gegangen_gegangen

Gegangen


Gegangen

Eine Höhle echote seine Gedanken. Durch pochende Wege in seinem Kopf kam sein dröhnendes Bewusstsein aus Not zum Halten. Enge Räume und verschlossene Türen nahmen ihm Pläne und Kontrolle, dass sein Denken nackt auf Abwehr zurückfuhr. Die Angst machte aus seinem Inneren ein gehetztes Tier. Rache wurde geboren aus sprudelnder Verletzung. Sprechende Gedanken raunten ihm Hass zu. Eine Stimme aber schwamm auf dem Ozean der Furcht, eine Stimme im Chaos. Die Stimme war wie ein Kuss, der sein ganzes Gesicht bedeckte, sein Haar hinter das Ohr steckte, das entsetzte Weiß seiner Augen mit Ruhe ausfüllte, zwischen seinen Zähnen Heilung brachte, sein Kinn in die rechte Richtung drehte. Die Stimme ließ ihn sein Herz sehen. Es war das Herz eines Menschen, hilflos und nicht in der Lage, andere Menschenherzen zu bewegen oder zu verändern. Nun, ich kann es auch nicht, sagte die Stimme. Das Lächeln war wie Wein und französischer Gesang. Mit Manipulation ist es ohnehin unmöglich. Aber mein Kopf tut weh, sagte er. Denn ich weiß nicht mehr, durch welche Tür ich gehen soll. Gott half ihm auf. Ich kenne den Weg. Wirklich? Ich suche die Wahrheit, sagte er und kam sich vor wie Alice im Wunderland. Gibt es nur eine Tür? fragte er. Er wartete auf Gottes Stimme, die ihn wirklich beruhigte wie eine kleine Melodie. Sie war, als säßen sie zusammen auf einem sonnendurchfluteten Marktplatz in einem Dorf weit ab. Seine Stimme war die Tür. Wie konnte diese Stimme lauter sein als das Getöse der Dämonen, die ihn vernichten wollten?
Er schlief ein. Es zirpte und grillte und summte um ihn herum. Seine schmerzende Verspannung kribbelte und löste sich auf. Als er aufwachte, war Gott immer noch da. Er sah ihn freundlich an, obwohl es schien, als wäre er auf einem Schlachtfeld gewesen. Seine Kleidung war zerrissen. Was hast du gemacht? Er staunte und rieb sich die Augen. Gott zeigte hinter sich. Ein großes Feld lag in der Ferne im Nebel. Dämonen keiften lautstumm und gesichtslos. Eine unsichtbare Wand schien sie von ihm fernzuhalten. Träumte er? War er sie wirklich los? Sie hatten versucht, seine Seele zu zerstören. Sein Kopf tat nicht mehr weh; er fühlte sich aber seltsam leer an, jedoch auf eine angenehme Weise. Was ist das? fragte er. Dein Herz, sagte Gott. Er sah nur Weite. Gott flüsterte an seinem Ohr.
