein Land, welches seine Musik verkauft, ignoriert oder dem Kommerz preisgibt, verdient es, Coca Cola als Folge zu haben.“ Es macht Spaß, mit Dace Violin-Stücke vom Blatt zu spielen im Herzen von Riga, denn Riga ist so romantisch in sich, an sich, dass auch ein verstimmtes Klavier nicht stört: Wokaliza von Rachmaninov, russische Komponisten. Auf dem Turm der St Petera Baznica stand ich zwischen Schweden und Deutschen und innerlich symbolisch zerrissen. Wie angenehm der schwedische Klang, die Melodie ist — eine Offenbarung, sie zu verstehen. Die Gruppe der Sachsen und Deutschen dagegen klang so hart und konservativ, dass ich abgeschreckt war. Warum sage ich eigentlich nicht, dass ich halbdeutsch bin? Das stimmt genauso. Kommt mein Fernweh vielleicht daher, dass ich eigentlich schwedisch bin und im falschen Land wohne? Eine Sprache macht sich nicht nur durch Worte aus, es sind auch die Schnauber durch die Nase, sogar das Seufzen, dass im Schwedischen so anders und weich klingt. Daher formt eine Sprache das Herz des Menschen, des Landes. Dennoch liebe ich Deutschland und werde es nicht verraten. Da stand ich mit meiner schwedischen Tasche zwischen Russen, Japanern, Amerikanern. Als ich die Kirche verliess, kam mir ein Mann entgegen und murmelte: ah, svenska — als er mich sah.

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Ich lief über eine der großen Brücken, die Steinbrücke, die sich über den breiten Daugava Fluss spannt hinter dem Ocupation Museum, und kam mir vor wie damals, 2002 in New York, auf der Washington Bridge über den Hudson River, nur dass diese Brücke viel niedriger war. Ich liebe Brücken trotz Höhenangst. Dort, wo Wind und Sonne die Wasseroberfläche berühren und küssen, antwortet sie mit vielen Lippen und Mündern, die sich immer wieder neu formen und Gold auf ihren Rändern zeigen. Eigentlich ist diese Schönheit zu verwirrend, zu viel für einen Menschen: die Antwort des Wassers auf Sonne und Wind — und doch nur sichtbar, wenn ein Mensch genau hinsieht. Es gibt so viel überwältigende Schönheit, die noch nicht wahrgenommen wird.
Rigas Geschichte ist schwer und traurig, denn erst 1991 war Lettland eine freie Nation, also lange nach dem Zweiten Weltkrieg. Zaiga hat als Kind noch erlebt, dass das Ausland Russland war und die Grenzen zu.
Zurück spazierte ich die Freiheitsstrasse am Park entlang, die Brivibas Allee. Wie schön, dass auch Riga eine Freiheitsstatue hat. Ich kenne mich mittlerweile in dieser Fast-Millionen-Stadt ganz gut alleine aus, zu Fuß und mit Tram. Und wenn ich einmal alleine bin, dann rufen sich Zaiga und Ilze gegenseitig an, ob ich wann und wo und wie gut angekommen bin. Ein Lit ist mehr wert als ein Euro, und 3.50 Lit sind schon über 5 Euro, während es in Litauen genau anders herum ist, 3.50 Lat sind erst ein Euro — wenn man zwischen diesen Ländern hin und her pendelt, darf man da nicht durcheinander kommen, da die Dinge, die man für umgerechnet 5 oder 1 Euro kaufen kann, oft auch noch gleich sein können. Die meisten Balten haben untereinander kaum etwas miteinander zu tun. Unser Lieblingsplatz ist ein kleines zweistöckiges Teehaus mit großen Glasfenstern in der Nähe der Akademie und der Oper am Vermanis Park. Man trinkt im Liegen auf dicken Kissen seinen Tee, isst Schokolade mit Honig und schläft fast ein oder sieht auf den Kanal von Riga und die kleinen Boote. Der Strand von Jurmala ist einsam und wundervoll, die Stadt selbst ein kleiner Kurort, das „russische Paradies“ mit sehr wertvollen Häusern und Autos von reichen Russen, das schockierende Gegenteil vom Zugbahnhof in Riga, auf dem ich viele Arme, Resignierte und Betrunkene gesehen habe; in den Zügen, in die man hineinklettern muss, verkaufen sie in langen russischen Litaneien Zeitungen, Eis, Blumen. Bevor ich verstand, dass die Quittung mein Zugticket war, hatte ich beinahe mein „Ticket“ weggeworfen. Wir fuhren über den großen Daugava, der viel größer noch ist als der Rhein, und den Lielupe ("Großer Fluß"), der direkt ins Meer fließt. Als Zaiga und ich in Jurmala ankamen, trafen wir auch auf einen menschenleeren Strand, da die Saison erst im Juni beginnt. Es war sonnig und windig, Bernstein wird wohl in Massen an den Strand gespült laut den Geschäften. Es tut mir gut, schweigend auf das Meer und in den Himmel zu sehen und das Rauschen der Wellen zu hören. Ich mag das Beängstigende, Gezähmte des wilden Meeres, als hätte Gott es nur angestupst und nun rollt es von alleine. Immer noch spüre ich dumpfes Fernweh, wenn ich in der Ferne Schiffe sehe, noch dazu, wenn ich weiß, dass hinter dem Horizont Skandinavien liegt.

