Gedanke 30

Gedanke 30
Musiker sind seit jeher, zumindest seit 1600 ein fahrendes Volk. Viel anders ist es heute nicht. Es heißt, die Praktiker — im Gegensatz zu den Wissenschaftlern. Doch gleichzeitig sind wir Musiker Historiker. Durch Musik und Kunst kann ich Geschichte und geschichtliche Utopien nachempfinden. Ich spüre, dass eine lange Geschichte plötzlich aufrollt, wenn ich Musik mache. Es ist manchmal kaum erträglich und schmerzlich, da die lange Geschichte meine eigene berührt. Ich spüre die Wunden der Ablehnung und des Missverstandenseins, die so vielen Musikern zugefügt worden sind durch Jahrhunderte hindurch — und meine dazu, die mich persönlich betreffen. Musikersein ist ein Seins-Zustand.

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Unendlich viele Räume können sich in der. 4. Dimension öffnen, so kommt es mir auch in der Musik vor. Konvergieren aber hat immer einen Grenzwert. Konvergieren und Divergieren, auch wenn sie Gegensätze sind, sind letztendlich das Gleiche im Bereich der Unendlichkeit, konkret nur an der Unendlichkeit interessiert. Divergiert etwas nach Null? Nein. Konvergieren braucht erst eine Aufgabe und ist sehr abhängig von der Aufgabe, von der Funktion, von Null, vom Verhältnis. Aber Divergieren ist davon wesentlich freier, da Unendlichkeit keine Richtungen kennt. Der Kopf und die Seele des Menschen ist auch ein Raum, da gibt es auch Verhältnisse und Gesetzmäßigkeiten, nämlich das, was man subjektiv denkt, und das, was objektiv Wahrheit ist. Es gibt Menschen, die denken konvergent, sehr schlau, denken aber abhängig. Und dann gibt es das divergente Denken. Es ist bereits ein Wert an sich, eine Gabe. Man kann das Denken entdecken. Besitzt eine Folge, also ein Denkprozess, eine Summe und einen Grenzwert, eine Funktion, eine Abhängigkeit, so wird sie konvergent. Es mag sein, dass Divergenz und Denken nicht wirklich kongruent sind, aber ich finde dies ein schönes Bild, sie in Verbindung zu stellen. Konvergiert eine Kurve, wird sie oder das Ergebnis immer kleiner, obwohl die Zahl ins Unendliche geht. Divergenz hat keinen Grenzwert und ist auch nicht abhängig von einem solchen Grenzwert, seinen Sinn ist zu finden. Divergent zu denken hat für mich aber nur eine Grenze: die Wahrheit, und was ist die Grenze der Unendlichkeit? Gott.

Kreativität ist intuitives, innovatives, divergentes Denken. Denken mit seinem Geist. Divergent bedeutet, dass man aus anderen Bereichen Erkenntnisse und Lösungen auf neue Probleme überträgt. Eigentlich kommt dieser Begriff divergent aus der Mathematik, aus der Kurvendiskussion, und bedeutet auseinanderdriftend. Konvergent und divergent sind hier Annäherungsbegriffe in der Analysis. Eine Kurve nähert sich Null an, wird nie Null, konvergiert gegen Null und wird unendlich klein. Oder sie driftet von Null weg, divergiert ins Unendliche. Ist dies nicht sehr symbolisch? Für mich gehören divergent und konvergent zusammen, sie bedingen einander, sind eine Einheit, auch wenn sie Gegensätze sind. Kreativität braucht auch beides. Es ist natürlich nur ein Begriff. Man müsste neue Begriffe erfinden und definieren, die nicht schwammig sind. Begriffe sind in der Wissenschaft allerdings sehr wichtig. Aber was bedeutet der Begriff Kunst? Beim Divergenten wird aus Begrenzung ausgebrochen, es geht um Neues schaffen, Erkanntes auf neue Probleme anwenden, das Gegenstück zum konvergenten Denken. Dass Kreativität Denken ist, sogar Problemlösungs-Denken, mehr als traditionelles, menschliches, schulisches Denken, zeigt mir, dass ein Künstler von außen auf sein Werk, aus dem Konflikt heraus schaut. Die Gesetzmäßigkeit des Denkens ist die Sehnsucht, die Suche nach Wahrheit, für diese man bereit ist, anzuecken und zu leiden, daher kann man auch divergentes Suchen, Finden, Schaffen sagen. Es geht dabei um Ästhetik, die für mich mit Denken und Wahrnehmen zu tun hat. Divergentes Denken ist in Ebenen verschachtelt und strebt nach außen, es ist ein Angriffsdenken, ein aus Systemen denkendes Denken, genauer, in Systembeziehungen denkend, ein Übertragungsdenken im positiven Sinne. Es mag sein, dass das Wort divergent, seit 1967 von Joy Paul Guilford für Coachingszwecke und Intelligenzforschung genutzt, irreführend, vielleicht zu negativ benutzt werden kann oder für viele verstaubt wirkt. Für mich nähert er sich gut an, ein sich vergrößerndes, sich vermehrendes Denken. Es stimmt, dass Menschen mit hohem divergenten Denken, also Künstler, ihre Not haben mit Routine, Struktur und Alltag und Schwierigkeiten mit Menschen, die unflexibel, ungerecht, altmodisch und pedantisch sind, klein halten, ausbremsen. Sie kreieren, konstruieren gerne, haben Mut, Neues auszuprobieren. All diese Fähigkeiten braucht man auch in der Musik, in Wissenschaften, in der Schriftstellerei. Hohe Werte haben sie meist auch in symbolischen und semantischen Fähigkeiten, in abstrakter Symbolik, im konvergenten Denken, das heißt, hohes Problemlösungsverhalten, in Systemen, Sequenzierungen, Implikationen, also im Überblick und in Details. Ich bin immer noch fasziniert, dass Kreativität und Problemlösung eins sind, eng zusammengehören.
Können nun Künstler Leiter sein, wenn sie hohes divergentes Denken haben und Struktur und Ordnung vernachlässigen? Doch viele konventionelle Leiter haben keinen Mut, Neues zu schaffen, zu kombinieren, nicht die Kreativität, das Umsetzen und Erkennen von neuen Wegen. Künstler gehören daher trotz ihrer Mängel dringend auch in Leiterschaft. Sie sind an ganz neuen Problemlösungen dran. Konvergentes und divergentes Denken sind eine Einheit und gehören zusammen. Dadurch passen auch Kunst und Wissenschaft gut zusammen und sind nicht konträr. Sie sind Gegenstücke, aber im guten Sinn. Wie bringt man Künstlersein und Leitersein unter einen Hut? Wie Wissenschaft, Musik und Kunst? Dazu kommt für mich noch Frausein in einer Leiter-Männerwelt. Schach spiele ich ebenfalls divergent denkend. Es wundert mich, dass Schach oft eine Männerdomäne ist. Ich glaube, dass viele Frauen kreativ begabt und divergent denkend sind und sich einfach nicht trauen, sich dementsprechend einzusetzen.
Intelligenztests und Intelligenzforschung mögen umstritten sein, aber der SOI-Test hat meine Seele berührt, und Intelligenz hat viel mit Seele zu tun.

