zeit

Zeit

Zeit

Zeit ist versunken in mir. Sie atmet ein und aus. Bei jedem Atemzug spüre ich meine schmerzlichen Laute und die Minuten wie Regen und Tränen an meinem Gesicht entlangrinnen; meine Hände sind leer, aber mein Herz und mein Kopf zerspringen von der Zärtlichkeit und Trauer der Zeit. Sie hat ein Gesicht: sieht aus wie Kerzenschein, von Augen zerrissen. Weich umarmt bin ich von ihr, doch lässt sie mich nicht heran an ihren köstlichen Mund, an ihre Lippen, die mich weh gemacht haben, weinend und bitter – doch du beobachtest mich, meine Zeit, während du mir Liebe heraus- oder hineinschneidest. Du streichelst mir mit meiner Vergangenheit über mein Haar und zauberst mit einem kleinen Tupfer deines Fingers so viel Blicke, so viel Sehnsucht und Erinnerungen in meine Brust, dass ich klage mit der Wurzel meines Anfangs.
Ich kann mich nicht rühren. Klein bin ich, doch die Lebenszeit ist gewaltig um mich und zeigst mir mit jeder Stunde ihre Macht. Ich sehe eine Stelle, die sich nicht verändert hat. Ich brauche nicht niederzufallen und zusammenzusinken, ich bin auch so einsam und bewegt. Meine Gedanken machen Sprünge und schmerzen dabei. Die Füße meiner Seele stehen nicht mehr auf dem Erdboden, sie sind aufgehoben von der tragischen Unumstößlichkeit der Zeit. Mein Sein schwebt darüber. Und noch immer sehe ich die Stelle, die sich nicht verändert hat: den Platz, sehe den Baum. Es ist kein besonders schöner Platz, und ich sehe ihn noch von ferne, denn in wem einmal Zeit versunken ist, weiß, dass zweihundert Meter viel sein können. Die Welt ist nicht klein, sie ist riesig. Je mehr ich lerne von der Zeit, desto größer wird jeder Meter. Die Tage und Jahre mögen immer schneller vergehen, aber in wem einmal Zeit ein- und ausgeatmet hat, weiß, dass auf jedem Meter sich Menschen begegnen können. Auf jedem Meter ist ein Unglück geschehen, eine Frage an das Leben, bitterliches Lachen und bitterliches Weinen. Jeder Meter trägt eine immer größer und intensiver werdende Geschichte der Menschheit.
Wie verflochten und flüsternd sind meine zweihundert Meter zu dem Platz mit meinem Baum, der mich so sehr an früher erinnert. In mir wächst mit jedem Schritt die Frage: Warum? Ich kann die Trauer und die Zärtlichkeit der Zeit nicht mehr tragen, möchte sie ziehen lassen, weil ich keine Kraft mehr habe; möchte, dass die Meter leer werden. Da duftet der nächste schon, duftet nach einer Welt, die nicht mehr die alte ist, nicht mehr die meine. Die Stelle, die ich sehe, ist voll mit dieser neuen anderen Welt, in der ich nur noch Gast bin. Freiheit zieht schmerzvoll durch mein Herz und macht mir Angst. Freiheit und Zeit bedrohen mich, als hätte ich zu viel davon oder zu wenig.
Eine Stelle sehe ich, die sich nicht verändert hat, aber voll ist mit einer neuen Wirklichkeit. Ich habe Sehnsucht nach der alten Zeit. Die neue hat mir so viel genommen durch Veränderung. Sie passt mir nicht. Ich habe keine Chance gegen Zeit. Sie ist stärker. Sie kommt mir grausam vor. Eine Sonne drängt vom wolkenlosen Himmel, meine Eiche steht unbeweglich, unveränderlich, und doch sind es beide nicht, Sonne und Eiche, denn nichts ist unveränderlich. Ich sehe die Stelle, die sich nicht verändert hat trotz allem, was Rüttelndes, Lockendes, Beeinflussendes und Trennendes geschehen ist: obwohl mir damals selbst meine Zehen an beiden Füßen absurd vorkamen, ich Liebe hinterherhinkte mit einem alten Herzen mit Stock und Brille, dabei war ich jung, in einer Zeit, in der das Ratlose und Heillose meine Haare zu Berge stehen ließ, ich vergeblich mit den Fäusten an Türen trommelte und nachts nach Menschen rief, die mir auch tagsüber begegneten, mir die Zähne schier ausbiss und einen gefangenen Blick bekam – und hier eine Stelle, die sich trotz all dem nicht verändert hat, als wäre nichts geschehen.
Als wäre nichts geschehen — ich kann es kaum glauben. Es ist ein Platz aus meiner Kindheit. Ich versuche, meinem Herzen Stock und Brille abzunehmen. Es gelingt mir nicht. Die Zeit ist plötzlich zärtlich hier und streichelt über meine rastlosen und verletzten Augen. Ich versuche zu retten, was zu retten ist. Eine seltsame goldene Trauer lässt meine Gedanken schmal und schmaler und wesentlich werden. Es ist nicht die Stelle, nicht die Zeit, was ist es? Ich bin es.