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10. Mai 2009

Heute fand die Improvisations Meisterklasse auch in der Musikakademie statt, da dort die Kokles in einem Extra-Raum stehen. Wir improvisierten diesmal direkt in einer größeren Gruppe mit zwei Kokles, Akkordeon, Klavier, Geige und Gesang — eine solche Kombination habe ich noch nicht erlebt. Mir sind die Tränen gekommen. Warum wird etwas so Wichtiges und Schönes so selten gemacht? Besonders als die Geigerin einsetzte, konnte ich mich kaum beherrschen. Ich habe das Gefühl, ich bin durch eine neue Tür hindurchgegangen. Es ist emotional sehr anstrengend für mich, höre, leite, führe, aber möchte und muss gleichzeitig vor allem anleiten, dass die jungen Musiker vor Ort selbst wissen, wie sie sich führen können.
Wir sprechen viel in meinem Improvisationskurs miteinander, da durch die Musik so viel ausgelöst wird. Ich war erstaunt, die „Mutter“ des Kokles zu sehen: eine Art Holz-Zither, wie eine Gitarre klingend, ein uraltes Instrument, vielleicht das Instrument Davids, ein nationales Instrument, das das Herz der kleinen Nation trägt. Auch Finnland hat ein ähnliches Instrument, allerdings chromatisch. Kokle selbst wird nun sogar mit Mikrofonen gebaut und mit Klappen, damit es lauter klingt, und ist ein diatonisches Instrument. Natalija spielte uns ihre eigenen Stücke vor, Stücke, wie die Letten von den Russen nach Sibirieren verbannt worden sind, so wie Israel damals nach Babylon verbannt wurde, und wie sie zurückkamen. Auch mich bewegte das sehr, denn auch ich fühle mich als Künstlerin verbannt und warte auf Leben und Gerechtigkeit. Durch das Improvisieren kommt oft die Frage nach Glauben und Gott hoch, und in einer kleineren Gruppe von Musikern ist es noch einmal anders als in einer gemischten Gruppe. Aber was für Menschen auch immer aufeinander treffen, ist empfinde es als inspirierend, wichtig, geführt, und ich würde niemanden ausschließen. Ich habe erlebt, dass Menschen, die kein Instrument spielen und Zweifler sind, so wunderschön improvisiert haben, dass ich fast weinen musste, denn sie haben eine Offenheit, eine Ehrlichkeit, eine kindliche Art zu suchen, die notwendig ist, um Kreativität „aus der Flasche zu holen". Sie verbannen Scheu und unguten Ehrgeiz. Die Musik rollt irgendwann von allein, wenn man sie anstupst.
Am Abend des Tages war Feuerwerk in Riga, da dies der Erinnerungsabend des Sieges der Russen ist, und in langen Märschen marschierten die Russen teils sehr betrunken und schreiend zum Siegesdenkmal. Das ist schwer für Lettland, zu ertragen. Sie fürchten sich oft und bleiben in ihren Häusern, vor allem die Mädchen und Frauen. Ich finde es sehr schade und traurig, vor allem, weil es so viele ganz junge Russen sind, die durch die Stadt laufen, „Nacija“ schreien, singen und rote Flaggen schwingen. Zuerst dachte ich, sie schreien Vacija, was Deutschland heisst. Manche Letten sagen, sie würden sofort erkennen, ob jemand russisch ist, andere sagen, das sei unmöglich. Aber die russische Sprache ist viel dominanter und härter als Lettisch, und es ist schwer für Lettland zu vergessen, was Russland Lettland angetan hat, und wie groß, nah und gefährlich Russland nach wie vor ist und präsent im eigenen Land, in Lettland. Es ist unsicher, auf nächste Generationen zu warten, die anders sein könnten, wenn so viel Hunger da ist auf jedem Gebiet, vor allem in der Krise. Aber ich sehe auch eine Leidenschaft in ihren Augen, eine Wildheit, die ich oft woanders sehr vermisse, dort, wo es immer brav und nach denselben Regeln zugeht, ohne Entscheidendes zu verändern. Auch Zaiga hatte Angst, da dies eine organisierte Feier ist. Als ich nach Hause kam und singend das Treppenhaus hochlief, lief Ilze mir warnend entgegen, eine betrunkene Frau läge im Treppenhaus und schlief. Wir weckten sie, aber sie konnte nichts sprechen und schlief sofort wieder ein.

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9. Mai 2009

Die Improvisations-Meisterklasse in der großen weißen Agenskalns Kirche am anderen Ende der Stadt und des Flusses war ein Genuss. Ich hatte einen kleinen braunen Flügel, einen babygrand, und sprach in deutsch und englisch, da Amerikanerinnen da waren; Zaiga und Ilze übersetzten ins Lettische. Es war eine junge Russin da, die nur Russisch verstand, so wurde ich von Natalija Munda, einer jungen Komponistin, ins Russische übersetzt. Es ging dadurch alles ein wenig langsam und doch geordnet zu. Ich erzählte darüber, was für mich als Musikerin Kreativität bedeutet, sowohl in der Interpretation klassischer Werke als auch in ganz neuen, eigenen Wegen: in Komposition, Improvisation und Songwriting. Wie lange der Prozess bei mir gedauert hat, mich zu trauen, Neues zu wagen und zu finden, kreativ zu sein außerhalb von Leistungsdenken, Bewertung, Wettbewerben und Konkurrenz, mich zu lösen von der Norm, auch von den festen Rahmen von Musikhochschulen und CD-Einspielungen, wie etwas zu sein, zu klingen hat. Ich merke, dass ich immer noch emotional und selbst sehr bewegt darüber spreche. der Prozess dauerte deswegen lange Jahre, da Kreativität mit einem selbst zu tun hat, damit, wer ich bin. So ist der Prozess der Kreativität, der Improvisation, Teil meines Seins, meines Wesens, meines Lebens. Für mich ist es besonders inspirierend und dringlich, zu jungen Musikern zu sprechen. Sie verstehen mich vielleicht noch einmal in einer ganz anderen Tiefe. Ich sprach auch davon, was für Regeln zu beachten sind, auch in Technik, Harmonien, in der Logik einer Sprache, da Musik Sprache ist, auch dort muss man Grammatik und Verben kennen. Zuerst übten wir, in zwei Harmonien zu bleiben und zu improvisieren.

