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Über den Vorhang


Über den Vorhang. Auferstehung am Flügel

Auf meinem weißen durchsichtigen Vorhang zeichnen sich wie emporgehoben und herausgestellt Umriss und Schatten einer Welt grüner Blätter im morgendlichen Wintersonnenlicht ab, erleuchtet und zart auf meinem Fensterbrett. Zwei Blätter, die sich küssen, sind so schüchtern in ihrem Annähern, als lägen sie in tiefem, geheimnisvollem, dunklem Wasser und wollten dieses nicht bewegen. Töne fließen zusammengehörend und doch durch Pedal getrennt durch ihre Öffnungen und Ritzen, durch die Weite ihrer Zwischenräume, durch die Schatten am sonnendurchfluteten Vorhang — und bahnen sich einen Weg durch die Pflanzen auf meinem Fensterbrett hindurch zur geöffneten Tür zum Balkon.
Sprechende Töne. Wie rein der Klang des Klaviers, in seinem ganzen Wesen unschuldig, hell, lieblich und klagend. Ich lausche und sehe, habe ich die Töne doch selbst gespielt. In dieser Helle der Musik und der Sonne sind die pulsierenden Geräusche der feinen Hämmerchen auf den Saiten des Flügels für mich erstaunlich widersprüchlich und durchschneidend wie kleine Messer – in diesem leicht klackenden Geräusch der Hämmer, das ich als Schmerz fast spüren kann, liegt symbolisch für mich die Stimme und Arbeit des Pianisten an einem riesigen Schiff von Instrument: Schweiß, Tränen, Zeit, Kraft, Visionen.
Und entschlossene, weiche, winzige Hämmerchen, die wie Fingerkuppen auf den Stahlsaiten einer Gitarre liegen in Schmerzen und Wehen, treiben mich am Flügel mit federleichtem Druck immer vorwärts in eine fast wahnwitzig perfekte Darbietung von Klavierwerken. Haydn Sonaten. Musik ist nicht nur schön. Ich werde angeschlagen. Die Tasten sind glatt, und Stunden um Stunden zerrinnen wie jene Töne, die fast abprallen am vor Sonne goldenen Vorhang. Hinter diesem Vorhang ist das Leben. Schwimmen will ich durch das milchige Licht, im dünnen Vorhang wie Sahne, schwimmen durch Klang, durch das Weiß in die Realität, was auch immer sie mir zu bieten hat.
Doch Schwimmen kann ich nicht; aber Spielen am Klavier.
Trennen mich die Berührungen der sanften Hämmerchen von etwas Wichtigerem? Meditieren sie nicht mit mir, mich massierend — jedoch nur träumend und phantasierend vom Leben, und werfen Schatten überall hin, wohin ich gehe? Werfen Schatten auf den Boden, in Sonne auf Holz? Schatten in pianissimo oder auch in Kampf und Leidenschaft? Was für Schatten?
Die Schatten der Blätter formen sich zu einer Tänzerin. Sie beugt sich anschmiegsam und bittend. Ihr Kleid ist aufgebauscht. Das Licht hinter dem Vorhang blendet mich. Sie hält sich fest; mit den Schwingen eines verwundeten Adlers sucht die Musik. Sie sucht, sie zum Tanzen aufzufordern. Kann der Flügel ein Bett aus Flöten und Streichern auslegen, dass das Tanzende und Heitere ihre Seele erreicht? Meine Seele erreicht? Ich verschmelze mit dem Klang.
Wenn nicht Schwimmen, dann Tanzen! Denn Tanz ist die Mutter der Kunst. Und ich löse mich und jage erst, renne, renne ... aber warte, sagt jemand. Ich bin hier, keine Angst. Ich möchte dir etwas zeigen. Du musst nicht fliehen. Hier ist meine Leiter. Erst jetzt sehe ich sie wohl; ihn sehe ich nicht. Die Leiter ist halb versteckt und zierlich; wenn ich die Augen schließe, wird sie plötzlich aus einem wartenden Winterwald, die Stufen aus bereits knospenden Zweigen, dann aus vollmundigen Akkorden; mit Nachdruck verschmelzen Bogen und Hämmerchen und formen kleine wolkige Berge als Stufen. Puls und Motive peitschen mich an und lassen mich Kreise drehen. Mit Anstrengung springe ich unter weiter drängenden Peitschenhieben aus Musik, halb irr aus Leidenschaft, auf die erste Stufe der Leiter, zitternd, und bleibe auf Zehenspitzen stehen.