Das Gute war ihm fremd. Er kannte es nur, besessen zu sein, besessen von Zorn und Hass. Es kam ihm vor, als hätte Gott eine schwere Wäscheklammer an seine Seele geheftet, dass sie am Boden blieb wie ein zittriger Schmetterling. Die Rache gehört mir, sagte Gott. Ich kümmere mich um alles. Langsam fühlte er sich voll an mit Gott, stimmte ihm unsichtbar und doch ungläubig zu. Außerdem konnte er nichts mehr denken. Tiefe, dämmrige Kapitulation machte sich breit. Dass Gott schlimm zugerichtet aussah, beschäftigte ihn, doch es wollte nicht in seinen Verstand, warum. Er wusste nicht, wo er war und wo Gott gewesen war. Wie lange habe ich geschlafen? fragte er schüchtern. Die Luft war warm wie eine Daunendecke, es war immer noch heller Mittag. Einige Jahre, sagte Gott. Was? Er sprang auf. Gottes Ruhe ließ ihn nicht wegrennen. Doch hässliche Fliegen der Panik umwölkten sein vom Schlaf fast ausgeruhtes, aber noch schläfriges Gehirn. Sein Inneres mit Hast, Drang und Sehnsucht schlug Alarm, doch auch die Ruhe und Kapitulation hatten eine eigenartige Anziehungskraft, die er nun kennen gelernt hatte, die neu für ihn waren und die nun mit seiner altbekannten Unruhe wetteiferten. Wie kannst du mich ... wie kannst du mich jahrelang schlafen lassen? Einfach ausschalten und zur Seite stellen? Ihm blieb vor Entsetzen die Luft beim Sprechen weg. Du warst müde, sagte er. Seine Abwehr von Hilflosigkeit war zur Routine geworden. Der Blick Gottes aber war wie ein ‚Hoh', mit dem man ein Wildpferd besänftigte. Er aber wurde wieder ein kleiner, ängstlicher Junge. Er fing an, gegen Gottes Brust zu trommeln. Alles an Schimpfwörtern, alles an Verletzendem, was ihm einfiel, schmetterte er gegen diesen Gott, aber war atemlos und verzweifelt. Dass dieser sich nicht wehrte, machte ihn noch wütender und hilfloser. Er musste ihn unbedingt verletzen, sonst hatte er das Gefühl, von seinem eigenen Schmerz erhängt zu werden. Was ist los mit dir? fragte Gott. Er wusste es nicht. Er wollte nicht eingesperrt, nicht abgeschoben, nicht tot sein. Ist Ausruhen eine Strafe? fragte Gott. Für ihn war es das. Etwas in ihm flehte ihn wortlos an, den Schmerz zu stillen, den Zorn, den alle an ihm verachteten und fürchteten.
Töte mich, dann hört der Schmerz auf, dachte er lautstark und traf ihn. Doch die Verletzung und stechende Würde zu sehen in Gottes Augen wegen dem, was er da sagte, wegen dem, was er dachte, über sich, über ihn, stillte seinen Schmerz, denn Gott tat nichts, um sich zu wehren, war aber auch nicht in arroganter Weise stark und überlegen. Er war auch nicht kalt. Es war ein überraschendes Gefühl, als sein Schmerz vor Bewunderung, Achtung und Zuneigung in die Knie ging anstatt von Gegenschmerz, der ersten Schritt für Vertrauen. Komm mit mir, sagte Gott. Er spürte, wie der Schock über den in Wellen auftretenden Schmerz ihn hungrig machte nach Geborgenheit. Paradoxerweise brauchte er eine Hand, die ihn hielt. Niemand anderes als Gott sollte ihn halten dürfen. Angst und Abwehr aber ließen ihn nicht zu sich kommen. Er rang darum, weinen zu können. Doch er fürchtete das Gefühl der Hilflosigkeit und Schwäche. Ein Mann weinte nicht. Es schien ihm eklig. Der Druck, wissen zu müssen, was passieren würde in seinem Leben, pulsierte wie eine Wunde in ihm. Ich kann das nicht, ich kann so nicht gehen, sagte er. Der Weg in die Weite ist ein enormes Risiko, da ist einfach Nichts. — Da war nur er. Ich bin da, sagte Gott. Das hier, das Leben im Ungewissen, ist nicht viel besser. Stöhnend und klagend konnte er sich kaum fallen lassen. Außerdem wollte er nicht schon wieder einschlafen und war doch kurz davor. Es hatte ihn müde gemacht, gegen Gott zu kämpfen. Seine Nähe war unbeschreiblich. Nach allem, was passiert war, erwartete er nicht, dass Gott noch mit ihm ging.
