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Sein Name

Sein Name


Ihre Nase wurde von leichtfüßigen Zwergen gekitzelt, Noten. Sie hatten glockenartige Augen und verbreiteten einen Geruch von altem, roten Samt. Es beruhigte sie. Mit Vorfreude musste sie lächeln, wenn sie an seine Musik dachte. Sie ging vorwärts. Es war nur ein großer Saal voller Menschen, der auf sie wartete: kein Grund, nervös zu werden. Ihr unsichtbares Mikrofon vor ihrem Klavier zwang und ermutigte sie, ihre eigene Stimme zu finden, zu suchen. Sie sang heimlich mit. Ihre Gedankenwelt wurde ihre Stimme, tauchte ein in ihre Hände und Adern, nasses heißes Eisen auf den Tasten. Den Flügel kannte sie noch nicht. Er war ihr fremd. Die schwingenden Wellen Chopin und Haydns ließen sie ruhen. Wie sanft und ruhig das Herz des Flügels war! Ihre Kreativität aber ließ die Stimme ihrer Seele und ihrer Gedanken überschwappen, in Fieber, dass ihre Höhen anschwollen, überquollen; die Töne überbliesen. Sie drehten durch vor Hitze, hoben ab vor Energie, ungebändigt.
Doch eine Ahnung von in sich bescheidenem Rhythmus ließ ihr Brennen in einen Teppich verwandeln, so dass ihre Stimme von einer feurigen Trompete zu einem Klavier wurde. Jetzt schaffte sie es, ihren Kopf samt Haaren durch die Tasten hindurch in den Flügel zu tauchen, als würde sie baden gehen in einem flüssigen tintenschwarzen See; ihr langes Haar wurde feucht und klebte ihr im Gesicht; die Musik war im Bauch des Flügels zu finden, und sie tauchte bis dort hindurch. Hier kam sie sich vor wie Jona im Bauch des Wales; sie versteckte sich vor dem Publikum. Sollte sie nicht etwa mit den Menschen im Saal sprechen, ihnen erzählen, wer sie war? Sie war nicht Musik. Aber sie sang durch sie hindurch, und sie hatte ihr ihre Stimme geliehen, und es machte ihr Freude. Also tanzte sie sich hervor aus dem Körper des Flügels und ließ ihre Hände ihre Geschichten erzählen.
Sie summte sie leise mit und legte sie zwischen die Zeilen und Töne; sie hoffte, niemand würde ihr dies übel nehmen. Die Zwerge kitzelten sie freundlich. Sie waren die glockenartigen Augen und Läufe, und die Sonaten und Lieder schaukelten sie übermütig und spitzbübisch durch den Saal, als sei sie ein Kind, nicht erwachsen, und gleichzeitig eine Predigerin, das Wort in Musik. Was schüttete sie aus über die Menschen mit Trillern und Terzen? Der Flügel rollte unter ihr fort, seine Beine fingen an zu tanzen. Der schwarze Lack glänzte wie ein Spiegel. Wenn sie nicht mehr weitersang, erzählte die Musik ohne sie, denn Musik wusste stets, wohin sie wollte. Sie musste sich erst besinnen; und bald hatte sie sie wieder eingeholt, denn jemand ließ ihre Fragen durch sie hindurchleuchten, als wären sie eins, hindurchbrennen, als tätowiere jemand ihr Herz für alle sichtbar auf die Außenwand des Flügels, mit Gold auf schwarz. Sollte Gott doch ihr Herz in den Lack des Flügels brennen: dann würde dort nicht mehr Steinway stehen, sondern sein Name.


(ISBN 9783867730457)

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