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Tintenklang

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Tintenklang

Die Sterne zueinander in Intervallen,
angeleuchtet auch ich ein Planet.
Reflektiert mein Verglühen
meiner sich wie eine Kerze
aufzehrenden Energie?
Reflektiert mein Vergnügen
Tusche, Wort und Feder?
Die Nacht schwarztropfendes All,
das Leben ein Melodieinstrument,
eingespielt mit ruhigem Schwung.
Advent tönt neu mit sieben Liedern,
mit sieben Leuchtern.
Mein Stern kommt an.

Ravensburg

Ereignis Sonne

Weit weg vom Ereignis Sonne
färben Wolken rote Welt.
Herzschlag verfängt und fängt
sich im Himmel zu roter Lava,
morgens, abends.
Ich falle in mein Herz,
gedrängt zu roter Gottsuche.

Heilbronn
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Klangwiege

Noten in den Beinen, wenn ich laufe.
Noten im Kopf, der wie eine Baumkrone zur Wolke wächst.
Noten in den Muskeln: die Schleifen zum Geschenk Musik.
Noten in der Wirbelsäule, die eine Tonleiter wird.
Auf ihr steige ich hoch zum Klang.

Hilfe zur Hand. Bein in hoher Luft. Augen übersät.
Notenhals in hoher Luft.
Notenkopf übersättigt mit Ton.
Hilfe zur Hand. Mithilfe spiele ich.

Gerbrunn

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Gezeiten der Muschel

Weißer Lärm in einer Hörhöhle.
Das Meer kehrt wieder in die Hand.
Es hat abgerissen geschlafen,

 ohne Gehör.


Weißer Lärm in einer Vorhölle.

Das Fühlen kehrt wieder in das Herz.
Es hat rasend gehaust,

 ohne Verstand.

Nordsee

Für Stuttgart?

Einer kann nicht mehr.

Er kann nicht mehr sehen.

Sein Gesicht: Blut. Augen: Blut.

Er sitzt noch immer, bewegt sich
noch immer nicht fort von den alten Bäumen.

Weggetragen auf Händen, vorsichtig nun,

doch sehen kann er sie nicht,

die ihn tragen, die gewonnen
haben, 
die Bäume auch nicht mehr,
die nicht gewonnen haben, 
doch sie stehen noch,

genau wie er (wie lange noch?) —
er steht sitzend.

Er sitzt fragend,

an und für sich klagend,
anklagend.

Bäume können auch nicht sehen,

aber sie sind auch nicht
blind geworden.

Er: nun blind.

Er sitzt noch immer: blind.

Ob er sich fragt, wofür?

Für Stuttgart?

Stuttgart 21

Stuttgart 21

Stumm betrachten Bäume

den demokratischen Auflauf.

Unter langen Wimpernästen erkennen sie

Pfefferspray

und das Wasser,

scharf fliegendes.

Blut auch.

Hut ab.

Sie schütteln die Krone.

Stuttgart

21

Die Jungen, die schönen Jungen,

die ganz ganz Jungen,

die bitte vor,

die vor, bitte,
diese die Polizei.

Sie treffen auf Zorn

in seiner hilflosesten Weise:

 den Zorn der Welt.

Kein heiliger Zorn,

denn der ist nicht hilflos.

Es ist wütender Zorn.


Stuttgart 21

Höhenangst

Ich steige hinauf.

Sie sticht meine Füße,

brät meine Hände.
Ich zerrinne wie Butter.


Erst keine Füße mehr:
steig auf Knöcheln,

dann keine Knöcheln mehr:
lauf auf Waden,

dann keine Waden mehr:
rauf auf Knien:

auf abgerissenen

Oberschenkeln, auf Stummeln.



Sie frisst mich auf,
die Höhenangst, 
ich blute nicht.

Die letzten Meter mit Hals und Kiefer

gekrochen, immer kleiner geworden, mit Skalp angekommen.

Carillon Turm Rotterdam

Musikalie

Ein Ton wechselt

das Wort.

Gerücht erklingt, schmeckt Hören.

Ich übe Durst, bin Tastenschwamm.

Erlabrunn

Gedenken

 Dachau

Stummes Grillen und Geigen.
Wie eine Plage Heuschrecken

Verdacht, Verrat.

Rückwärts die Angst derer,

 deren Stirn gefangen war

hinter den Gitterstäben ihrer eigenen Haare,
hinter den Gitterstäben ihres eigenen Denkens.

Müdigkeit blutschwer,

bleiern wie Eisen im Wasser:

 vermodert Stock und Stein,

aber Zeugnis hier, Zeugnis nah,
so ruft die Wahrheit grell wie Briefe in den Wind:
Schweig, steh auf und singe,

schwing und spreng dir selbst ein Loch in den Himmel.

Auf sanften Flügeln der Erinnerung

zu landen wäre nicht genug — wäre erwünscht.
Zu schlafen wenigstens einmal zur Probe hier, wenigstens jetzt,

auf neuen Wiesen. Gibt es keine.

Vielleicht Ohren.
 Verzweifelt böse ist der Schaden.
Fluch getankt in genüsslicher Ruhe.
Und doch: durch Mord ein neues Lied entstanden:

Zwei Leuchter wachsen zusammen.

Deutschland und Israel.

Dachau

Hafen Hobart

Morgen ist Nacht.

Meine Füße in dunkler Erde

wie in Vollkornbrot, in Pausenbrot gewickelt.
Mit dem Gesicht zum Planeten liege ich

 am Ende der Welt:

endlos Himmel nah,

oben in Wolke,

unten in Wasser,

innen in mir.