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Liene, eine Akkordeonistin, improvisierte wunderschön und sang ein eigenes Lied dazu in wehmütigen, doch goldenen, hoffnungsvollen Klängen. Sie erzählte, sie hätte zuerst ein Bild im Kopf gehabt: eine Prinzessin, die weint, die Tau auf ihrem Gesicht hat. Es kam ein Mann und sagte: Warum bist du so traurig, Prinzessin? Der Tau steht dir nicht. Aber die Sonne steht dir! Weine nicht mehr, die Strahlen der Sonne werden den Tau auf deinem Gesicht trocknen. — Aus diesem Bild entstand eine Melodie, dann der konkrete Text. Ich war überwältigt: es klang so schön in Lettisch, und ich hatte den tiefen Eindruck, dieses Bild sei für mich persönlich.
Ein weiteres Puzzlestueck in meinem Leben wurde eingefügt und berührte meinen Geist, so dass meine Seele zu meinem Geist spricht und sagt: Trink, iss! Nimm es auf! — Als würde ich mich selbst anflehen, zu nehmen und zu essen.

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Am Abend des Tages hatte ich in einem Restaurant in Altriga ein wichtiges und wertvolles Gespräch mit Liene, der lettischen Akkordeonistin, die nun nach Helsinki geht. Es war ein Geschenk, mit ihr zusammen zu improvisieren. Es floss dahin wie ein samtener, ruhiger Fluss, der auf einen Ausbruch an Lebendigkeit wartete, eine positive angenehme Trägheit. Ich hätte nie gedacht, dass Akkordeon ein so herrliches Instrument ist und so gut harmoniert mit Klavier. Jedes Instrument ist eine Gabe des Himmels, wenn es gut gespielt wird — jedes Instrument. Liene erzählte mir, dass sie erst mit zehn Jahren begann, und da blieb für sie damals nur das Akkordeon übrig in der Musikschule. Und nun ist es ihr Instrument — ein seltenes. Es ist berührend zu sehen, wie diese zarte, kleine Frau ein so grosses Instrument beherrscht und auf den Knien hält. Da hat sich jemand was besonderes ausgedacht! Es ist nicht leicht, zu seinem eigenen Instrument zu stehen; es ist oft eine Art Hassliebe, auch bei mir zum Klavier. Viele Musiker haben insgeheim eine Liebe, eine Sehnsucht zu einem anderen Instrument, zum Beispiel viele Geiger nach dem Klavier; viele Pianisten sehnen sich nach der Geige, ich auch.
Die Basis für die Improvisation ist natürlich die Stimme. Eine lettische Pianistin sang mit heller, fast schneidend schöner Stimme ein lettisches Lied. Ihre Klänge sind in angenehmer Weise melancholisch. Sie wiederum hatte zuerst die Melodie und dann den Text, allerdings fast gleichzeitig.

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Ich sang zum Schluss des Workshops ein Lied von mir, das ich 2004 geschrieben hatte in den USA, mein erstes Lied — während meines Studiums an der Arizona State .. die Anfänge, das direkte Komponieren. Und danach sang ich eins von diesem Jahr und eins von letztem. Wie so oft begegnet mir, dass die Menschen bewegt sind, weinen, lange brauchen, bis sie sprechen können. Die Lieder sind Teil von mir und kommen direkt aus mir. Sie sagten, es sei kaum ein Vergleich zu den Liedern von vor 5 Jahren und den Liedern jetzt. Die Lieder, die ich jetzt schreibe, seien Kunst und dennoch eingängig.
Allmählich trauten sich fast alle, vierhändig, alleine und miteinander zu improvisieren. Ich gab ihnen Vorschläge, wie sie es üben konnten, zu improvisieren und kreativ zu sein, bevor sie zu zweit aufeinander treffen, wer dann wiederum leiten sollte und wie, und wie man überhaupt beginnen kann. Der nächste Schritt, Songwriting, das Aufnehmen von Melodien und das Arbeiten daran, erfolgt oft instinktiv daraus, wenn man beim Improvisieren zuhört und sich hingibt. Falsche Töne in dem Sinne existieren nicht.

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(Meine Augenfarbe wechselt je nach Licht und Stimmung.)