Während sie durch das Nichts liefen, erinnerte er sich an viele zermürbende Kämpfe mit Menschen, nur um sich selbst nicht begegnen zu müssen. Er hatte ihnen die Hölle bereitet, denn seine Dämonen setzten sich auf die geliebten Menschen, um sie wahnsinnig zu machen. Niemand schien so viel Angst vor seinen eigenen Gaben und Schwächen zu haben. Bitte, gib nach, hatte er damals alle Götter, die ihm einfielen, bedrängt, ich verspreche, ich werde mich bemühen, ein guter Mensch zu sein, gib nach! Gott sah ihn lange an. Gib nach in was? Du bist nicht geliebt, nur weil du tust, was andere wollen. Du musst dich nicht verbiegen. Er verstand nicht. Er wollte nicht hören, wer er wirklich war, wollte gewinnen und kämpfen, wobei er sicher nicht gewinnen konnte, wo er vor sich selbst davonlief. Ich gebe dir dich, sagte Gott. Sein Herz brach, anders als er gedacht hatte. Mit Geduld und Barmherzigkeit wurde er durch das Nichts getragen. Er aber wollte sein Leben im Griff haben. Gottes Herz, wegen ihm zerbrochen, gab seinem Widerstand gegen seine unbewusste Eigenzerstörung einen tiefen Unterton der Heilung, einen Orgelpunkt von Sinn und Logik, eine volle Kadenz von Wertschätzung und Identität. Ich lasse dich nicht dich selbst kaputtmachen, sagte Gott. Er hatte einen langen Atem, da seine Verzweiflung und seine Sehnsucht aus den von Herzschlag durchgepumpten Schluchten seines Inneren nach außen durch ein Megaphon gedrungen waren. Sie schienen nicht zu versiegen, weder seine noch Gottes Schmerzen. Wie lange dieser Kampf, dieser Tanz ging, wusste er nicht. War die Heilung passiert, während er schlief? Es war ein Hoffen in ihm, dass er Gott nicht mehr testen musste, ob dieser ihn wirklich wollte. Er durfte auf ihm lasten.
Er erinnerte sich. Das bist du gewesen! Der mich verfolgt hat. Schon die ganze Zeit! Schon mein ganzes Leben. Woher wusstest du ... ? Ich bin Gott, erinnerte er ihn. Er hatte es fast vergessen. Er war wie ein Freund auf Augenhöhe. Das Feld seiner Angst war riesig für ihn, undurchdringlich wie ein Urwald. Selbst getragen auf starken Armen fiel es ihm schwer, Schritt für Schritt dieses Feld seines Herzens zu begehen. Er fühlte sich, als wöge er nichts. Du bist da, sagte Gott. Er spürte sich. Seltsam, dass es ihn gab. Wozu? Er probierte sich nach allen Seiten aus, atmete. Das Feld war nicht bedrohlich, es war nur sehr vernachlässigt und tat ihm leid. Er war betroffen. Kann ich nicht irgendwo anders neu anfangen? Er sah sich skeptisch um. Kahl und hell sah alles aus, fremd. Muss ich meine Geschichte hier fortführen? Er nickte. Ja. Bleibe hier. Es ist unsere Geschichte. Es ist die große Geschichte. Will, was du musst. Er schämte sich für sein Feld. Die Dämonen hatten alles zerbissen. Eine Reise woanders hin schien ihm sehr verlockend. Das Feld hier schrie nach Arbeit, mehr noch, schrie nach Liebe. Er seufzte. Wollen, was ich muss. Wie kann ich mich zwingen, dies hier zu wollen? Da blies Gott seinen Atem in sein Feld, so dass seine Kraft wirbelte und flog wie ein Same durch eine Wiese. Du willst, sagte er. Und du wirst sehen, dein Feld wird schnell blühen. Du wirst wachsen. Er ließ es regnen mit warmen Wolken voll Trost und Ermutigung.
Sein altes Herzklopfen kam zurück. Der Gottesschock saß ihm tief im Herzen. Die Details legten sich über die Furcht vor dem großen Unbekannten. Es war kühler Abend geworden, war nicht mehr heißer Mittag. Ein angenehmer Abendwind ging. Er betrachtete Gott von der Seite. Ich bin nicht überfordert von dir, antwortete Gott lächelnd. Ich schätze dich mehr als Regeln und Gesetz, und ich achte dich mehr, als du deine Schutzwelt brauchst. Er sagte nichts mehr. Von Mittag zu Mittag verging die Zeit. Der Kampf zwischen Gott und ihm erinnerte ihn an eine endlose Melodie — nicht mal an eine Melodie, sondern an eine aneinander gereihte, immer gleiche Abfolge von rhythmischen Akkorden, Sequenzen, die die Luft um sie zerschnitten, sich schon fast zu einem Tanz im Kreis drehten. Die Akkorde schienen immer lauter zu werden, aber eigentlich wurden sie das nicht: es war die Dichte der schnellen Abfolge und die vielen hoch gestapelten Töne wie Bücher in einer Bibliothek, die eine Steigerung der Lautstärke vorspiegelten. Der meditativ aktive Rhythmus drängte ihn, weiterzumachen. Er kämpfte im immer selben Rhythmus, dem einzigen, den er kannte. Seine Haut war dicht am Rhythmus.