Universum von Menschen

steht Kopf. Planet Kontinent.

 Falsche fremde Kirchenorgeltöne

kreuzen sich mir immer noch im Ohr,

 doch gehen gezüchtigt
und gerade wieder hervor

durch meine eigene Gehirnwaschung:
Absolutes Gehör auf 
Konzerterinnerung.

Und morgen ist Nacht.

Der Morgen die Nacht.

Hobart, Tasmanien

Scheinstimme

Was rumort der hörende Hunger Wahrheit?

 Spannt sich an vor Jubelklang

wie Pfeil und Saite?
Früherer 
Anschein von Herrlichkeit im Doppelboden,
Schlüsselworte tönten zwanglos.
Nun 
Soli Deo Gloria!

Anmut der Welt in diesem Licht verblasst.

Schlafwandlerisch meine Hand in helle Freiheit und
folge Bach.

Leipzig

Dialog mit Gott

Frischer, mit einem Zirkel zerkratzter
 Mückenstich –

Was magst du griffige Sterblichkeit?


Erkenne fern und stückweise klar

Tiefes, trockenes Weh in mir still geglättet

Von deiner Hand.


Es klopft und wartet ein Teil von mir,

Ähnlich wie Ruhe auf Ungeduld — auf dich,

Dass du mich festhältst mit schwindligem Schweigen.


 Hebe das Gesicht: küsst mich auf trotzigen Mund,

Bückst dich zu tautröpfigen Zehen,

 Blühst mich unsterblich auf.

 
Meine sehnsuchtsvolle Neugier

Wie ein Echo in deiner Hand.

Und was magst du, entzückende Sterblichkeit?
Ewig leben.

Karlstadt

Dirigent

Eine Stimmgabel klingt in meiner Brust.

Sofort setzt mein Orchester ein

im Saufen lichterloher Lust
und Fideln von Ohnmacht. Wie soll's sein?

Und hilflos ohne Dirigent

ist Klangvolles das, was keiner mehr kennt.



Doch nun, wer ruft ins Laute, Stille
 und
leitet Streicher himmelwärts?

Wille entzwei, schnappt nach Luft wie mein Ton.

Das Klanglicht aber ein drängender Wille

von anderswoher, ein reineres Herz,

von außen, nicht menschlich, lockt ohne Hohn.



Er sieht mich, von innen; das Orchester reist fort.

— Komm, lass deinen Ton in meiner Hand ruhn. —



Sieht aus wie ein König, ein Vater-Akkord

und ist er’s doch wirklich und ich muss nichts tun.


Der Ausdruck aus Stille mit Saiten und Klang,

mit neuen Balladen, geträufelt Gesang.

Es spielt hier ein Cello mein Weinen entlang.

Zu zweit auf der Bühne: kein Trieb mehr, kein Drang.

Schwäbisch Gmünd

Wimpernflug

Bis zu meinem Kopf lächelst du vor,

mit Himmel auf der Zunge.

Ich hatte Kummer:

Organdickicht aufgeschnitten,

Schläfen schwollen an,

linkes Herz ein Hausgrab. Wo warst du?

Du sagst doch, du siehst mich.

Ja.
 Der Schock hinter meinen Augenbrauen schweigt.

Stimme sticht wie Wespe.

Vorbei zog nur das Warten,

schmerzend wie Durst.

 Dein Blick himmelwärts ansteckend.

Windschief in den Angeln mein Protest.

Blinzle gegen dich mit zugeknöpfter Sonnenbrille.

Durch deinen leichten Wimpernschlag

stumpfen meine Waffen ab.

Ich war hier.

Furcht in Kapuze gehüllt,

uralte Herzrüstung kreischt im Scharnier,

ich schreie: wo?
Hab dich in der Menschenmenge verloren,
kann dich nicht sehen.

Schatten sind nur in der anderen Richtung Sonne,

 sagst du, und deine Ruhe trägt ein

getupftes Hemd.

Chitwan, Nepal

Intim

Irgendwo mitten in deinen Blick schaue ich.

Freiheit hat eine Nase.

Ich gehe die helle Meile bis Heimat,

 gehe die rote Meile bis zum Mund.

Deine Ermutigung riecht scheu.

Furcht um meine Finger gläsernglatt,

introvertiert nackt.

Ich kann hinausschauen aus mir.

Du eine Augenweide. Ich höre mit Herzschlag

meine Kehrtwendung,
wuchere in mir.

Mein Wort? Weh. Dein Wort weich.

Traue mich die letzte Meile.

Aachen

Nähe

Zerschmolzen wie flüssiger Zinn und

Weich und warm über meine Haut gegossen,

 Spiegelt, weitet mich dein Mund.



Meiner ist wie eine blutvolle Beere

Mit verzweifeltem Nachdruck

 Sanft zerrissen;

Doch läutert sich nicht:

 Wird geläutert.



Mein Schmerz klebt.

Verunsichere ihn, doch träne.

Herzschlag sucht Leben,

Haut schlimm mit Wirbelsäule verzahnt.

Wie ein blauer Daumen pulsiert meine Leere.


Doch schnurrend, glucksend
Einer Dotterblume gleich ist dein Kuss.



Mit nachtblauumwehtem Gesicht,

Sommerfeuerrotem Haar stehen wir.

Atemlos von deinem blauen Rot,

 Bin ich dein rotes Blau
 —
Im Geküsstsein.

Nürnberg

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