7. Mai 2009

Ich bin seit gestern nachmittag zurück in Riga. Der Frühling hat hier viel später begonnen. Vor lauter fremden Computern und Klaviertastaturen kommt mir mein eigener Laptop fremd vor: instinktiv weiche ich dem z aus und schreibe Umlaute aus. Aber ich bin froh, dass ich mein macbook mitgebracht habe. Der Bus von Klaipeda über Siauliai nach Riga brauchte fast 5 Stunden. Ich schlief die ganze Strecke. Nur als wir über die Grenze fuhren, wachte ich auf. Dabei kenne ich die kleine Grenze ja längst. Gestern abend zeigte mir Dace ("daze") das Opernhaus in Riga. Es ist groß, weiß und wunderschön. Dace spielt im Orchestergraben in der Gruppe der ersten Geiger. Die Pianistin Ilze, die aus Cesis kommt, und ich wohnen bei ihr. Dace führte mich in die Künstlerkantine, wir tranken etwas zusammen mit der Pianistin des Opernhauses, die sehr gut Deutsch spricht. Beide haben früher hier in der Akademie in Riga studiert. Es erinnerte mich an das Nürnberger Opernhaus, in dem meine Schwester spielt. Sie ist auch Geigerin der ersten Geiger. Ich sah gestern das russische Ballett The Fountain of Bakhchisary von dem Komponisten Boris Asafjev. Eine traurige, aber ergreifende Geschichte; eine Legende.
Als mich Dace während der Pause in den Orchestergraben führte, sah ich all die großen und dünnen Tänzerinnen, die für den zweiten Teil als Bauchtänzerinnen gekleidet und sehr geschminkt waren. Sie machte ein Foto von mir, als ich auf das Dirigier-Podest kletterte und ein unsichtbares Orchester dirigierte.
Gestern noch bin ich auf der Kursiu Nerija aufgewacht (Kurische Nehrung), der Halbinsel-Zunge im Baltischen Meer, oder für uns Ostsee, die sich bis nach Russland hinstreckt. Ich war noch nie so nah an der Russischen Grenze. Die große Sanddüne, die Parnidener Düne in Nida, früher Nidden, alles ehemalig deutsches Gebiet, ist nur ca. 2 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, allerdings vom winzigen, verstreut liegenden Teil von Russland: Kaliningrad. Ich sehne mich sehr, Russland zu sehen. Aber ich hatte natürlich kein Visum. Ich dachte noch kurz daran, ob ich vielleicht über die Sanddüne heimlich nach Kaliningrad wandern könnte.
Nach Nida zu kommen, ist eine Art Odyssee. Zuerst fuhr ich von meinen Verwandten früh mit dem Zug von Telsiai nach Klaipeda. Dann mit der kleinen Fähre über den Fluß Dane, der bereits zum Meer gehört, auf die Kurische Nehrung. Es ist noch nicht Saison und es war unterhalb der Woche, so dass ich die einzige war. Keiner spricht dort Englisch. Man kommt mit Deutsch etwas besser voran. Der Strand in Smiltyne war menschenleer. Es war trotz Sonnenschein sehr windig. Ich legte mich in den Sand, mit dem Gesicht in die Sonne. Ein langer, menschenleerer Strand um mich rum und rauschende Wellen im Wind, der meinen weißen Rock aufblähte.
In Smiltyne traf ich zwei Russinnen, die in Oslo Kunst und Journalismus studieren. Sie fuhren nach Hause. Sie hatten Ferien. Die eine fuhr nach Minsk und die andere nach Kaliningrad. Der Bus nach Kaliningrad stand neben meinem nach Nida, zum Greifen nah. Eine Minute lang dachte ich, ich wechsle den Bus und fahre mit ihnen nach Kaliningrad. Ich fühlte wieder die Sehnsucht nach Russland. Von Kaliningrad war es nur ein 40-Minuten-Flug nach Weissrussland. Ich bräuchte also zwei verschiedene Visa. Sie sprachen Schwedisch-Norwegisch mit mir, und ich antwortete in Englisch. Verstehen ist leichter als Sprechen. Wie schön klingt Schwedisch auch mit russischem Akzent! Wie schön muss es sein, eine Weile in Stockholm zu arbeiten!
Von Smiltyne fuhr ich mit dem Bus in die größte Stadt der Kursiu Nerija (auch Landbrücke genannt), nach Nida — über Preila und Pervalka, vorbei an den „toten Dünen". Das berühmte Dolphinarium hatte leider auch geschlossen.
Nida selbst erinnert mich an die Nordseeinseln Langeoog und Juist, auf denen ich mit meiner Familie als Kind jedes Jahr gespielt habe. Die kleine Stadt mit circa 2000 Einwohnern liegt direkt am Kurischen Haff, einem Teil der Ostsee, mit Sandstränden, niedlichen bunten Häusern, frischer Luft, wenigen Autos, dafür Pferdekutschen, schwedische rot-weiße Häuschen mit Sauna, viele Fischerboote, große Sanddünen, viele Kiefernwälder.
Thomas Mann war hier in Klaipeda 1930-1932. Ich habe sein Haus besucht, froh, dass es überhaupt geöffnet war außerhalb der Saison. Eine Frau zeigte mir persönlich alles, sprach fließend Deutsch. Sie erzählte mir viele Dinge, die ich nicht wusste und die ich eigentlich wissen müsste. Er war verheiratet mit einer Jüdin und verließ schon 1933 Deutschland, emigrierte nach Amerika. Ich wurde plötzlich traurig. Hätten das doch alle gemacht! Es bedeutete, dass sie alles zurücklassen mussten und erst 13 Jahre später heimkämen. Thomas Mann hat sein Haus in Nidden nie wieder gesehen; es war fast zerstört worden. Es gehört nun Litauen und wird als Museum genutzt. Ich sah seine Fotos und Schriften. Sein Schreiben ist im Vergleich zu meinem maskulin, erwachsen. Mein Schreiben dagegen kommt mir feminin, hungrig, kindlich vor im Vergleich. Es kam mir vor, als würde ich erneut einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte erspüren. Selbst hier, in einer Gegend, die mir überhaupt nicht deutsch vorkam, sah ich Spuren der deutschen Geschichte. Hätte es auf dem Plateau nicht angefangen zu regnen, hätten mich einheimische Frauen nicht zufällig mit dem Auto nach unten genommen, hätte ich die letzten 15 Minuten Thomas Mann Haus verpasst.
So verpasste ich aber die letzte Fähre zurück aufs Festland. Es wurde bereits kühl. Als ich das Plateau der Sanddüne erklommen hatte, fing es bereits, kaum dass ich oben war, zu regnen an. Ich wusste nicht, wo ich übernachten sollte. Alles war geschlossen. In einem Cafe erzählte ich, was passiert war. Als erstes wurde an mir herumgezupft, ich bekam gegen meinen Willen eine Tasse Kaffee und schwarzen Tee nach dem anderen, und ich wusste, dass ich jetzt sowieso nicht mehr würde schlafen können. Schließlich fand sich ein nettes goldiges russisches Ehepaar, bei dem ich übernachtete. Dafür war ich sehr dankbar. Leider waren die Umstände für mich so, dass zuerst an Schlafen nicht zu denken war. Durch die Wand hörte ich lautes russisches Fernsehen, der Kaffee hielt mich wach, und es tickte eine Uhr lauter und immer lauter in meinem Ohr. Eine tickende Uhr ist nachts für mich das Schlimmste. Sie wird immer lauter und rhythmischer. Schließlich begab ich mich auf Uhrenjagd. Kaum hatte ich eine von der Wand genommen und eliminiert, indem ich die Batterie herausnahm, hörte ich irgendwo eine andere. Schließlich hatte ich alle Uhren entfernt, der Fernseher schwieg und allmählich ließen der Kaffee und mein Heimweh nach, und ich schlief ein. Irgendwo in der Ferne hörte ich die rauschenden Wellen des Meeres und etwas Regen an meinem Fenster.
Nachts kann ich manchmal meine Hände fühlen. Ich spüre ganz deutlich, dass sie da sind, schwer wie Blei, obwohl sie klein sind.
Um 7 Uhr früh wollte ich nach dem Frühstück noch einmal auf die Sanddüne steigen und den Sonnenaufgang sehen, falls es einen gab, bevor ich mit dem Bus zurück nach Klaipeda und dann zurück nach Riga fuhr. Der russische Mann sprach etwas Deutsch. Er erzählte mir, seine Frau sei litauisch, und er selber habe keinen russischen Pass mehr. Um seine Geschwister in Kaliningrad zu besuchen, nicht weit von hier, müsse auch er ein Visum kaufen. Das fände es so absurd, dass er sich keines kaufen würde. Es sei auch zu teuer. Ich sagte ihm, er solle doch, um seine Familie zu sehen, wenigstens einmal im Jahr das Visum kaufen, auch wenn er es nicht gut fände (für mich kostet das Visum um die 70 Euro und ist einen Monat gültig). Aber egal, in wievielen Umschreibungen ich dies sagte, er „verstand“ plötzlich mein Deutsch nicht mehr. Ich sehe, dass das Zusammenleben von Russen und den Balten, so nah aufeinander, nicht leicht ist. Die Russen fühlen sich nur in Russland oder in ihrer russischen Familie zu hause. Und das russische System ist noch immer unsichtbar in der Luft. Auch ich muss manchmal daran denken, dass mein Vater in russischer Gefangenschaft war während des Krieges. Ich frage mich, obwohl ich wenig darüber weiß, ob das nicht unbewusst einen gewissen Widerwillen manchmal hervorruft in mir, selbst in mir, trotz meiner Sehnsucht und meiner Liebe der russischen Musik, der Opern und Ballette, der Texte, der Kunst, der Leidenschaft, der Geschichte Russlands. Kaliningrad war früher Ostpreußen und ist damit auch Teil „meiner deutschen Geschichte", wenn auch so lange vor mir.