Der sinnlose Schmerz schmeckt schärfer als Pfeffer in seiner armen Verkleidung. Er ist eitel und hat gar nichts, sondern ist schamloser Abbruch von Pulsierendem, Nichtewigem. Aber ich weiß auch nichts von weitem, silbrigen Leben, das schüchtern und jubelnd und gebend ist, weiß wenig von Fühlen. Nach zärtlich Aufgebrochenem strebe ich, nach dem, der mich abholt. Meine Gefühle sagen mir nicht die Wahrheit, auch die Zeit nicht. Sie sind ein unausgebildeter Berg von folgenschwerlos unangetasteter Kindlichkeit. Die Menschen sagen: Triff deine Entscheidung. Getroffen bin ich. Ich kenne ein kennendes Gesicht, es ist nah und mir doch so unbekannt, dieses fremde, neu kennengelernte, mich kennendes und mich gekanntes Gesicht. Wer ist er? Zärtlichkeit geht wie ein flammendes Schwert durch seine Augen. Er kann Handstand in meinem Zimmer machen und mich über die nasse Wiese tragen. Er ist stärker noch als Zeit. Ich aber bin eine Frau im All, ein Klang. Die bunten Fäden der Unendlichkeit bohren sich in mein Gehirn mit dicken Strängen, die umgeben sind mit meiner Seele. Kenne ich mich nicht? Die Zeit kann mir nicht weiterhelfen. Sie vergeht manchmal sinn- sang und klanglos. Gleichgültig tritt sie über mich hinweg, als gäbe es mich nicht. Sie vergisst mich. Sie vergisst alle. Sie vergisst Wünsche und Träume. Ich weiß nicht mal, ob sie mir die Wirklichkeit zeigt. Manchmal kann ich keine Minute in ihrer Wirklichkeit bleiben. Ich fliehe. Ich warte.
Es ist Ende August, und der erste brennende Duft des Herbstes raubt mir den Atem. Ich fahre nach Hause und warte. Es wird Nacht, und die Wolken ziehen gebrochen. Die Wolken sind nachts weiß wie an einem Sommermittag. Der Mond scheint. Kein Zweig der dunklen Bäume kann den gleißendgoldenen Ball am Himmel erreichen. Die Zeit ist stehengeblieben. Jahre und Erfahrungen haben aufgehört. Die Klage ist durch meine Stirn hindurchgestoßen. Meine Phantasie ist ein kleiner glühender Punkt, wo früher ein Tornado war. Meine Zeit vergeht langsam.
Es wird November. Ich warte. Die Gärten sehen verwahrlost aus. Ein Arbeiterhandschuh schläft in der Regenpfütze. Zwei Bananenschalen liegen zertreten und schwarz. Schlamm ist aufgeworfen an der Baustelle. Es ist morgens, die Luft froh und tollkühn. Es wird vier Uhr nachmittags. Die Luft ist dämmrig, vollgefressen; voller Staub. Meine Entwicklung schläft wie eine Raupe im Kokon.
Es wird Weihnachten. Ich warte. Es hakt sich an mir fest und reißt Wunden. Ich spüre die aufbrechende Grenze und die tiefgelegte Schwelle in Verantwortung statt in seligem Getümmel. Ist die vergehende Zeit wirklich stehengeblieben? Es erschöpft mich, dass ich kaum gedankenlos sein kann. Die Töne einer Drehorgel wehen zu mir in meine Jacke. Ich fühle mich, als könnte ich wie ein jagender Luftballon schwer in die Luft zischen und immer kleiner werden. Das Normale frisst an mir und saugt sich an meinen Schläfen fest. Was ist das Normale? Die vergehende Zeit, der Alltag? Das Warten weint, meine leeren Hände haben Macht dem Stärkeren gegeben. Sie tropft mir davon.
Es wird April. Im stoppeligen Gras tummeln sich Ameisen auf den Abdrücken meiner Schuhe unter der Bank. Ich habe die Beine angezogen. Wie duftet Erde? Ich rieche an ihr in meiner Hand. Ein frisches, körniges Glücksgefühl wärmt und rührt mich, dass der Reifen aus Scham und Ungeduld um meinen Hals fortrutscht. Er springt an meinen Schultern auseinander. Ich habe Erde auf der Zunge und schiebe sie genießerisch und knirschend zwischen meinen Zähnen hin und her, bevor ich sie ausspucke. Ich öffne die Hand. Flockig und dunkel fällt die Erde auf den Boden zurück und legt sich leicht und glatt auf Ameisen und Käfer. Sie wird von ihnen wieder aufgewühlt. Warten ist voller Leben wie eine Wiese voller Tiere. Der Schmerz des Hungers wird mit Warten gestillt, was mich wundert. Es wird Herbst. Rascheres, sinnlicheres Blut geht durch den Wald. Die kleinen Tannen sind vornehme, majestätische Kerzenleuchter. Baum um Baum steht in der Ferne in puderfeinem Nebel aus Messingfarben, wunderlich abgerundet, niemals grell, wie mit bräunlichgelbem Sand bestreut. Ich spüre den Herbstwind, beginnend streng. Es regnet Gold herab. Die Zeit vergeht klassisch, sie hat ihr Prinzip. Bronze und Kupfer glühen an den Sträuchern, blutrote Hagebutten drängen an perlmuttfarbenen Hängen.