Ich bringe dir meinen Rhythmus bei, sagte Gott. Doch du wirst staunen, wenn ich dir alles zeige. Er distanzierte sich nicht von ihm, als hätte er Aussatz oder die Pest. Immerhin hatten stinkende, quietschende Dämonen Flecken auf seinem Charakter hinterlassen. Viele Menschen würden sich abwenden. Auf dem Weg des inneren Kampfes lernte er Gott und sich selbst besser kennen. Seine Melodie hieß: Ich will leben, ich will leben, ich will leben. Ganz allmählich passierte ein Wunder. Dieser alte Rhythmus veränderte sich so fein, dass er erkannte, wie sein alter Rhythmus eigentlich wirklich hieß: ich will nicht, ich kann nicht, ich fürchte mich. es war schwer für ihn, sich das selber einzugestehen. Erst nach einer Weile hörte er die neuen Töne Gottes, die Verschiebung der Akkordreihenfolge und auch die Verschiebung des Taktes. Er hörte zu und war sprachlos. Sein Rhythmus war Gottes Herzschlag. Er wollte, dass er sein ganzes Wesen überflutete. Tanze, sagte der neue Rhythmus, der tiefe neue Furchen grub, sein Leben umgrub. Er hätte nicht gedacht, dass Rhythmus nicht aktiv sein musste, dass Rhythmus Hingabe sein könnte. Die Veränderung war ohne Druck geschehen, ohne Zwang und Strafe. Der Tanz-Kampf war ein Tun, aber geboren aus dem Schlaf in seinen Armen. Du darfst leben, sang Gottes Rhythmus. Du darfst sein, du darfst du selber sein.
Der Schmerz platzte auf wie eine überreife, duftende Frucht und durfte sich zeigen. Der Rhythmus zwang ihn nicht, aber hatte eine Macht, die wie ein Zwang war, eine Lust, zu wollen: loslassen und leben zu wollen. Sein alter Schmerz ließ seine Zähne los, mit denen er sich an seiner Seele, an seiner Haut festgebissen, ihn gefangen gehalten hatte. Sein Herz hatte statt Aussatz Augen bekommen, zu sehen. Woher kommt der neue Rhythmus? fragte er Gott. Seine Nähe durchsiebte und durchschüttelte. Sie sprach und lobte auf dem Rhythmus seines Herzens. Sie saßen lange schweigend da. Einfach zu sein, ohne zu kämpfen, war für ihn fremd. In der Zeit, als er in seiner Nähe geschlafen hatte, was hatte er verpasst? Er wappnete sich gegen neue Schmerzwellen. Gott fing an, ihn zu wiegen wie ein kleines Kind. Warum hast du so Angst, zu verpassen? Seine Stimme war beruhigend und ernst. Denkst du, ich würde dir Zeit rauben? Er spüre eine unglaubliche Wut. Du wirst sehen, dass es eine entscheidende Zeit war, loszulassen, sagte er.
Lärm und Ablenkung krochen und flatterten wie Flügelameisen davon. Mit Gottes Herzschlag war die Realität nackt und sehr ernüchternd, aber nicht mehr angsteinflössend. Es tut nicht mehr weh, dass es nicht mehr weh tut, sagte er erstaunt. Seine Arme wurden nicht müde, ihn zu stützen. Muss es weh tun? fragte Gott freundlich, muss alles weh tun? Frei sein tut weh. Versteckt wie eine Miene in einem Feld, einem Schlachtfeld, lag die bloße Abhängigkeit.
Freisein tut nicht mehr weh, sagte Gott.


(ISBN 9783943408126)

S p a m t r a p mail@dst.tux4web.de