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Ich liebe Geschichte, Städte, Menschen, die altertümlich und jung, umgekommen und wieder aus Asche und Ruinen auferstanden sind. Sicher sind Moskau und St Petersburg noch interessanter. St Petersburg soll etwa sein wie Riga oder Krakau. Beide habe ich gesehen, und doch glaube ich, dass diese Vergleiche nicht stimmen; denn Vilnius und Kaunas, die ich letztes Jahr gesehen habe, sind nicht wie Rom, wie manche sagen.
Ich klettere um sieben Uhr früh auf die Sanddüne in Nidda am Haff, die ca. 60 Meter hoch ist. Der Sand war vom Regen kalt und nass, und kurze Zeit später hatte ich eiskalte Füsse. Mit meinen hellroten Lederschuhen mit Absatz aus Berlin konnte ich nicht laufen, sie würden sofort zerstört werden. Also ertrug ich 40 Minuten lang die Kälte und setzte mich ab und zu in den Sand, um meine Füsse mit den Händen zu wärmen. Ich sah einen wunderschönen Sonnenaufgang, ein einsames Fischerboot auf dem Meer und überall frische Abdrücke im Sand. Vielleicht konnten mich die Fischer von ferne sehen. Ich fragte mich, ob ich einem Bären oder einem Wolf begegnen würde, denn manche der Abdrücke konnte ich nicht deuten, sie waren groß und keine menschlichen. Was würde ich machen, wenn ich hier oben einer Gefahr begegnete? Mit kalten Füssen im nassen Sand konnte ich nicht mal rennen. Dennoch saß ich da und machte zitternd Fotos mit meinem Handy und war überwältigt von der Schönheit.

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Wenn ich Straßenschilder sehe mit Städte-Namen, wie Palanga oder Siauliai oder Ryga, dann kommt es mir vor, als sähe ich Namen von Personen, die es kennenzulernen gilt.
Bei meinen Verwandten in Degaiciai, einem kleinen Dorf in der Nähe von Telsiai, wird alles durcheinandergesprochen. Mein Onkel Clas spricht Schwedisch mit Clas Aleskas, meinem kleinen Cousin, der im September acht wird, und seine Mama, Maryte, spricht naürlich litauisch mit ihm. Und die beiden Eltern sprechen Englisch miteinander. Das heisst, dass Clas Aleksej dreisprachig aufwächst. Aber nicht nur das, Clas Aleksas spricht noch eine vierte Sprache fließend: Deutsch. Diese spricht er etwas mit Akzent, aber würde ich ihn mitnehmen nach Deutschland, er würde es sofort akzentfrei sprechen lernen. Schwedisch und Deutsch sind etwas ähnlich. Er lernt es über das deutsche Fernsehen, Kika. Er spricht sehr gerne Deutsch mit mir. Es ist manchmal schwer für mich, zu sehen, dass ein so hochbegabtes Kind in einem Dorf außerhalb der Welt lebt, von Hunden, Küken und Wiesen umgeben. Selbst innerhalb von Litauen kennen die Menschen bereits Telsiai nicht mehr. Die Schule meines kleinen Cousins sieht aus wie eine vor hundert Jahren aus einem Film.