Vergehe ich auch, auch wenn ich nicht satt bin, nicht voll, nicht fertig? In meiner Brust ist ein fremdes Haus, eine Wunde, die ich nicht kenne. Wer kennt das Aussehen, das Gesicht der fremden Wunde? Ich komme mir vor wie eine herb-samtige Räubertochter, wie eine Wildkatze in den Wäldern, suchend, duckend wie ein Tiger, gefährlich und noch nicht zahm, noch nicht zahmgeliebt. Die Jahreszeiten aber verstreichen, ob ich nun eine Frau im All oder eine Wildkatze bin. Der Zeit ist es egal. Sie folgt ihrer Geschichte und ihren Regeln und ist immer da. Er ist auch immer da und doch fremd. Er erinnert mich und ist damit gezeichnet. Aufplatzend bis an den Hals sind meine Erfahrungen, mein Misstrauen rot wie seine fremde Liebkosung in die Luft, später mit viel Tränengeruch durch gestürzte Geschichten. Die Zeit vergeht schnell, sie vergeht langsam.
Wieder wird November. Ich warte. Rote Sahne auf grünen Hecken; gekreuzte Lichter sind am Himmel, herzbeklemmend dunkel und schnell. Ich sitze im Auto. Es ist Nacht. Meine Augen sehen die Sonne am Tag von vorne, aber sie ist auch hinten, hinter den Bergen. Ihre Ränder sind verschwommen in buttermilchigem Schein. Frühe Kälte brennt. Der Rhythmus von Musik hebt mein Auto in die Höhe. Mein Inneres ruht und ist schmal. Jedes mir verborgene Stückchen Welt spüre ich dumpf in meiner Magengrube, und rohes Fernweh ergießt sich. Ist es denn die Welt, nach der ich mich sehne, nach dem Schweben in lichterlohe Länder? Ich bin müde auf die Gesetzmäßigkeiten des Lebens und der Zeit. Vielleicht sind es nur die Gesetzmäßigkeiten meiner Zeit. Das Leben dreht sich, ob ich nun warte oder nicht. Mein Fernweh ist rot. Duften auch meine Schläfen nach Fernweh? Es ist ein Fernweh nach dem Kennen der fremden Wunde, ein Fernweh nach Nähe, die mir fern ist, ein Fernweh nach mir, nach der Antwort auf die Frage, wer ich bin. Ich höre den Wind in den Blättern wie zärtlichsten Alarm: Fort! Papierfetzen hängen an einer Hauswand herab. Der übrig gebliebene Halbkreis des Papiers ist für mich eine triefende Sonne, die ins Meer tropft. Ich weiß von der ärgerlichen, spärlichen Zufriedenheit. Wie komme ich hinaus in die Freiheit?
Er folgt mir. Auf echtem Schmerz will ich tappen, nicht auf gespieltem, aber er hat mir meine Pantoffeln ausgezogen; ich müsste auf kaltem Boden barfuss gehen. Ich kann mein Herz wie mit Wäscheklammern nach oben ziehen, es hat immer mitgemacht. Verweigert es sich jetzt?
Meine Nase bekommt Wind von der Herrlichkeit da draußen, die mit meiner Energie zusammentreffen würde. Was dann passierte, wäre Rauch von Glück und hohem Fliegen gleich. Ich sehe meinen Arm im türkisfarbenen Pullover. Er ist dünn, als würde noch ein zweites Handgelenk in den Ärmel passen. Ich sehe den Arm eines Menschen. Der Mensch bin ich. Die Luft riecht grausam nach frischgewaschenen T Shirts über meiner Stuhllehne. Liebt er mich? Ich warte auf einen aufgerissenen Himmel. Die Vögel am Himmel sehen aus, als hätte Aschenputtel weiße und schwarze Körner hinaufgeworfen, und über meinem Kopf fliegen Weiße und Schwarze getrennt nach beiden Richtungen davon. Ich weiß, dass die Zeit dir gehört, sage ich ihm.
Es wird wieder Weihnachten. Ich warte. Das Warten hat einen Namen bekommen. Die Zeit des Wartens ist eine Zeit geworden. Milchig rollt der Rhein. Möwen kreiseln im grüngrauen Saft. Ich gehe in Erfüllung.
Hier kann ich retten, was zu retten ist. Die Zeit ist zärtlich hier und streichelt über meine rastlosen und verletzten Augenblicke, dass mir Tränen über das Gesicht laufen und eine seltsame, goldene Trauer meine Gedanken schmal und schmaler und wesentlich macht, während ich stehe und mich nicht rühren kann.
Aber es ist die Zeit, nicht die Stelle.
Und es bin ich.


(ISBN 392870043)

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