uberwunden

Überwunden

Überwunden

Kaum berührte die Marmelade ihre Zunge, beruhigten sich ihre Sinne, die sensibel und ausgehungert waren, und das Morgenlicht schwemmte anders als zuvor durch das Küchenfenster in ihr Herz. Sie saß am Tisch. Es war fast Mai. Sie sah sich in der Küche um, in der sie vor so langer Zeit vor der Schule gefrühstückt hatte. An dem Ast vor dem Fenster, an dem im Winter Futterbälle schaukelten unter runden, zittrigen, sprühenden Vogelbäuchen, hing nun ein Blumenkorb. Sollte sie zum Telefon gehen und altes Leben wachrufen, wenn sie einmal hier bei ihren Eltern war? Sonne in ihren Beinen, ihr Bauch voll Muskelkater; geschmolzenes Eis, Wassertropfen, und das nächste Semester holte sie wieder heim in die andere Stadt. Die Benommenheit steckte in ihrem Kopf und zog füllige Schleifen.
Langsam ging sie ins Bad, um sich die Marmelade von den Zähnen zu putzen. Ob es wieder so warm werden würde? In der Nacht hatte es viel geregnet. Sie sah so gern aus dem Fenster, beobachtete die Welt.

Als sie hinausblickte, sah sie unten auf dem Gehweg eine Gruppe junger Männer. Sie kannte keinen. Es sah so aus, als wären sie gerade von der Disco nach Hause gekommen, es war halb acht. Als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass einer mit dem Gesicht nach unten am Boden lag, sich nicht rührte. Sie wartete eine Weile, aber die Jungs standen und rauchten, als wäre alles in Ordnung. Sicher waren sie betrunken. Ihre Eltern waren noch nicht wach, und sie selbst war noch im Pyjama mit nassen Haaren. Stirnrunzelnd zog sie sich an. Frühlingssonne fiel, als hätte die Erdkugel eine goldene Kette von oben umgelegt, eine Kette mit einem glänzenden Amulett, das ihr Gesicht blendete. Sie sah wieder hinaus. Der Boden war fast dunkel vom vorherigen Regen; jeder Riss im Asphalt, jede Pfütze und die Menschen auf der Straße sahen veredelt aus, parkende Autos fast schön unter diesem Amulett — als würde ein Hauch von Klaviermusik in einen Raum mit Alltag wehen: ein Klang von beruhigenden und auch reibenden Quarten, dazu ein Schuss klare Sehnsucht.
Ihre Blicke waren wartend, wartend darauf, dass der Junge aufstand, sich eine Zigarette anzündete. Dass der Wind nicht nur durchs offene Fenster in ihr Haar wehte, sondern sie mit Erleichterung umspülte. Da sah sie, dass einer mit langen Haaren den am Boden liegenden heftig mit dem Fuß in die Seite trat. Als hätte Sehnsucht nicht nur romantische Locken, hatte sie sie in angrenzende Bahnen der Angst getrieben, in denen alles lähmend langsam zuging; in Abgründe und Schluchten.
Diesmal aber ging sie zur Haustür, ihre Jeansjacke vom Haken nehmend. Sie öffnete die Tür, plötzlich leise und zaghaft. Was ging sie dies alles an? Wer waren diese Jungs? Sie hatte sie hier noch nie gesehen. Es dauerte Minuten, bis sie sich traute, Schritt für Schritt näher zu kommen. Schon von weitem roch sie Bier und Schnaps. Die Jungs wirkten nicht nur vom Alkohol zugedröhnt, ihre Augen waren glasig und betrachteten sie, als sei sie unwirklich. Nur der Typ mit den langen Haaren sprach sie an. Was willst du? Sein Gesicht war verzogen vor Frust. Der Junge am Boden lag in Blut.
Der da hat Idiot zu mir gesagt.
Der betrunkene Junge war im Begriff, wieder zuzutreten. Aber sie schrie zu laut.



(ISBN 9736758902)

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