3. Mai 2009

Das Konzert in der Kirche in Ginkunai war trotz Sonnenschein sehr gut besucht. Ich hatte standing ovation. Am Anfang dachte ich, der Estonia Flügel bricht unter mir zusammen, und das Pedal quietschte, aber dann ignorierte ich alles, was stört, das geht, auch für das Publikum, und ich tauchte ein in das Herz der Musik. Ich liebe es, Effekte mit dem linken Pedal zu kreieren, transparente Klänge in weichen Nebel zu hüllen. Aber dazu brauche ich einen Steinway oder einen ähnlich guten Flügel. Zwischendurch erzählte ich von meinem Leben (wobei ich manchmal nicht weiß, ob ich deutsch oder englisch rede), und wurde von Ramone ins Litauische übersetzt. Der Wechsel zwischen Reden, Warten, Singen und Spielen ist nicht immer leicht, denn die klassischen Werke brauchen meine volle Aufmerksamkeit, wenn ich sie auswendig spiele. Für mich am wichtigsten und schönsten war das Improvisieren „aus dem Bauch heraus", was ich in dem Moment fühle und wahrnehme, und was herauskommt, ist für mich selbst eine Überraschung. Heute waren meine Improvisationen wie rufende, warnende Glocken. Für viele Menschen sind meine Lieder und Texte das Schönste im Konzert, aber viele geniessen es auch, Haydn und Franck und Chopin zu hören. Für mich sind diese Komponisten nicht Musik „aus einer anderen Zeit", sondern so, als würde ich sie jetzt auch improvisieren.
Meine Verwandten in Telsiai zu besuchen, ist für mich ein wichtiger Punkt meiner Reise. Über die Musik kann ich oft besser kommunizieren als über Sprache im herkömmlichen Sinne. Es ist für mich selbst erstaunlich, wie schüchtern ich sein kann, wenn es wirklich drauf ankommt.

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2. Mai 2009

Mein erster Improvisationskurs war heute in Siauliai, Litauen:
eine Gruppe junger Menschen aus Kanada, USA, der Schweiz, Deutschland und Litauen hörte zu. Es ist erstaunlich, wie schüchtern und reserviert die Litauer teilweise sind. Auch die Schweizer sind eher still und abwartend. Dennoch spüre ich, wie wichtig es ist, was ich weitergeben möchte. Ich habe Deutsch und Englisch geredet und wurde ins Litauische übersetzt.
Die Fahrt von Lettland nach Litauen über die kleine Grenze eine Stunde hinter Riga lief ruhig und schön über Land durch Joniskis nach Siauliai (gesprochen „showlay"), der viertgrößten Stadt Litauens. Ich bin irgendwann im Auto eingeschlafen. Die drei Baltischen Länder sind nicht dicht besiedelt, überall viel grünes Land. Der Tag, an dem ich in Riga ankam, war der erste schöne, sonnige Tag. Ab jetzt hatten wir nur wunderschönes Sonnenwetter, allerdings mit viel Wind. Die Winter sind hier noch oft sehr dunkel und kalt, und ist der Alkoholismus (und sogar noch das illegale Brennen von Branntwein) erschreckend um sich wütend.
In Litauen wohnen weniger als 10 Prozent Russen; das fällt auf in der Identität der Bevölkerung. Leider haben die Länder wenig miteinander zu tun; die osteuropäischen Länder oft generell wenig miteinander. Die Sprachen sind unterschiedlich, aber sonst haben sie eigentlich sehr viel gemeinsam. Die Missionare und ausländischen Künstler hier haben es nicht leicht mit der Tatsache, dass sich natürlich die Balten nicht wiederum jemandem beugen wollen, weder den Deutschen noch den Russen noch der EU. Es dauert, bis Vertrauen aufgebaut ist.

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Lettische und litauische Wohnverhältnisse zu sehen, ist berührend, sehr unterschiedlich. Zuvor habe ich eine Radtour mit den jungen Leuten der Kirche gemacht, wir sind 47 Kilometer insgesamt über Land gefahren durch Kairiai. Die Wege waren Sand, Schotter, Steine bei Gegenwind. Wir sind mit den Rädern zum Ferienhaus von Markus gefahren, haben dort gegrillt. Er schon lange aus Deutschland hier. Die Häuser hier sind sehr billig gewesen vor der Krise, mit Sauna und Ofen und Stall und Grundstück, wunderschön; er hat dort eine Hannoveranerin namens Wasera, und Ziegen. Ich habe das Pferd gefüttert und gestriegelt. Sie bekommt ein Fohlen. Wir haben in dem Haus übernachtet, es war kalt nachts, aber ein Holzhaus auf dem Land. Morgens merke ich die Stunde Zeitverschiebung, da ich immer von alleine aufwache. Wir machten Ausflüge nach Jurgaiciai, zum Hügel der Kreuze. Der Ort war mir unheimlich. Morgen nach dem Konzert in Ginkunai geht es weiter nach Telsiai und Degaiciai.

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29. April 2009

Lettland ist sehr interessant. Einerseits hoere ich, dass 60 Prozent der Bevoelkerung Russen sind oder zumindest russische Eltern haben, und andererseits ist es nicht richtig, wenn ich Osteuropa sage, sondern wenn, Nordosteuropa. Was ich aber weiss, ist, dass Riga eine wunderschoene Hauptstadt ist, in der fast die Haelfte der Menschen Lettlands wohnt, dass die Menschen gastfreundschaftlich, interessiert, liebevoll sind und dass ich mich nach einem Tag wie zuhause fuehle. Besonders die Akademie, die Musikhochschule, ist ein ruhiger, gleichzeitig kreativer Ort, in dem die jungen Kuenstler nicht hip sind oder gestresst, sondern einfache und hart arbeitende Leute.
Überall auf den Straßen ist Straßenmusik in Riga (ich schreibe nun wieder an meinem eigenen Laptop: so habe ich die Umlaute mitgenommen. Diese Laute brauche ich ja auch ..). Auf den Straßen ist es sehr schwer, mit hohen Schuhen zu laufen aufgrund der Steine überall. Die Frauen in Lettland sind teilweise sehr groß und elegant und mit hohen Absätzen unterwegs auf diesen Straßen — unbegreiflich für mich: ich bin irgendwann barfuß gelaufen. Das Institut der Musikwissenschaft ist interessant, vor allem, weil die Musikwissenschafter an der Akademie studieren, nicht an der Universität; in Deutschland ist Musikwissenschaft nur an der Uni möglich, und leider herrscht zu oft Konkurrenz anstatt Zusammenarbeit zwischen Universität und Musikhochschule. Eine persönliche deutsche Stadtführung durch einen Erasmus-Studenten der Musikwissenschaft hat mir die Stadt nahe gebracht. Sogar der wunderschöne Dom mit der weltberühmten Walcker Orgel ist evangelisch. Die Künstlerbewegung crescendo ist aufgrund der vielen gläubigen Künstler hier groß und intensiv.

