waldweg

Waldweg

Waldweg

Schatten fand sie stets beschützend in seiner Konsistenz, Art und Gestik; sie sah den Schattenspielen der sich im Wind bewegenden Äste von Bäumen mit hellgrünen Blättern im Mai auf dem Häuser- und Garagendach zu. Am Fenster saß sie, im Pyjama, noch müde. Schatten hatte etwas Lebendiges und gleichzeitig Ruhiges an sich, dachte sie. Wie war der Schatten an einem Frühlingsvormittag beschaffen? Hatte er überhaupt eine Konsistenz? Er hatte offensichtlich nichts Fassbares, aber dennoch eine Form, immer wieder anders, mit etwas Unschuldigem verbunden. Schatten waren gemütlich, wenn man von Gruselgeschichten in der Nacht absah. Sie bedeuteten in der anderen Richtung Sonne für sie, waren lächelnd und zart. Sie saß in der Küche mit schläfrigen Sonntagsaugen. Heute war ein Ruhetag. Jedoch etwas nagte an ihr und wollte ihr nicht wirklich Ruhe gönnen – dabei war sie bis jetzt im Bett geblieben. Normalerweise war sie ein Frühaufsteher.
Das eintönige Gurren der Stadttauben saß ihr auf den Augenlidern. Ihr Bauch war voll mit Müsli. Vom Wohnzimmer kam ihre Mitbewohnerin herein, die Haare in vielen Farben gefärbt und mit Spangen zur Seite gesteckt, das Ohr am Telefon. Sie schaute nach draußen auf die Schattenzeichnungen und auf die abstrahlende Häuserwand ihr entfernt gegenüber, erstaunt, was klare Luft, Wind, Sonne und ein Maihimmel aus einer alten Häuserwand machen konnten: eine Blendung der Schönheit. Sie beschloss, spazieren zu gehen. Sie liebte die Waldwege im Spessart, den weichen Boden unter ihr; es war nicht Herbst, es gab keine Pilze, aber in keinem Monat war das Grün so herrlich wie im Mai. Um 11 Uhr würden ihr sicher noch nicht so viele begegnen. Sie wollte nachdenken. Vielleicht würde sie sogar ein wenig joggen gehen. Es würde kühl, angenehm und still sein, sie mochte die Mischwälder, die Schatten auf den Lichtungen, die Gerüche, die feinen Geräusche im Unterholz, die sie in der Stadt nicht hören konnte. Vielleicht würde sie auch Tiere sehen. Gestern war es grau gewesen draußen, nichts hatte sich bewegt, vorwurfsvoll standen die Balkone vor den Häusern in der Ferne ab. Jedes Fenster sah eng und argwöhnisch drein. Aber es konnte schnell gehen: Die Sonne schien, ein neuer Tag, die Fenster lächelten. Ich geh mal los, sagte sie und dachte, dass sie noch keinen Plan gemacht hatte. Ich seh’ dich dann ja. Es klingelte an der Tür, sie musste sich noch immer an den Klang gewöhnen; der Dreiklang erinnerte sie an das Telefon in ihrer Zahnarztpraxis. Das ist Lars, sagte ihre Mitbewohnerin und lief eilig aus der Küche. Irgendwie fühlte sie sich wie festgepflanzt und –gebannt, dann wollte sie sehen, wer hochkam, sehen, wie sie sich küssen würden, unbekümmert reden, doch sie brach den Bann und ging schnell ins Badezimmer.
Als sie endlich am Waldrand angekommen war, stellte sie ihr Rad ab und ging los. Wie lange war sie schon nicht mehr hier gewesen, als hätte sie es sich nicht gegönnt. Wie gut es tat, einzuatmen. Der Wald war voller Schatten und trotzdem hell, das Grün fast weiß oder golden in der blinkenden Sonne, ihre Schritte gedämpft auf dem Weg. Sie atmete aus. Plötzlich kamen ihr die Tränen, so gut tat es ihr, gleichzeitig geborgen und allein zu sein. Verletzlich zitterten die Blätter im leichten Wind. Sie lief langsam und bewusst, setzte sich schließlich auf die dicken Wurzeln einer Buche. Moos wuchs am Stamm hoch, sie klopfte dagegen, streichelte zärtlich die Rinde, die Korkschichten. Wie majestätisch ein Baum war, unheimlich fast. Sie hatte es ganz vergessen. Sie sah nach oben in die Wipfel, hielt ihr Gesicht in die Sonne. Dann sah sie nach unten, das kleine emsige Getier zu ihren Füßen. Alles in allem war eine Einheit, war schön. Wie gern würde sie einen Stamm abzeichnen, Erde und Gras.
Stattdessen schlang sie kurz ihre Arme um die Buche, stand dann auf und ging weiter. Sonst drehte sie sich im Alltag geschäftig, um mehrere Sachen gleichzeitig zu erledigen. Sie fühlte sich dann wie ihre Petersilienpflanze auf der Fensterbank, verschlungen, kaum Luft bekommend und wild wuchernd. Sie konnte sich vorstellen, dass dieses Gefühl, der Berg an Gedanken in ihr drin mit dem Anblick der Petersilienpflanze verwandt und verwoben war. Hier aber sah sie Bäume, groß, frei. Sie zog nachdenklich an ein paar Haarsträhnen, bemüht, sich selbst wahrzunehmen.
Freiheit, suchte sie das? Hier im Wald? Oft fühlte sie nichts in sich, und dann manchmal zwei voneinander getrennte Orte, ihr Herz, das anders fühlte als ihr Bauch, anders als ihr Kopf. Das war unangenehm und verwirrend. Ein gemeinsamer Ort schien ihr weicher und größer als zwei getrennte. Sie erwartete mit Zärtlichkeit die Sonne durch die Baumwipfel wie eine Katze, die in ihrer Freude an Kontakt um die Beine von Menschen streicht. Nach einer Weile ärgerte sie sich über sich. Sie wollte nicht eifersüchtig auf andere Menschen sein. Aber doch, sie war es. Erst als sie die Augen schloss, fiel ihr ein, dass sie zwei freie Tage diese Woche hatte und wieder hierher kommen könnte. Als sie den Kopf hob, umrundeten sie die glitzernden Wellen der Baumkronen. Erst jetzt nahm sie wahr, dass ihre Sehnsucht vor ihrer Hilflosigkeit kniete und ihr den Kopf streichelte mit einer Zartheit, die voller Sicherheit war, voller Geduld. Sie ging bis zur nächsten Lichtung und ließ sich dort ins Gras fallen, legte sich in die Wiese, schlief ein, wie ein Wesen, das hier zuhause war.



(ISBN 970236117)

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