Plötzlich weiß ich, dass ich schon immer nach der Leiter gesucht habe. Sie wird mich sicher ins Freie bringen, über den Vorhang hinweg, wie auf Stelzen, denn ich bin tief gesättigt mit Sehnsucht. Würde ich doch fliegen können!
Die Dämmerung kommt. Die Schatten gehen. Ich öffne die Augen. Die Tänzerin und die Leiter sind in einem bläulichen Dunst untergegangen und verschwunden. Warum nur? Psst, sagt die Stimme. Ich bin noch hier. Keine Sorge. Folge mir. Hier entlang. Komm herunter.
Kann ich die Leiter verlassen? Es ist gespenstisch und finster um mich herum. Auf der Stufe kann ich nicht tanzen, ich habe zu viel Angst, hinunterzufallen. Die Töne sind nun verführerisch gesungen; die Stimmen öffnen ihnen Tür und Tor.
Weiter nach oben, singen die Töne. Irre ich mich? Die Musik geht auch auf Zehenspitzen, geht auf wie Rosen, die mit aller Kraft und Blut aufspringen. Doch auch aus dem Flügel tropft Blut der Kraft, eine Kraft, die ich unterschätzt habe in der Schwäche eines Klangs — und ein Sog, der in seiner Einfachheit aus Tasten und Saiten und Hämmerchen so erschreckend klar und nackt ist, dass aus ihm unverwechselbarer Klang entströmt. Ich höre pures Wasser. Nichts habe ich, um die nackten Klänge zu schützen, sie abzudecken. Sie sind auf sich gestellt und so wie sie eben sind; wie leicht sind sie zu missbrauchen, zu verletzlich. Klang ist so hingegeben. Ich kann leicht mit ihnen spielen, mit ihnen manipulieren. Jeder darf sich Klang bedienen, sich einen aussuchen. Ich möchte meinen Klang nicht missbrauchen. Ich darf nicht mehr.
Wie kann mich etwas so Nacktes auf die nächste Stufe bringen? Ich kann die Sprache der Musik nicht mehr verstehen. Was sagt sie mir? Ruft und singt sie mir zu? Kann sie sprechen? Hinunter, hinauf?
Obwohl ich durchdrungen werde von ihr, stehe ich da in völliger Stille und entblößt. Hätte doch mein Herz die Stimme eines Cellos, eine tiefe Bass-Saite, oder das Lockende einer Flöte. Ich kann mein Herz nicht verstecken. Ich kann nicht tauschen. Ich habe die Stimme im Klavier. Wo bist du? Ich rufe und höre mich nicht. Wo bist du? echot es. Warst du das? frage ich. Warst du das?
Ich finde meinen Klang nicht. Wie klinge ich? frage ich. Wer hat die wahre Stimme? Und: Wer hat meine Stimme gestohlen? Er antwortet nicht. Auf was sollte ich hören? Spricht die Musik oder spricht er? Da ich nichts mehr höre und mir wie taub vorkomme, fange ich an, mich zu erinnern. Wie Perlen sind die Bögen der Töne in meinen Händen gewesen, Linien, die von der Blattspitze bis zur Erde gesungen haben, und wie eilig hat es meine Sehnsucht auf ihrer Suche nach Erfüllung und Sinn gehabt! Es hat sich immer wiederholt – in den verschiedensten Farben – aber kein Hämmerchen mehr, einen Bogen will ich, einen Geigenbogen, etwas, das mich hält und verbindet ...
Hier entlang.
Endlich, da ist sie wieder, die geliebte Stimme. Wer bist du? Verwirrt folge ich ihr, stolpernd über Reste von Erinnerung und Farben, und merke kaum, dass ich meine Stufe, die Leiter verlassen habe. Wer bist du? fragt er. Du warst auf der falschen Leiter, sagt er. Das waren falsche Leiter. Ich wundere mich; ich bin nicht mal nach oben gekommen. Ach, die Musik kommt zurück. Bist du der, den ich meine? frage ich. Welche Leiter würde er mir zeigen? Zeigst du mir eine Leiter? Ja, sagt er. Ich zeige dir eine Musik, wie du sie noch nie gehört hast. Komm mit mir. Ich führe dich auf die andere Seite. Ich bin dein Bogen.
Er ist mein Leiter.
Ich bin früher so schnell gewesen, dass ich mir mit ihm tatsächlich vorkomme, als würden wir die gesamte chromatische Ton-Leiter, Ton für Ton mühevoll durchwandern und erklimmen. Berge und vor allem Täler, in denen mein Klavier — mein Herz — , hungrig seufzte und von meinen Tränen, von Wünschen und Wundern erzählte, die nun fernab und weit hinter mir erstorben schienen, ziehen vorbei.
Es dauert. Es tut weh. Es ist anstrengend. Ich bin müde. Es ist mir peinlich.
Bin ich ein komplexes Klavier? frage ich schüchtern. Du bist kein Klavier, sagt er. Balladen meiner Sehnsucht liegen verstreut auf dem Weg, und es regnet in Strömen, oder die Sonne scheint heiß: das Leben hinter dem Vorhang ist kein Spiel, sondern erschreckend ernst für mich; fremde Realität. Wie lange noch? frage ich.
Das Gold des Vorhangs ist verschwunden. Bin ich ohne Leiter über ihn hinweggekommen? Ich staune. Wo bin ich? Wer bin ich? Bin ich frei?
Hier bin ich, sagt er. Ich habe dich nicht vergessen.
Da ist er. Er führt mich hartnäckig. Nun, ich bin nun schon so lang gefolgt, wo sollte ich sonst noch hingehen?
Ich weiß nicht mehr, wo ich bin, sage ich. Nirgends sehe ich deine Leiter. Du hast es mir versprochen. Wie lange noch? Wie lange werden wir noch gehen? Er lächelt. Gehen?
Wie seltsam er ist, fast seltsamer als ich. Wir laufen auf gleicher Höhe, Seite an Seite, es ist schön, nah am Kuss, schüchtern in unserem Annähern, als lägen wir in tiefem, geheimnisvollem, dunklem Wasser und wollten es doch bewegen. Wir werden das Wasser bewegen, sagt er. Denn ich zeige dir meine neue Welt. Erinnere dich. Am Ende des Sturmes wirst du nicht mehr gehen. Denn: du wirst fliegen.


(CD Lebensheiterkeit: ISBN 9783867730457)

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