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22. April 2009

2 Uhr 15. Die Nacht hier in Wiesbaden vergeht schnell, gleich geht es zum Flieger. Wir schneiden und mischen gerade noch Songs.
Musik ist Erinnerung, sogar ein Erinnerungsraum.
Es ist doch etwas anderes, nicht als Dozentin in Vorlesungen zu sein, sondern Neues auf sich wirken zu lassen. So anders die Welt der Universität ist (Forschung und Lehre im Gegensatz zu konkreter künstlerischer Arbeit), so interessant ist sie doch als wichtige Ergänzung. Denn ein Künstler ist tatsächlich auf der Bühne ein Vemittler, und ein Vermittler ist immer eine Art Lehrer, ein Pädagoge, in meinem Fall ein Musikpädagoge — und das geht weit über das Klavierspielen hinaus. Die künstlerische Welt der Musikhochschule ist dennoch für mich wie ein Zuhause.
Heute nun probe ich mit Nastasja, Sopranistin aus Stuttgart, kennengelernt bei Jeunesses Musicales, um morgen ein Konzert zu spielen in Würzburg, und am Wochenende treffe ich mich mit meinem Saxophonisten aus Berlin in Wuppertal für ein Konzert, um abends wieder zurückzufahren nach Würzburg, da wir am Sonntag dort gleich zweimal spielen.

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3. April 2009

In zwei Wochen fliege ich nach Litauen und Lettland für zehn Tage und bin anschließend für Proben und Fotos in Berlin. Davor allerdings habe ich 4 Konzerte hintereinander weg mit 3 verschiedenen Duos aus Berlin, Stuttgart und Düsseldorf. Das wird sicher schön und etwas stressig. „Aber eigentlich habe ich keine Zeit für Stress", heißt es doch ... Es macht mir Spaß, mit mehreren Leuten gleichzeitig zu skypen, emails zu schreiben, zu chatten, Fotos und Musikdateien zu verschicken. Es ist dabei für mich immer noch erstaunlich, dass die Musik, die ich bei mir höre, gleichzeitig in Riga, Mexiko City oder Paris gehört wird, während ich vielleicht noch eine Musikdatei von mir via skype oder email auf den Rechner des anderen sende, der es dann doppelt hört, gleichzeitig. Das mit den hundert Jahren ist natürlich übertrieben. Ich freue mich sehr, das Baltische Meer wieder zu sehen. Es ist auch schön, wie ähnlich meine skandinavischen Wurzeln mit der Mentalität oder der Sprache des Baltikums sind, dabei hat es doch einen so starken russischen Einschlag. Wie klein die Welt ist! Ich habe diesen Traum, in Mexico City im Bellas Artes zu spielen ... und tatsächlich, ein Freund auf einer Geschäftsreise wacht auf mit meiner Musik in Mexico City und sieht aus dem Fenster auf das große Theater, Auditorio Nacional, das Bellas Artes Auditorium, während die Sonne aufgeht.

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30. März 2009

Bedingungslose Kreativität .. Jedes Mal, wenn wir anfangen zu reflektieren, wollen wir Wahrheit, sagte Jason Upton dieses Wochenende in Stuttgart. Ich habe selten so viel Herz- Zerbrochenheit in Musik und Kunst umgesetzt gehört. Anschließend unterrichtete ich in Reutlingen Improvisation. Mit meiner Nichte war ich in der Philharmonie, um „Peter und der Wolf“ von Prokofieff zu hören.

22. März 2009

Es ist interessant, wie unterschiedlich Menschen aus ganz Deutschland sind, wenn man zu so einer Schulung zusammenkommt wie jetzt in Hagen — als würden wir aus anderen Ländern sein, Norddeutschland, Bayern, Franken, Ruhrpott, Ostdeutschland .. wobei ich diese Menschen sehr mag, sie haben etwas liebevoll ruppiges im Humor und sind schlagfertiger als ich, aber ohne zu verletzen. Und ich konnte wieder einen Zwischenstopp einlegen in Köln, um alte Freunde zu besuchen, die mich schon seit 12 Jahren kennen. Ich habe in Köln einige Jahre gewohnt, während ich studiert habe.

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15. März 2009

Das Kloster Triefenstein ist sehr zu empfehlen. Es heisst Triefenstein ... poetisch, wie ich finde, da hier der Stein trieft. Oder weint. Überall entspringt Wasser aus den Felsensteinen. Das war früher sicher nicht leicht zum Lagern von Dingen. Es ist ruhig und edel und wie eine Burg, ich komme mir fast wie ein Burg-Fräulein vor. Die Brüder sind 12 an der Zahl, normal gekleidet, freundlich und locker, fast jeden Alters, sehen richtig nett aus, evangelisch, spontan im Gebet und sehr natürlich. Ich habe jeden Tag gespielt und viele CDs verkauft. Die Burg hat viele Gäste und Gruppen. Es gibt drei Klaviere, aber leider keinen Flügel. Es ist schön, erkannt zu werden. Ich habe viele Spaziergänge gemacht und hatte gute Gespräche. Zwischendurch spielte ich auf einer Hochzeit in der Nähe und musste auch unterrichten in Würzburg, aber ich bin sehnsüchtig wieder zurückgefahren. Am letzten Abend, kurz vor der Hochzeit, bekam ich ein neues Lied, wie immer samt Text, obwohl ich versuche, das zu vermeiden. Ich merke, dass mir Lieder aus dem Gesang kommen. Sie sind eigentlich Sprache. Es ist schön, viel zu spielen und dennoch Ruhe zu haben.