Ich glaube, Intuition ist eine Kraft. Eine Kraft aus Gesetzmäßigkeiten. Ich finde diese auch in der Musik und faszinierend. Ich glaube, dass Gott eine Person ist, dass es nicht um Frequenzen oder Mächte oder Synchronisierung geht, so auch der Heilige Geist, der Kraft ist und Person und nach Prinzipien arbeitet. Allerdings kann man ihn nicht auf die Art und Weise kennen lernen, wie eventuell süchtige Spieler einen Automaten, in dem sie vor ihm sitzen und sich die Reihenfolge der Lichter und Zahlen merken und die Abstände dazwischen. Wie viel Intuition braucht unser Land? Das Gegenteil von Intuition ist Unsicherheit. Viele Menschen in Deutschland leiden unter Dauer-Verunsicherung, unter chronischer Unsicherheit, unter Traumata, und damit unter psychosomatischen und psychischen Problemen. Ich glaube nicht, dass Gott unsicher ist.

Es gibt in der Musik und in der Kunst fundamentale, objektive Gesetze und Regeln. Ewige Regeln zu brechen, also das Ziel zu verfehlen, ist nicht gut. Ich bin jemand, der starre, abstrakte Regeln hasst. Gute Regeln würde ich nicht als Regeln bezeichnen: sie sind ein Fundament, auf dem etwas wachsen und blühen kann, zum Beispiel neue Dinge, Kreativität, Leben, Liebe. Ich selbst würde nicht richten, welche Kunst und Musik demnach unter gefährlich oder böse fallen würde. Musik sucht ja stets nach neuen Kombinationen und Wegen. Manchmal braucht es sehr lange, bis Menschen neue Wege in der Kunst überhaupt verstehen. Viele Künstler sind ihrer Zeit sehr voraus. Daher sind viele Künstler einsam und einfach anders als andere. Aber das Fundament von Kunst hat eine Reinheit, eine Echtheit, die man nicht verleugnen kann. Musik ist da wie Schach: es gibt eindeutige Regeln, eine Architektur, und doch Millionen Kombinationsmöglichkeiten: auf dem Fundament allerdings der Regeln. Diese Regeln haben viel mit Ästhetik zu tun: Ästhetik wiederum hat mit dem Herzen zu tun. Aus dem Herzen kommt heraus, wer man ist und was man denkt — im künstlerischen Schaffen mehr als im Interpretieren. Ästhetik hat viel mit dem Herzen zu tun und damit mit Motivation, eine der wichtigsten Wurzeln von Kunst. Daher ist es für mich wichtig, wie ich mich Ästhetik und damit meinem Herzen, meinem Gewissen und meiner Motivation in der Musik nähere. Ästhetik ist wichtiger noch als Ethik, wie man allgemein andersherum denkt (mehr als die Kultur einer Nation, die wiederum oft eine Anhäufung von menschlichem Denken ist), — denn es geht stets erst um das persönliche Herz und die Sorge darum, was man selbst eigentlich wirklich möchte, meint und sich entscheidet.
Kunst ist nicht ein Können, sondern ein Müssen.
(Arnold Schönberg)

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