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10. März 2009

Ich bin zurück in Würzburg. In ein paar Stunden geht es schon nach Triefenstein. Es ist seltsam, wieder hier zu sein. Meine Straße kommt mir vor wie ein wuselnder und dennoch ruhiger Punkt. Es macht wirklich Spaß, Sax zu spielen. Ich habe ein silbernes C-Melody (als Absoluthörerin) von Selmers New York in einem alten Selmers Koffer mit lila Samt innen. Und ein amerikanisches Martin Alt Sax, verschnörkelt und in Gold, mit einem roten Koffer. Das C-Melody-Mundstück habe ich heute erst ausprobiert. Es funktioniert nur mit einem wirklich harten Blatt. Dann aber klingt der Ton weich, sympathisch und singend. Meine Gitarre, ebenfalls eine Martin, habe ich leider schon lange nicht mehr angefasst.

9. März 2009

Gestern spielten mein Saxophon Partner Uwe und ich ein Konzert in Erfurt, in der Ägidienkirche an der Krämerbrücke mitten in der Stadt. Wir haben Daves Grusins durchkomponiertes Jazz-Klavier-Stück Memphis Stomp aus dem Film Die Firma spontan auch mit Saxophon gespielt — dazu drei neue Songs von mir. Es war in jeglicher Hinsicht eine Uraufführung. Heute habe ich das Augustinerkloster von Martin Luther besucht. Als Martin Luther damals 1505 in das Kloster kam, wurde die Biblothek gerade gebaut. Heute, 2009, ist wieder diese gleiche Bibliothek an derselben Stelle eine Baustelle, ja, ist wieder große Baustelle an derselben Stelle, als ich kam, da sie erneut aufgebaut wird nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Martin in das Kloster kam, hat niemand gewusst, dass jemals so von ihm die Rede sein würde. Den Kreuzgang zu sehen, der auch im Martin Luther Film gezeigt wird, war ein schöner Moment. Ich hatte zufällig eine Einzelführung, da es Montag war, und durfte in dem einzig wirklich erhaltenen Raum die kleine, zarte Soli Deo Gloria Orgel spielen. Auch die Akustik der Augustinerkirche ist dadurch, dass sie klein, breit, hoch und aus Holz ist, umwerfend. Der Ton fliegt zur Decke. Insgesamt spüre ich dort Zeit, Geschichte, Ringen mit sich und Gott. Ich hatte einen Schauer nach dem anderen. Bach hat die Orgel in dieser Kirche inspiziert. Man kann sich kaum vorstellen, dass Bach noch nach Martin Luther lebte. Beide haben die Welt verändert. Beide Namen sind ewig. Solche Persönlichkeiten gibt es vielleicht einmal in 100 Jahren. Martin Luther schrieb: Das Leben ist nicht ein Sein, sondern ein Werden. Nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Nicht Gesundheit, sondern Gesundwerden. Wir sind's noch nicht, wir werden's aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles. Ich muss leiden und stillehalten, dass Er mich schaffe.
Das Fotoshooting im Luisengarten Würzburg und der Improvisations- Workshop haben Spaß gemacht, da die Leute wirklich durstig danach sind, sich frei ausdrücken zu können, mit geschlossenen Augen zu spielen, sich zu trauen und angeleitet zu werden. Memphis Stomp ist eines meiner Lieblingsstücke. Der Soundtrack im Film „Die Firma“ ist fast ausschließend Klavier von Dave Grusin als Filmmusik bzw. Soundtrack und damit erstaunlich.

3. März 2009

Am 28. April geht mein Flug von Frankfurt nach Riga und ich bin gespannt, wie Lettland ist — im Vergleich zu Estland oder Litauen, die Länder im Baltikum, die ich besucht habe. Ich mag diesen Teil der Welt, da er für mich eine so interessante Mischung verströmt aus Ost- und Westeuropa, so nah an Skandinavien, und Russland. In Tallin war ich 2006 und in Vilnius 2008. Beide Male habe ich dort Konzerte gespielt. Ich bin gespannt, Riga zu sehen und werde dort bei einer befreundeten Musikerin wohnen. Von Riga werde ich zu Konzerten nach Siauliai in Litauen abgeholt, circa 130 km von Riga entfernt. Nach den Konzerten und Workshops werde ich meinen schwedischen Onkel Claes, seine litauische Frau Maryte und ihren Sohn (meinen Cousin) Claes Aleksas nahe von Telsiai in dem Dorf Degaiciai besuchen. Claes Aleksas ist sieben Jahre alt und spricht fliessend Schwedisch, Litauisch und Deutsch und nun bald Englisch. Er sieht aus wie Nils Holgersson. Das alte grosse Haus in Degaiciai steht auf einem wilden grossen Grundstück, bewacht von einem wilden Hund. Die Verwandten von Maryte leben in Vilnius. Ich habe sie bereits letztes Jahr besucht, als wir, das Schlüter Duo, Konzerte in Kaunas hatten. Vielleicht klappt diesmal ein kleiner Trip nach Moskau. Ich bin gespannt auf das Leben in Siauliai und ihrer Kultur in den Gemeinden. Am elften Mai bin ich zurück. Im Juni werde ich dann mit dem Schlüter Duo in Calvi, Korsika, spielen und eine Woche am Meer bleiben.

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